Damaskus will wieder verhandeln, aber Israel soll zurückweichen

Damaskus will wieder verhandeln, aber Israel soll zurückweichen


Syrien erwartet eine baldige Wiederaufnahme der Gespräche mit Israel und spricht von einer „historischen Gelegenheit“. Doch hinter dem Friedenssignal stehen harte Forderungen: Israel soll seine Angriffe einstellen und sich aus den nach Assads Sturz eingenommenen Gebieten zurückziehen. Für Jerusalem bleibt die entscheidende Frage, wer danach die Sicherheit an der Grenze garantiert.

Damaskus will wieder verhandeln, aber Israel soll zurückweichen
Bildnachweis: THMH2011

Nur wenige Tage nach dem israelischen Angriff auf den Militärflugplatz Abu al-Duhur spricht Damaskus wieder von Verhandlungen. Syriens Außenminister Asaad al-Shaibani erklärte in einem Interview in Damaskus, er rechne mit einer baldigen Wiederaufnahme der Gespräche über ein Sicherheitsabkommen mit IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Die Tür für Diplomatie sei weiterhin offen, Israel solle die Gelegenheit nutzen. Gleichzeitig machte al-Shaibani deutlich, wie tief das Misstrauen inzwischen sitzt. „Wir vertrauen Israel derzeit nicht“, sagte er. Kontakte seien nach dem Angriff auf den Flugplatz unterbrochen worden. Trotzdem hält die neue syrische Führung einen direkten Gesprächskanal offenbar weiterhin für notwendig, gerade weil Israel aus ihrer Sicht die größte unmittelbare militärische Herausforderung darstellt.

Die syrische Gesprächsbereitschaft klingt zunächst nach einer bemerkenswerten Verschiebung. Israel und Syrien befinden sich formell seit 1948 im Kriegszustand. Noch vor wenigen Jahren wäre ein offener sicherheitspolitischer Dialog zwischen JerusalemJerusalem: Hauptstadt Israels und Herz jüdischer GeschichteJerusalem ist die Hauptstadt Israels und die größte Stadt des Landes. Für Juden ist sie seit Jahrtausenden religiöser und historischer Mittelpunkt. Zugleich ist Jerusalem auch für Christen und Muslime heilig und steht im Zentrum politischer Streitfragen.Mehr lesen und Damaskus kaum vorstellbar gewesen. Nach dem Sturz Bashar al-Assads Ende 2024 hat sich die Lage jedoch grundlegend verändert. Die Vereinigten Staaten versuchen seit mehr als einem Jahr, zwischen Israel und der Regierung von Präsident Ahmed al-Sharaa ein Sicherheitsarrangement zu vermitteln. Im Januar bestätigte auch das israelische Ministerpräsidentenamt offiziell, dass der politische Dialog mit Syrien unter amerikanischer Vermittlung wieder aufgenommen worden war. Israel habe dabei die Sicherheit seiner Bürger, die Verhinderung neuer Bedrohungen an der Grenze und den Schutz der drusischen Minderheit in Syrien in den Mittelpunkt gestellt.

Nach Darstellung al-Shaibanis waren die Gespräche zeitweise wesentlich weiter fortgeschritten, als öffentlich bekannt war. Um den Jahreswechsel hätten beide Seiten „auf dem Papier fast allem“ zugestimmt. Vorgesehen gewesen sei ein System unterschiedlicher Sicherheitszonen auf syrischem Gebiet. In einem Bereich nahe der israelischen Grenze sollten ausschließlich Kräfte der Vereinten Nationen präsent sein, in anderen Zonen syrische Kräfte mit abgestuften militärischen Befugnissen. Im Gegenzug sollte Israel seine Angriffe einstellen und sich aus jenen Gebieten zurückziehen, die israelische Truppen nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes Ende 2024 eingenommen hatten. Genau hier liegt einer der wichtigsten Punkte der aktuellen Debatte: Es geht bei diesem Sicherheitsabkommen zunächst nicht um einen israelischen Rückzug von den Golanhöhen. Al-Shaibani stellte vielmehr klar, dass Fragen eines umfassenderen Friedens und des Golan aus syrischer Sicht erst später behandelt werden könnten.

