Iranischer Insider stellt Atomstrategie infrage: 60-Prozent-Uran wurde zum Bumerang

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Iranischer Insider stellt Atomstrategie infrage: 60-Prozent-Uran wurde zum Bumerang


Hamzeh Safavi, Sohn des früheren Revolutionsgarden-Chefs Yahya Rahim Safavi, übt ungewöhnlich offene Kritik an Teherans Atomkurs. Die auf 60 Prozent angereicherten Uranbestände hätten Iran nicht geschützt. Nach seiner Argumentation wurden sie vielmehr selbst zu einem Auslöser für militärischen Druck und Angriffe.

Iranischer Insider stellt Atomstrategie infrage: 60-Prozent-Uran wurde zum Bumerang
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Die Debatte über das iranische Atomprogramm bekommt eine bemerkenswerte Stimme aus dem Umfeld des Regimes. Hamzeh Safavi, Politikwissenschaftler an der Universität Teheran und Sohn von Yahya Rahim Safavi, einem früheren Oberkommandierenden der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen und langjährigen Militärberater der iranischen Führung, stellt öffentlich die strategische Logik hinter Irans hoch angereichertem Uran infrage. CNN bezeichnete ihn im April als Unterstützer des iranischen Systems und verwies auf seine engen familiären Verbindungen zu den Revolutionsgarden. Gleichzeitig tritt Safavi zunehmend als pragmatischer Kritiker einzelner Entscheidungen Teherans auf.

Ein von MEMRI verbreiteter Videoausschnitt lenkt nun erneut Aufmerksamkeit auf Safavis Aussagen zum Atomprogramm. Die vollständige MEMRI-Transkription war zum Zeitpunkt unserer Recherche technisch nicht abrufbar. Entscheidend ist jedoch, dass zentrale Aussagen Safavis auch in iranischen Quellen dokumentiert sind.

Besonders deutlich äußerte er sich zur Anreicherung auf 60 Prozent.

Safavi wandte sich gegen die Behauptung, der große Vorrat an hoch angereichertem Uran habe Iran vor einem noch schwereren Angriff geschützt. Wenn man argumentiere, dass der Uranbestand einen nuklearen Angriff verhindert habe, müsse man ebenso fragen, ob gerade dieser Bestand nicht selbst wesentlich zur militärischen Eskalation beigetragen habe. In iranischen Veröffentlichungen wird seine Position sinngemäß so wiedergegeben: Das 60-Prozent-Uran habe Sanktionen, militärischen Druck und Angriffe nicht verhindert.

Das ist bemerkenswert, weil damit ein Grundgedanke der iranischen Abschreckungsstrategie angegriffen wird.

Als Verhandlungsmasse gedacht, dann zum Problem geworden

Noch brisanter ist Safavis Darstellung darüber, weshalb Iran überhaupt auf 60 Prozent ging.

Nach seinen Angaben habe ihm Ali Akbar Salehi, der frühere Leiter der iranischen Atomenergieorganisation, erklärt, die Anreicherung auf 60 Prozent sei ursprünglich als Verhandlungshebel gedacht gewesen. Iran habe damit gegenüber dem Westen eine stärkere Ausgangsposition schaffen und später Zugeständnisse eintauschen wollen.

Safavi zufolge sei gerade daraus jedoch ein immer größeres Problem entstanden. Er zitierte Salehi mit der Einschätzung, das Instrument sei schließlich zu einem regelrechten "Monster" für Iran geworden. Mehrere iranische Medien verbreiteten diese Aussage Ende Juni.

Sollte diese Darstellung Salehis zutreffen, wäre das politisch ausgesprochen aufschlussreich.

Denn dann wäre die Anreicherung auf 60 Prozent zumindest nach dieser Schilderung nicht allein aus einem konkreten zivilen Bedarf entstanden. Sie wäre bewusst als Druckmittel gegenüber den Verhandlungspartnern aufgebaut worden.

Der Versuch, durch nukleare Eskalation bessere Verhandlungsbedingungen zu schaffen, hätte jedoch genau die gegenteilige Wirkung entfaltet.

Je näher Iran technisch an die Schwelle zur möglichen Herstellung von waffenfähigem Material rückte, desto größer wurden in IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und den USA die Befürchtungen, dass Teheran irgendwann die Entscheidung zum Bau einer Bombe treffen könnte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass 60-prozentig angereichertes Uran bereits eine Atombombe ist.

Dieser Unterschied ist entscheidend.

Vor den israelischen und amerikanischen Angriffen verfügte Iran nach Schätzungen der Internationalen Atomenergiebehörde über rund 440,9 Kilogramm Uran mit einer Anreicherung von bis zu 60 Prozent. Nach dem Maßstab der IAEA wäre diese Menge nach weiterer Anreicherung grundsätzlich ausreichend gewesen, um spaltbares Material für ungefähr zehn Kernwaffen herzustellen. Waffenfähiges Uran wird üblicherweise mit etwa 90 Prozent Uran-235 angegeben. Anschließend wären noch weitere technische Schritte zur Herstellung einer funktionsfähigen Kernwaffe notwendig.

Das iranische Regime bestreitet weiterhin, Atomwaffen anzustreben.

