Saddam-Porträt und Schüsse auf Kurden: Hasaka zeigt, wie fragil Syriens neue Ordnung ist

Saddam-Porträt und Schüsse auf Kurden: Hasaka zeigt, wie fragil Syriens neue Ordnung ist


Arabische Demonstranten fordern in Hasaka die vollständige Kontrolle durch Damaskus und greifen kurdische Symbole an. Drei kurdische Brüder wurden angeschossen beziehungsweise misshandelt, während bei einer Kundgebung ausgerechnet Saddam Hussein hochgehalten wurde.

Saddam-Porträt und Schüsse auf Kurden: Hasaka zeigt, wie fragil Syriens neue Ordnung ist
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Die neue syrische Ordnung bekommt in Hasaka einen gefährlichen Riss. Nur Monate nachdem Damaskus und die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte ihre militärischen und zivilen Strukturen schrittweise zusammenführen wollten, eskalieren in der nordöstlichen Stadt ethnische Spannungen zwischen Arabern und Kurden.

In den vergangenen Tagen demonstrierten arabische Regierungsanhänger gegen den verbliebenen Einfluss kurdischer Institutionen und forderten die vollständige Kontrolle der Stadt durch Damaskus. Dabei wurden kurdische Fahnen und andere Symbole gezielt angegriffen. Kurdische Bewohner reagierten mit Gegenprotesten, Sicherheitskräfte feuerten nach Berichten und Videoaufnahmen Schüsse in die Luft, um Menschen auseinanderzutreiben.

Besonders schwer wiegt ein Übergriff vom Freitag.

Drei kurdische Brüder im Alter von 16, 19 und 20 Jahren wurden nach Angaben des kurdischen Senders Rudaw von bewaffneten Männern angegriffen, als sie in einem Fahrzeug mit einer Kurdistan-Fahne durch Hasaka fuhren. Zwei von ihnen wurden angeschossen, der dritte geschlagen. Der 16-Jährige musste am Becken operiert werden, mehrere Kugeln sollen noch in seinem Körper stecken. Sein älterer Bruder wurde am Hals getroffen.

Wer genau die Angreifer waren und ob sie einer staatlichen Struktur angehörten, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Dass der Angriff im unmittelbaren Umfeld der ethnisch aufgeladenen Proteste stattfand, macht ihn dennoch politisch hochbrisant.

Ein Saddam-Porträt ist für Kurden keine harmlose Provokation

Noch deutlicher wurde die Feindseligkeit bei einer Kundgebung auf dem Freedom Square.

Arabische Demonstranten, die eine vollständige Rückkehr syrischer Staatsmacht forderten, hielten dort ein Porträt des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein hoch.

Für Kurden ist das kein gewöhnliches Symbol vergangener arabischer Machtpolitik.

Saddam Husseins Regime führte Ende der 1980er Jahre die Anfal-Kampagne gegen die kurdische Bevölkerung im Irak. Tausende Dörfer wurden zerstört, Menschen deportiert, verschleppt und getötet. Besonders berüchtigt ist der Giftgasangriff auf Halabja vom 16. März 1988, bei dem Tausende Zivilisten starben.

Die Anfal-Kampagne wird international weithin als Genozid an den Kurden bewertet.

Wer in einem kurdisch geprägten Gebiet ein Porträt Saddam Husseins hochhält, kann deshalb kaum erwarten, dass dies als nostalgische Erinnerung an einen ehemaligen arabischen Staatschef verstanden wird. Das Symbol trifft direkt einen der tiefsten historischen Traumata der kurdischen Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass Saddam systematisch Arabisierungspolitik betrieb. Kurdische Familien wurden aus bestimmten Regionen verdrängt, arabische Familien angesiedelt und kurdische Identität zurückgedrängt.

Genau deshalb besitzt das Saddam-Porträt in Hasaka eine zusätzliche Sprengkraft.

Denn auch der aktuelle Konflikt dreht sich um Sprache, Verwaltung, Symbole und die Frage, wie viel kurdische Eigenständigkeit in einem künftig zentral regierten Syrien bestehen bleibt.

Kurdische Bewohner haben in den vergangenen Monaten immer wieder dafür demonstriert, dass ihre Sprache und kulturellen Rechte nicht nur durch politische Erklärungen, sondern dauerhaft institutionell geschützt werden. Noch im Mai gingen in Qamishli Menschen auf die Straße und forderten die verfassungsrechtliche Anerkennung des Kurdischen und Unterricht in ihrer Muttersprache.

Der Konflikt ist damit viel grundsätzlicher als ein Streit um Fahnen.

Es geht darum, ob das neue Syrien ein Staat sein wird, in dem Kurden tatsächlich gleichberechtigte Bürger mit eigener Sprache und kultureller Identität bleiben, oder ob unter dem Schlagwort nationaler Einheit erneut eine schleichende Arabisierung beginnt.

Der Integrationspakt sollte genau solche Konflikte verhindern

Im Januar 2026 hatten Damaskus und die SDF nach schweren Kämpfen eine umfassende Waffenruhe und einen Integrationsplan vereinbart.

