Warnungen ignoriert, Daten nicht geprüft: Der Flydubai-Anschlag legt Israels Sicherheitsversagen offen
Der mutmaßliche Terrorist im Cockpit war kein unbekannter Passagier. Seine Daten lagen Israel vor. Nun zeigen interne Unterlagen: Schon Jahre zuvor wurde davor gewarnt, dass bei ausländischen Flugbesatzungen eine gefährliche Sicherheitslücke bestand.

Bildnachweis: Md Shaifuzzaman Ayon
Dass 180 Menschen an Bord von Flydubai-Flug FZ1073 überlebten, lag am schwer verletzten Kapitän, eingreifenden Passagieren und weiteren Piloten. Je mehr über die Vorgeschichte bekannt wird, desto schwerer lässt sich dagegen erklären, warum Hamam al-Hammami überhaupt mehrfach nach IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen fliegen konnte.
Der omanische Co-Pilot war bereits 2024 wegen extremistischer Auffälligkeiten bei OmanStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen Air aus dem Flugbetrieb genommen worden. Später wechselte er zu Flydubai und flog nach bisherigen Erkenntnissen mehrfach auf der Strecke nach Tel Aviv. Israel wusste von seiner Vorgeschichte nichts.
Das allein wäre bereits ein schweres Sicherheitsproblem.
Neue Berichte zeigen nun jedoch, dass die größere Lücke seit Jahren bekannt war.
Nach Informationen des israelischen Armeesenders, die sich auf interne Dokumente des Nationalen Sicherheitsrates stützen, warnten hochrangige Stellen wiederholt davor, dass die Kontrolle ausländischer Fluggesellschaften und ihrer Besatzungen nicht ausreichend funktioniere. Zuständigkeiten wurden zwischen Verkehrsministerium, Schin Bet, Mossad und anderen Behörden verschoben. Was offenbar nicht entstand, war ein System, das die vorhandenen Informationen tatsächlich zusammenführte und auswertete.
Die Namen waren da, aber niemand prüfte sie systematisch
Bereits 2021 wurde dem Schin Bet ein Teil der Verantwortung für die Kontrolle ausländischer Flüge entzogen. Für Staaten, die nicht als höchste Risikokategorie galten, sollte das Verkehrsministerium über die Zivilluftfahrtbehörde prüfen, ob die Sicherheitsvorgaben ausländischer Fluggesellschaften den israelischen Anforderungen entsprachen.
Das Problem wurde anschließend mehrfach erkannt.
Der staatliche Rechnungsprüfer untersuchte zwischen 2022 und 2023 umfassend die internationale Luftfahrtsicherheit Israels. Der öffentliche Teil des 2024 veröffentlichten Berichts bestätigt, dass dabei ausdrücklich auch ausländische zivile Flugzeuge untersucht wurden, die in den israelischen Luftraum einfliegen. Wesentliche sicherheitsrelevante Ergebnisse wurden geheim gehalten. Nach den nun bekannt gewordenen internen Unterlagen stellte der vertrauliche Teil jedoch fest, dass das Verkehrsministerium seinen Verpflichtungen nicht ausreichend nachkam.
Am 23. Mai 2024 ordnete das Sicherheitskabinett deshalb an, innerhalb von 90 Tagen eine Arbeitsgruppe einzurichten. Vertreter des Verkehrsministeriums, der Zivilluftfahrtbehörde, des Schin Bet, des Mossad und des Finanzministeriums sollten die Sicherheitsstruktur für internationale Linienflüge nach Israel überprüfen und Änderungen empfehlen.
Aus den vorgesehenen 90 Tagen wurden nach dem Bericht rund zwölf Monate Diskussionen.
Dabei war das Problem offenbar allen Beteiligten bekannt. Der Schin Bet erklärte, für die Überprüfung sämtlicher ausländischer Flüge weder über genügend Personal noch über das notwendige Budget zu verfügen. Der Nationale Sicherheitsrat hielt gleichzeitig fest, dass das Verkehrsministerium seine Aufgabe nur übernehmen könne, wenn es zusätzliches Personal und entsprechende Mittel bekomme.
Auch innerhalb des Verkehrsministeriums soll es heftigen Widerstand gegeben haben. Die eigene Sicherheitsabteilung warnte demnach, eine solche Aufgabe sei mit ihren vorhandenen Möglichkeiten nicht zu bewältigen. Nach dem Bericht verfügte die Abteilung lediglich über drei verbeamtete Mitarbeiter, während zahlreiche weitere Beschäftigte externe Auftragnehmer waren.
Trotz dieser Warnungen entschied Ministerpräsident Benjamin Netanyahu 2025, die Verantwortung für die Sicherheit ausländischer Flüge vollständig beim Verkehrsministerium zu verankern.
Im März desselben Jahres warnte der Nationale Sicherheitsrat nach den nun bekannt gewordenen Dokumenten erneut schriftlich, das Ministerium erfülle seine Aufgaben bei der Kontrolle ausländischer Flüge nicht ausreichend.
