Teherans digitales Terrornetz verfolgt Protestierende bis ins Schlafzimmer
Nicht nur Internetabschaltungen prägen Irans Repression. Ein umfassendes Überwachungssystem verknüpft Gesichtserkennung, Standortdaten und personalisierte Drohungen mit Unterstützung aus Russland und China.

Während internationale Aufmerksamkeit sich häufig auf vollständige Internetabschaltungen in Krisenzeiten konzentriert, zeigt eine aktuelle Recherche der The New York Times, dass Iran längst weitergegangen ist. Das Regime hat demnach ein digitales Überwachungsnetz aufgebaut, das Demonstranten auch Monate nach Protesten identifizieren, lokalisieren und gezielt einschüchtern kann.
Im Zentrum steht die sogenannte „Nationale Informationsinfrastruktur“, ein seit 2013 entwickeltes Kommunikationssystem, das es dem Staat erlaubt, Datenströme zu kontrollieren, Inhalte zu filtern und Nutzeraktivitäten detailliert zu überwachen. Für die rund 90 Millionen Bürger bedeutet das: Der Zugang zum globalen Internet ist steuerbar wie eine Zugbrücke. Dienste können selektiv gedrosselt, blockiert oder manipuliert werden.
SMS-Drohungen nach Demonstrationen
Besonders brisant ist die laut Bericht neue Praxis personalisierter Einschüchterung. Zahlreiche Iraner erhielten demnach SMS-Nachrichten, in denen ihnen mitgeteilt wurde, ihre Teilnahme an „illegalen Versammlungen“ sei registriert worden. Zugleich wurden sie gewarnt, sie stünden unter nachrichtendienstlicher Beobachtung.
Menschenrechtsorganisationen und IT-Experten führen dies auf die Auswertung von Standortdaten zurück, die Mobiltelefone automatisch erzeugen. Über Funkzellen, IMSI-Catcher oder andere technische Mittel können Behörden offenbar nachvollziehen, wer sich wann an einem bestimmten Ort aufhielt. Die Kombination mit Identitätsdaten erlaubt eine direkte Zuordnung.
Das System arbeitet nicht fehlerfrei, doch seine Wirkung ist eindeutig: Es schafft ein Klima ständiger Unsicherheit. Jede Bewegung im öffentlichen Raum kann digital erfasst werden.
Gesichtserkennung und ausländische Technik
Neben Standortdaten nutzt Iran laut Bericht auch Gesichtserkennungstechnologie. In öffentlichen Räumen installierte Kameras können Personen identifizieren und mit Datenbanken abgleichen. Besonders Frauen ohne vorgeschriebenes Kopftuch geraten ins Visier. Mehrere Betroffene berichteten, unmittelbar nach dem Passieren von Kontrollpunkten Drohnachrichten erhalten zu haben.
Ein zentrales Instrument soll das System „SIAM“ sein, das Nutzerverhalten dokumentiert und gezielt eingreifen kann bis hin zur Verlangsamung der Internetgeschwindigkeit einzelner Personen.
Die technische Ausstattung stammt nicht ausschließlich aus eigener Entwicklung. Laut Recherche lieferten chinesische Unternehmen wie Huawei und ZTE Netzwerktechnik, während russische Firmen Beratung zur Verkehrsüberwachung und Filterung geleistet haben sollen. Diese internationale Zusammenarbeit stärkt die digitale Kontrollfähigkeit des Regimes erheblich.
Digitale Fallen für Umgehungsversuche
Viele Iraner versuchen, staatliche Zensur mit VPN-Diensten oder Satelliteninternet wie Starlink zu umgehen. Doch auch hier reagiert das Regime. Sicherheitsforscher berichten von gefälschten VPN-Apps und vermeintlichen Starlink-Anwendungen, die tatsächlich Spionagesoftware enthalten. Wer sie installiert, öffnet den Behörden direkten Zugriff auf Dateien und private Kommunikation.
Zudem drohen bei Nutzung nicht genehmigter Satellitenverbindungen harte Strafen. Berichten zufolge können diese von Haft bis zu extremen Sanktionen reichen.
Überwachung als strategisches Machtinstrument
Die digitale Repression ergänzt die klassische Unterdrückung durch Sicherheitskräfte. Während Proteste früher durch physische Präsenz eingedämmt wurden, reicht heute eine Datenbank. Die Verbindung von Identität, Standort und Kommunikationsverhalten macht Opposition riskanter als je zuvor.
Für das Regime unter dem Obersten Führer Ali Khamenei bedeutet diese technologische Aufrüstung ein Instrument zur langfristigen Kontrolle. Demonstrationen mögen auf den Straßen abflauen digital bleiben ihre Teilnehmer registriert.
Die Enthüllungen zeigen, dass autoritäre Systeme nicht nur auf Gewalt setzen, sondern auf algorithmische Präzision. Repression wird unsichtbarer, aber nicht weniger wirksam. Die iranische Bevölkerung lebt zunehmend in einem Raum, in dem physische und digitale Realität miteinander verschmelzen und jede Spur potenziell gegen sie verwendet werden kann.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 13. Februar 2026