Israels Problem beginnt dort, wo Syriens Versprechen enden

Aus israelischer Sicht lässt sich die Frage jedoch nicht allein mit Grenzlinien beantworten. Die Regierung in Damaskus ist neu, ihre Sicherheitsstrukturen befinden sich im Aufbau und Präsident al-Sharaa führte noch vor wenigen Jahren eine islamistische Rebellenorganisation. Gleichzeitig wächst der militärische Einfluss der Türkei in Syrien. Ankara unterstützt die neue syrische Armee mit Ausbildung und Ausrüstung und betrachtet sich längst als einer der wichtigsten Schutz- und Aufbaupartner der Regierung in Damaskus. Genau diese Entwicklung trifft in Jerusalem auf zunehmendes Misstrauen.

Der Streit um Abu al-Duhur hat gezeigt, wie schnell daraus eine militärische Krise werden kann. Israel griff den Flugplatz am 18. August an, nachdem Jerusalem nach eigener Darstellung Hinweise darauf hatte, dass dort türkische Kräfte stationiert werden könnten. Netanyahu erklärte anschließend, Syrien sei zuvor unmissverständlich gewarnt worden, eine türkische Präsenz an diesem Standort nicht zuzulassen. Damaskus und Ankara bestreiten dagegen, dass der Aufbau einer türkischen Militärbasis oder eine dauerhafte Stationierung türkischer Truppen geplant gewesen sei. Al-Shaibani räumte allerdings ein, dass türkische Militärvertreter den Flugplatz besucht hatten. Dies sei Teil der Ausbildung und der allgemeinen militärischen Zusammenarbeit gewesen.

Damit stehen zwei Versionen gegeneinander. Israel sieht eine sich entwickelnde türkische militärische Präsenz in einem Land unmittelbar an seiner Grenze und will verhindern, dass daraus eine neue strategische Bedrohung entsteht. Damaskus erklärt dagegen, Israel habe einen weitgehend leeren, noch nicht betriebsbereiten syrischen Flugplatz bombardiert, obwohl zuvor zugesichert worden sei, dort keine türkische Basis einzurichten. Unabhängig davon, welche Geheimdienstinformationen Israel vorlagen, zeigt die Episode das eigentliche Problem jedes künftigen Abkommens: Ein unterschriebenes Papier beantwortet noch nicht die Frage, welche militärischen Kräfte Syrien in einigen Jahren kontrollieren werden und wie groß der Einfluss Ankaras tatsächlich werden darf.

Washington versucht deshalb inzwischen nicht nur, den israelisch-syrischen Dialog wiederzubeleben. US-Sondergesandter Tom Barrack arbeitet nach eigenen Angaben an einem direkten Mechanismus zwischen Israel, Syrien und der Türkei, der unbeabsichtigte militärische Zusammenstöße verhindern soll. Der Angriff auf Abu al-Duhur habe gezeigt, wie gefährlich fehlende Kommunikation geworden sei. Die Türkei hätte auf den israelischen Schlag militärisch reagieren können, ohne dass zwischen den Beteiligten ein funktionierender Kanal zur Entschärfung der Lage bestanden hätte.

Al-Shaibani begrüßt einen solchen Mechanismus nur unter Bedingungen. Er dürfe aus syrischer Sicht nicht dazu führen, eine dauerhafte israelische Präsenz auf syrischem Boden festzuschreiben. Er müsse vielmehr Angriffe verhindern und den Weg zu dem geplanten Sicherheitsabkommen öffnen. Der Außenminister behauptet außerdem, Washington übe kontinuierlich Druck auf Israel aus, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Eine amerikanische Bestätigung dieser konkreten Darstellung lag zunächst nicht vor. Das US-Außenministerium reagierte auf die entsprechende Reuters-Anfrage nicht unmittelbar.

