Syriens neue Führung schließt Frauen von Militär- und Sicherheitsstudiengängen aus

Syriens neue Führung schließt Frauen von Militär- und Sicherheitsstudiengängen aus


Frauen dürfen an zwei neuen staatlichen Hochschulen zahlreiche Studiengänge nicht belegen. Menschenrechtler sprechen von Diskriminierung und warnen vor einer systematischen Zurückdrängung von Frauen aus staatlichen Machtpositionen.

Syriens neue Führung schließt Frauen von Militär- und Sicherheitsstudiengängen aus
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Syriens neue Führung verspricht einen politischen Neuanfang. Doch ausgerechnet beim Aufbau der künftigen Armee und Sicherheitsbehörden werden Frauen weitgehend ausgeschlossen. Zwei staatliche Hochschulen, die Fachkräfte für Verteidigung und innere Sicherheit ausbilden sollen, verweigern Bewerberinnen den Zugang zu zahlreichen Studiengängen. Betroffen sind nicht nur militärische Laufbahnen, sondern auch Rechtswissenschaften, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften sowie gesellschaftswissenschaftliche Fächer.

Die Beschränkungen stehen in den offiziellen Zulassungsbedingungen für das Studienjahr 2026/27, die das syrische Hochschulministerium am 30. September veröffentlichte. Am 19. Oktober endete die Bewerbungsfrist, ohne dass die umstrittenen Regeln aufgehoben wurden.

An der Nationalen Universität für Verteidigungswissenschaften bleiben unter anderem die Studiengänge Recht, Wirtschaft, Management und Sozialwissenschaften Männern vorbehalten. An der Syrischen Universität für Sicherheitswissenschaften dürfen Frauen nach den veröffentlichten Regeln lediglich Studiengänge im Bereich Cybersicherheit belegen.

Das ist weit mehr als eine Entscheidung über die Ausbildung von Soldaten. Wer Frauen selbst vom Studium der Rechts- und Verwaltungswissenschaften innerhalb der Verteidigungsinstitutionen ausschließt, verweigert ihnen den Zugang zu künftigen Führungspositionen in staatlichen Einrichtungen.

Human Rights Watch kritisiert die Vorschriften deshalb als Verstoß gegen Syriens internationale Verpflichtungen und gegen die eigene Verfassungserklärung.

Frauen sollen nicht über die Sicherheitsorgane mitentscheiden

Die syrische Regierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa steht vor der Aufgabe, Militär, Polizei und Verwaltung nach Jahren des Bürgerkriegs neu aufzubauen. Dabei entscheidet sich auch, wer künftig Zugang zu staatlicher Macht erhält.

Die neuen Zulassungsregeln treffen genau diesen Bereich. Männer können sich für die Ausbildung zu Offizieren, Militärjuristen und Verwaltungsfachkräften bewerben. Frauen bleiben von weiten Teilen dieser Laufbahnen ausgeschlossen.

Hiba Zayadin, Syrien-Expertin von Human Rights Watch, kritisiert, dass die neuen Sicherheitskräfte weitgehend ohne Frauen aufgebaut würden. Selbst die Ausbildung für juristische oder administrative Funktionen innerhalb der Armee bleibe ihnen verwehrt.

Die Regierung hat zwar ein Frauenpolizeiinstitut eingerichtet, dessen erster Jahrgang im September abschloss. Das ändert jedoch nichts an den weitreichenden Beschränkungen an den neuen Hochschulen.

Bereits im August hatten die syrischen Behörden außerdem entschieden, Angehörige der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ nicht in die reguläre Armee zu übernehmen.

Damit zeichnet sich eine Entwicklung ab: Frauen können in einzelnen staatlich vorgesehenen Bereichen tätig sein, erhalten aber keinen gleichberechtigten Zugang zum Aufbau der neuen militärischen Institutionen.

Auch außerhalb des Sicherheitsapparats bestehen Einschränkungen. Bestimmte technische Ausbildungswege in der Erdöl-, Gas- und Eisenbahnwirtschaft sind Männern vorbehalten. Umgekehrt bleiben einige Studiengänge für Kindergartenpädagogik, Hebammenwesen und Pflege ausschließlich Frauen vorbehalten.