Die IAEA erklärte im März zudem, ihr lägen keine glaubwürdigen Hinweise auf ein aktuell koordiniertes iranisches Atomwaffenprogramm vor. Gleichzeitig kann die Behörde den Verbleib großer Teile des hoch angereicherten Materials seit den Angriffen nicht vollständig verifizieren.

Das Uran bleibt der gefährlichste Trumpf Teherans

Gerade deshalb ist Safavis Kritik heute so relevant.

Der verbliebene Uranbestand gehört inzwischen zu den wichtigsten Streitpunkten zwischen Teheran und Washington. Die USA wollen verhindern, dass Iran dieses Material weiterhin kurzfristig als Ausgangspunkt für eine weitere Anreicherung nutzen kann. Iran wiederum betrachtet das Uran als strategischen und politischen Hebel.

IAEA-Chef Rafael Grossi erklärte im März, dass vermutlich etwas mehr als 200 Kilogramm des auf 60 Prozent angereicherten Materials weiterhin in einem unterirdischen Komplex bei Isfahan lagern. Die genaue Menge ist jedoch nicht verifiziert. Iran hatte der IAEA nach den Angriffen weder vollständigen Zugang zu den betroffenen Anlagen ermöglicht noch den Verbleib sämtlicher Bestände nachvollziehbar offengelegt.

Im Mai berichtete Reuters unter Berufung auf iranische Quellen, die iranische Führung habe angeordnet, das 60-Prozent-Uran nicht vollständig außer Landes bringen zu lassen. Gleichzeitig wurden Kompromissmodelle diskutiert, beispielsweise die Abgabe eines Teils an einen Drittstaat und die Verdünnung eines anderen Teils innerhalb Irans.

Safavi selbst hatte gegenüber Le Monde bereits verschiedene denkbare Modelle genannt, darunter internationale Lagerung oder eine Verdünnung des Materials. Dabei machte er deutlich, dass Teheran den Uranbestand zugleich als gegenseitigen Verhandlungshebel betrachtet.

Damit zeigt sich der grundlegende Widerspruch.

Was als Druckmittel gedacht war, wurde zu einem der wichtigsten Gründe für internationalen Druck auf Iran.

Was Abschreckung schaffen sollte, konnte die Zerstörung großer Teile der iranischen Nuklearinfrastruktur nicht verhindern.

Und was Teheran bessere Verhandlungsbedingungen verschaffen sollte, ist heute selbst eines der schwierigsten Hindernisse für eine umfassende Vereinbarung.

Safavis Argument lautet deshalb nicht, Iran habe keine Sicherheitsprobleme oder Israel und die USA stellten keine Bedrohung dar. Im Gegenteil, er hat Israels technologische und nachrichtendienstliche Überlegenheit bereits als ernste strategische Gefahr für Iran bezeichnet.

Seine Schlussfolgerung ist eine andere: Die bisherige iranische Antwort auf diese Gefahr hat offenbar nicht funktioniert.

Das macht seine Worte politisch interessant.

Safavi ist weder Atomunterhändler noch Regierungsmitglied. Seine Äußerungen sind daher keine offizielle Kursänderung Teherans. Seine Nähe zum Machtapparat macht es jedoch schwer, sie als bedeutungslose Kritik eines außenstehenden Oppositionellen abzutun.

Besonders vorsichtig muss zudem mit einem weiteren derzeit kursierenden Ausschnitt seiner Aussagen umgegangen werden. In sozialen Netzwerken wurde Safavi mit der Behauptung zitiert, Iran habe seit Jahrzehnten versucht, eine Atombombe zu bauen. Der vollständige KontextKontextualisierung: Fakten verständlich einordnenKontextualisierung bedeutet, Informationen in einen Zusammenhang zu stellen. Sie hilft, Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern mit Vorgeschichte, Ursachen, Folgen und beteiligten Akteuren zu verstehen.Mehr lesen wird in iranischen Veröffentlichungen anders wiedergegeben: Safavi sprach demnach davon, dass Iran aus Sicht der internationalen Gemeinschaft über Jahrzehnte als Staat wahrgenommen worden sei, der nach einer Bombe strebe. Daraus eine persönliche "Enthüllung" eines jahrzehntelangen geheimen Bombenprogramms zu machen, wäre daher nicht sauber belegt.

Die belastbarere Aussage ist ohnehin bemerkenswert genug.

Ein Mann aus dem unmittelbaren Umfeld der iranischen Machtelite stellt öffentlich die Frage, was die massive nukleare Eskalation seinem Land tatsächlich gebracht hat.

Die bisherige Bilanz fällt nach seiner eigenen Argumentation düster aus: Sanktionen, getötete Nuklearwissenschaftler, zerstörte Anlagen, militärische Angriffe und ein Uranbestand, der anstatt Sicherheit zu schaffen selbst zum strategischen Risiko geworden ist.

Für Teheran könnte genau diese Frage wichtiger werden als die technische Frage, wie viel Uran noch unter Isfahan liegt:

War das 60-Prozent-Uran ein Instrument iranischer Stärke oder einer der größten strategischen Fehler des Regimes?



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Montag, 17. August 2026

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