Dann geschah offenbar nichts, was die entscheidende Lücke schloss.
Besonders schwer wiegt, was inzwischen über die Passagier und Besatzungsdaten bekannt ist. Flydubai übermittelte Israel die Namen der Crew von FZ1073 vor dem Abflug. Die israelische Steuerbehörde bestätigte, dass diese Informationen entsprechend dem gesetzlich vorgesehenen Verfahren eingegangen waren.
Darunter befand sich auch Hamam al-Hammami.
Nach Angaben hochrangiger israelischer Quellen wurden Daten von Besatzungen ausländischer Linienflüge jedoch über einen Zeitraum von rund zwei Jahren nicht systematisch aus dem vorhandenen Datenbestand abgerufen und geprüft. Weder Mossad noch Schin Bet führten parallel eine laufende nachrichtendienstliche Überprüfung sämtlicher ausländischer Piloten durch.
Die Information war vorhanden.
Was fehlte, war jemand, der sie mit anderen Informationen verband und daraus eine Sicherheitsprüfung machte.
Nach dem Anschlag beginnt das gegenseitige Zuschieben der Verantwortung
Das Verkehrsministerium weist die schwersten Vorwürfe zurück. Es erklärt, die Verantwortung für ausländische Flüge habe bereits seit Jahrzehnten bei ihm gelegen und sei nicht erst in den vergangenen Jahren neu übertragen worden. Seine Verfahren seien vom Nationalen Sicherheitsrat und anderen Sicherheitsbehörden genehmigt worden.
Zugleich bestätigt das Ministerium etwas, das nach FZ1073 kaum beruhigend wirkt: Es führt selbst keine nachrichtendienstlichen Hintergrundprüfungen ausländischer Piloten durch.
Die Sicherheitsabteilung erklärte gegenüber israelischen Medien, sie sei keine Geheimdienstorganisation und verfüge weder über Mitarbeiter im Ausland noch über Personal, um jeden ausländischen Piloten einzeln zu überprüfen. Stattdessen verlasse man sich unter anderem auf die Sicherheitsprüfungen der Fluggesellschaften.
Auf die Frage, ob bereits früher Piloten aus Staaten ohne diplomatische Beziehungen zu Israel in Ben Gurion gelandet seien, konnte das Ministerium keine sichere Antwort geben.
Dabei ist inzwischen bekannt, dass Dutzende omanische Piloten in den vergangenen Jahren mit Flydubai nach Israel flogen. Zusätzlich wird geprüft, ob auch Piloten mit iranischer, syrischer oder irakischer Staatsangehörigkeit durch eine zweite Staatsbürgerschaft auf ausländischen Maschinen nach Israel gelangten.
Al-Hammami selbst war offenbar bereits mehrfach in Israel gelandet, möglicherweise noch wenige Tage vor seinem Anschlagsversuch.
haOlam berichtete bereits am Samstag über den nächsten Teil des Versagens: Oman Air hatte ihn wegen Sorgen über seine Radikalisierung aus dem Flugbetrieb genommen. In seinen öffentlich zugänglichen sozialen Netzwerken sollen sich zudem Sympathien für al-Qaida-Terroristen sowie Aufnahmen israelischer Flugzeuge gefunden haben.
Israel wusste nach aktuellem Stand nichts davon.
Der Fall kann deshalb nicht mehr allein als Versagen einer Fluggesellschaft behandelt werden.
Flydubai muss erklären, wie ein wegen extremistischer Auffälligkeiten aussortierter Pilot eingestellt werden konnte. Oman muss erklären, ob und wem seine Erkenntnisse weitergegeben wurden. Doch Israel muss eine noch grundsätzlichere Frage beantworten.
Warum existierten jahrelang Warnungen vor einer bekannten Sicherheitslücke, während die zuständigen Behörden darüber stritten, wer sie schließen sollte?
Der Nationale Sicherheitsrat warnte. Der staatliche Rechnungsprüfer untersuchte das System. Mitarbeiter des Verkehrsministeriums erklärten, ihnen fehlten Personal und Fähigkeiten. Schin Bet und Mossad wussten nach den aktuellen Berichten von diesen Defiziten. Gleichzeitig waren die Besatzungsdaten ausländischer Flüge verfügbar.
Am 30. September saß schließlich ein islamistisch radikalisierter Co-Pilot im Cockpit eines Flugzeugs voller Israelis und versuchte nach den Ermittlungen der Emirate, die Maschine zum Absturz zu bringen.
Eine Katastrophe blieb nur aus, weil Menschen an Bord handelten.
Nach all den Warnungen darf Israels Sicherheitskonzept künftig nicht darauf beruhen, dass beim nächsten Mal wieder ein verletzter Kapitän eine Tür öffnet und Passagiere rechtzeitig nach vorne laufen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 4. Oktober 2026