Diese Aufteilung weist Frauen traditionelle Tätigkeitsfelder zu, während zentrale technische und sicherheitspolitische Bereiche überwiegend Männern vorbehalten bleiben.

Die Versprechen von Damaskus und die politischen Tatsachen

Die neuen Beschränkungen stehen nicht isoliert. Bereits im Dezember 2024 hatte ein Sprecher der neuen syrischen Führung öffentlich Zweifel geäußert, ob Frauen für bestimmte politische und juristische Ämter geeignet seien. Im darauffolgenden Januar drohten Behörden in Latakia weiblichen Staatsbediensteten wegen angeblich übermäßigen Make-ups mit Konsequenzen.

Solche Vorgänge werfen die Frage auf, welches Frauenbild die neue politische Ordnung prägt.

Dabei ist die Herkunft des syrischen Präsidenten politisch relevant. Ahmed al-Scharaa führte früher die islamistische Organisation Hayat Tahrir al-Scham und war zuvor mit dem syrischen Ableger von al-Qaida verbunden. Nach dem Sturz der Assad-Herrschaft versprach er einen politischen Übergang und den Schutz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen.

Die aktuellen Zulassungsregeln müssen deshalb auch an diesen Versprechen gemessen werden.

Eine neue Regierung kann sich nicht allein durch Erklärungen über Reformen und nationale Einheit definieren. Entscheidend ist, welche Rechte sie ihren Bürgern tatsächlich gewährt und welche Menschen von staatlicher Verantwortung ausgeschlossen bleiben.

Besonders deutlich wird der Widerspruch bei der juristischen Ausbildung. Ein Staat, der Rechtsstaatlichkeit verspricht, Frauen aber vom Studium für juristische Funktionen in seinen eigenen Verteidigungsinstitutionen ausschließt, verhindert ihre gleichberechtigte Mitwirkung an der Gestaltung dieser Institutionen.

Die syrische Christin Sally Obeid, Mitbegründerin des Syrian Christian Congress, kritisierte die Regeln mit einem Vergleich zur Politik der Taliban in Afghanistan. Sie warf der Führung in Damaskus vor, Frauen aus wichtigen Bildungs- und Berufswegen verdrängen zu wollen.

Der Vergleich ist eine politische Warnung, keine Gleichsetzung sämtlicher syrischer Verhältnisse mit Afghanistan. Er macht jedoch deutlich, welche Sorgen die Entscheidungen innerhalb der syrischen Gesellschaft auslösen.

Die neuen Regeln sind inzwischen auch von unabhängigen syrischen Medien aufgegriffen worden. Einige geschlechtsspezifische Zugangsbeschränkungen bestanden bereits unter dem früheren Assad-Regime. Die neu gegründeten Verteidigungs- und Sicherheitshochschulen schaffen nun aber weitere Ausschlüsse gerade in jenem staatlichen Bereich, der unter der neuen Führung umgestaltet wird.

Für die internationale Bewertung Syriens ist das erheblich. Die Regierung sucht diplomatische Anerkennung, wirtschaftliche Unterstützung und internationale Zusammenarbeit. Gleichzeitig entscheidet sie durch offizielle Hochschulvorschriften darüber, dass Frauen an zentralen Stellen des staatlichen Sicherheitsapparats künftig kaum vertreten sein können.

Human Rights Watch fordert die Aufhebung der Beschränkungen. Nach Auffassung der Organisation widersprechen sie nicht nur grundlegenden Gleichheitsrechten, sondern auch den erklärten Reformzielen des politischen Übergangs.

Die Bewerbungsfrist ist nun abgelaufen. Damit bleibt den betroffenen Frauen für dieses Studienjahr der Zugang zu zahlreichen Ausbildungswegen verschlossen.

Der Fall zeigt, woran Syriens neue Führung gemessen werden muss: nicht an ihren Ankündigungen gegenüber ausländischen Regierungen, sondern an den Rechten, die sie der eigenen Bevölkerung tatsächlich gewährt.

Wer Frauen den Zugang zu Ausbildung und staatlicher Verantwortung verweigert, schafft keine gleichberechtigte politische Ordnung. Er schreibt ihre Benachteiligung bereits in die Institutionen des neuen Staates ein.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 22. Oktober 2026

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