Die Vereinbarung sah vor, militärische Einheiten der SDF in staatliche Strukturen zu überführen, kurdische zivile Institutionen schrittweise in den syrischen Staat einzugliedern und zugleich kulturelle, sprachliche und politische Rechte der Kurden zu garantieren.

Regierungskräfte beziehungsweise Einheiten des Innenministeriums wurden in Teile Hasakas und Qamishlis entsandt. Gleichzeitig sollten lokale kurdische Sicherheitsstrukturen zunächst weiterarbeiten und später integriert werden.

Auch politisch wurden Kompromisse gefunden. Der kurdische Politiker Nour al-Din Ahmed wurde Gouverneur von Hasaka und sowohl von der bisherigen kurdischen Verwaltung als auch von Damaskus akzeptiert. Der frühere SDF-Kommandeur Sipan Hamo erhielt einen hohen Posten im syrischen Verteidigungsapparat.

Auf dem Papier entstand damit ein Modell, das nach jahrelangem Bürgerkrieg tatsächlich eine Brücke zwischen kurdischer Autonomie und syrischer Staatlichkeit bilden könnte.

In der Realität zeigt Hasaka nun, wie fragil dieses Modell bleibt.

Teile der arabischen Bevölkerung betrachten kurdische Machtstrukturen offenbar weiterhin als illegitim oder übermäßig stark. Kurden wiederum fürchten, dass die Eingliederung in einen zentralisierten syrischen Staat langfristig genau jene Rechte kostet, die sie während des Krieges aufgebaut und verteidigt haben.

Hasaka eignet sich deshalb besonders als Brennpunkt.

Die Stadt und ihre Umgebung haben eine gemischte arabische und kurdische Bevölkerung. Stammesstrukturen spielen eine wichtige Rolle. Manche arabischen Gruppen besitzen enge historische Verbindungen in den Irak und standen Saddam Hussein traditionell positiv gegenüber.

Genau diese historischen Loyalitäten treffen nun auf eine kurdische Bevölkerung, für die Saddam für Genozid, Giftgas und Arabisierung steht.

Das ist eine explosive Mischung.

Die USA haben inzwischen öffentlich reagiert.

Washington erklärte, es beobachte die Unruhen mit Sorge und fordere alle Seiten auf, Gewalt und Aufstachelung zurückzuweisen und Konflikte durch Dialog zu lösen. Zugleich bekräftigte das US-Außenministerium seine Unterstützung für ein geeintes Syrien, in dem Kurden und andere Bevölkerungsgruppen gleichberechtigte Bürger sind und tatsächlich an der politischen Ordnung beteiligt werden.

Das ist auch aus amerikanischer Sicht von Bedeutung.

Die SDF waren seit 2015 einer der wichtigsten Partner der USA im Kampf gegen den Islamischen Staat. Kurdische Einheiten trugen wesentlich dazu bei, das territoriale Kalifat des IS in Syrien zu zerschlagen und große Gebiete wie Hasaka aus dessen Herrschaft zu befreien.

Für Washington wäre es deshalb politisch und sicherheitspolitisch problematisch, wenn ausgerechnet diese ehemaligen Verbündeten in der neuen syrischen Ordnung zunehmend unter Druck geraten.

Auch IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hat ein strategisches Interesse daran, dass Syrien nicht erneut in ethnische und konfessionelle Gewalt zerfällt. Ein instabiler Nordosten schafft Räume, in denen der IS, iranische Netzwerke oder andere extremistische Gruppen erneut Fuß fassen können.

Damaskus steht deshalb vor einer Bewährungsprobe.

Die neue Regierung kann nationale Einheit fordern. Sie kann HassredeVolksverhetzung: Wenn Hass strafbar wirdVolksverhetzung ist eine Straftat nach § 130 StGB. Gemeint sind unter anderem Hassaufrufe, Gewaltforderungen oder menschenwürdeverletzende Hetze gegen nationale, religiöse, ethnische oder andere geschützte Gruppen.Mehr lesen bekämpfen und Integrationsprogramme verkünden. Entscheidend ist jedoch, ob sie in der Praxis verhindert, dass ethnische Feindbilder wieder politische Macht gewinnen.

Wer kurdische Symbole angreift, bewaffnete Übergriffe duldet oder ausgerechnet Saddam Hussein in einer kurdisch geprägten Stadt als Identifikationsfigur präsentiert, arbeitet nicht an einem gemeinsamen Syrien.

Er reißt alte Wunden wieder auf.

Die Vereinbarung zwischen Damaskus und den Kurden war ein Versuch, jahrzehntelange Ausgrenzung und zwölf Jahre Bürgerkrieg politisch zu überwinden.

Hasaka zeigt nun, wie wenig dafür ein unterschriebenes Abkommen allein genügt.

Ein neues Syrien wird sich nicht daran messen lassen, ob kurdische Kommandeure offizielle Ämter erhalten.

Es wird sich daran messen lassen, ob ein kurdisches Kind seine Sprache lernen kann, ob eine Kurdistan-Fahne keinen bewaffneten Angriff provoziert und ob ein Staat verhindert, dass der Mann, der für Anfal und Halabja steht, wieder als Drohkulisse gegen Kurden benutzt wird.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 13. Oktober 2026

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