Damaskus spricht von Frieden, behält aber Ankara

Bemerkenswert ist, dass Syrien trotz des Konflikts mit Israel nicht daran denkt, seine militärische Zusammenarbeit mit der Türkei aufzugeben. Al-Shaibani dankte Ankara ausdrücklich für dessen Hilfe beim Wiederaufbau der syrischen Streitkräfte und erklärte, Damaskus werde auf diese Unterstützung nicht verzichten. Er verwies zugleich darauf, dass Syrien auch mit Jordanien, Saudi-Arabien und anderen Staaten militärisch kooperiere.

Genau dort wird sich entscheiden, ob aus dem angekündigten Neustart der Gespräche mehr als eine diplomatische Zwischenphase wird. Israel braucht keinen syrischen Friedenssatz für eine Pressekonferenz, sondern überprüfbare Sicherheitsbedingungen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell Machtvakuums in Syrien von Iran, HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, islamistischen Gruppen oder anderen regionalen Akteuren genutzt werden können. Nun tritt mit der Türkei ein Staat auf, der über eine reguläre Armee, erhebliche militärische Fähigkeiten und eine Regierung verfügt, deren Verhältnis zu Israel inzwischen offen feindselig ist.

Damaskus verlangt seinerseits, dass Israel seine Luftangriffe und Operationen auf syrischem Gebiet beendet. Al-Shaibani wirft Israel vor, Sicherheit ausschließlich mit militärischer Gewalt herstellen zu wollen und damit gescheitert zu sein. Er sagt zugleich, Syrien respektiere israelische Sicherheitsbedenken und verlange dasselbe für die eigene Seite. Das ist zumindest eine Sprache, aus der Verhandlungen entstehen können. Sie ersetzt aber keine Antwort auf Israels konkrete Sicherheitsfragen.

Es wäre deshalb falsch, die neue syrische Gesprächsbereitschaft geringzuschätzen. Ein Syrien, das direkt mit Israel verhandelt, Sicherheitszonen akzeptiert und über stabile Beziehungen zu seinen Nachbarn spricht, unterscheidet sich erheblich vom Syrien Assads, das jahrzehntelang iranischen Kräften und der Hisbollah als strategischer Raum diente. Darin liegt tatsächlich eine Chance.

Aber auch Chancen können gefährlich werden, wenn Israel seine Sicherheit gegen Versprechen eintauscht, die später niemand durchsetzen kann.

Damaskus möchte israelische Soldaten zurückdrängen, die Angriffe beenden und anschließend möglicherweise über Frieden und irgendwann auch über den Golan sprechen. Israel wiederum muss wissen, was auf der anderen Seite der geräumten Positionen entsteht. Eine tatsächlich souveräne syrische Regierung, die ihre Grenze kontrolliert und keine Angriffe auf Israel zulässt, wäre eine historische Veränderung. Eine syrische Armee, deren Fähigkeiten und Standorte zunehmend von Ankara geprägt werden, wäre etwas völlig anderes.

Deshalb entscheidet sich der Wert der angekündigten Verhandlungen nicht daran, ob al-Shaibani Israel die Hand entgegenstreckt.

Entscheidend ist, wer hinter dieser Hand steht und welche Waffen morgen hinter der syrischen Grenze stehen werden.



Autor: Bernd Geiger

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 23. August 2026

haOlam-News unterstützen

haOlam-News ist auf die Unterstützung seiner Leserinnen und Leser angewiesen. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Berichterstattung weiterzuführen.

Sie benötigen nicht zwingend ein PayPal-Konto. Im nächsten Schritt kann je nach PayPal-Anzeige auch eine Zahlung per Karte angeboten werden.

Sie möchten unsere Arbeit unterstützen, nutzen aber kein PayPal? Schreiben Sie uns kurz, wir melden uns mit den passenden Möglichkeiten.

Weitere interessante Artikel

Newsletter