Al-Sharaa will Nuklearmaterial behalten: Wofür, sagt Damaskus nicht

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Al-Sharaa will Nuklearmaterial behalten: Wofür, sagt Damaskus nicht


Syrien will neu entdecktes Nuklearmaterial ausdrücklich im eigenen Land behalten. Einen konkreten Verwendungszweck nennt Damaskus nicht, obwohl die politische Vergangenheit des Präsidenten und die Instabilität Syriens erhebliche Sicherheitsfragen aufwerfen.

Al-Sharaa will Nuklearmaterial behalten: Wofür, sagt Damaskus nicht
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Syrien will neu entdecktes Nuklearmaterial nicht außer Landes bringen. Außenminister Asaad al-Shaibani erklärte am Dienstag in Damaskus, das Material werde unter syrischer Kontrolle bleiben und unter Garantien der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA verwahrt. Gleichzeitig beansprucht die neue syrische Regierung ausdrücklich das Recht, das Material künftig für zivile und friedliche Zwecke zu verwenden. Was Damaskus bislang nicht erklärt, ist jedoch ausgerechnet die wichtigste Frage: Wofür benötigt Syrien dieses Material überhaupt? Welche konkrete zivile Anlage soll es verwenden, welches Forschungsprojekt benötigt es und weshalb soll Material aus dem früher geheim gehaltenen syrischen Atomprogramm unbedingt in einem weiterhin instabilen Land verbleiben, wenn eine Entfernung unter internationaler Kontrolle möglich wäre? Die syrische Regierung hat darauf bislang keine nachvollziehbare Antwort gegeben. Genau deshalb ist der Vorgang erheblich brisanter als eine gewöhnliche Meldung über die Sicherung alter Bestände aus der Assad-Zeit.

Nach Angaben der IAEA gewährte die neue syrische Führung Inspektoren Zugang zu einem zuvor nicht deklarierten Standort. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi sprach von mehreren Tonnen nuklearen Materials. Öffentlich ist bislang nicht vollständig geklärt, aus welchen Stoffen der gesamte Bestand besteht. In früheren Berichten über einen als „Site 99“ bezeichneten Standort war unter anderem von Yellowcake die Rede, also Uranerzkonzentrat. Yellowcake ist kein hoch angereichertes Uran und kann nicht unmittelbar für eine Kernwaffe verwendet werden. Ebenso gibt es derzeit keinen belastbaren Beleg dafür, dass Ahmed al-Sharaa eine Atomwaffe oder eine radiologische Bombe bauen lassen will. Eine solche Behauptung wäre Spekulation. Das eigentliche Risiko ist wesentlich nüchterner und deshalb nicht weniger ernst: Mehrere Tonnen Material aus einem früher geheimen Atomprogramm befinden sich in einem Staat, dessen politische Ordnung kaum gefestigt ist, dessen Sicherheitsapparat sich noch im Aufbau befindet und dessen Präsident selbst eine außergewöhnliche Vergangenheit besitzt.

Ahmed al-Sharaa war nicht einfach nur ein islamistischer Oppositionspolitiker. Unter seinem früheren Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani führte er die Nusra-Front, den damaligen syrischen Ableger von al-Qaida. Er hatte zuvor im Irak im Umfeld des dschihadistischen Aufstands gekämpft und führte später eine Organisation, die international als Terrororganisation behandelt wurde. 2016 erklärte er die Trennung von al-Qaida. Aus den folgenden Umorganisationen entstand Hayat Tahrir al-Sham, HTS. Ende 2024 führte die von HTS dominierte Offensive zum Zusammenbruch des Assad-Regimes. Seitdem hat al-Sharaa sein Auftreten grundlegend verändert. Er empfängt Staatsgäste, spricht über Minderheitenschutz, wirtschaftlichen Wiederaufbau und internationale Zusammenarbeit. Die Vereinigten Staaten strichen HTS im Juli 2025 von ihrer Liste ausländischer Terrororganisationen. Im November desselben Jahres hob der UN-Sicherheitsrat persönliche Sanktionen gegen al-Sharaa auf. UN-Beobachter fanden zudem keine aktiven Verbindungen zwischen HTS und al-Qaida mehr. Das sind relevante Entwicklungen, die nicht unterschlagen werden dürfen. Sie beantworten allerdings nicht die Frage, wie dauerhaft dieser Wandel ist und welche ideologischen Überzeugungen al-Sharaa heute tatsächlich besitzt. Niemand kann in seinen Kopf sehen. Gerade deshalb darf die Sicherheit nuklearen Materials nicht davon abhängen, ob internationale Regierungen einem einzelnen Machthaber vertrauen.

Hinzu kommt, dass Syrien keineswegs zu einem stabilen Staat geworden ist. Die neue Führung kontrolliert ein Land, das aus mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg kommt. Bewaffnete Gruppen mussten und müssen in staatliche Strukturen integriert werden, regionale Machtzentren bestehen fort und schwere Gewalttaten gegen Minderheiten haben bereits gezeigt, wie begrenzt die Kontrolle der neuen Regierung teilweise ist. Selbst wenn al-Sharaa heute ernsthaft einen pragmatischen und gemäßigteren Kurs verfolgen sollte, beantwortet das nicht die langfristige Sicherheitsfrage. Wer garantiert, wer Syrien in fünf oder zehn Jahren regiert? Wer garantiert, dass al-Sharaa nicht gestürzt wird, dass die Regierung nicht zerfällt oder dass Teile des Sicherheitsapparates sich verselbstständigen? Wer garantiert, dass Material, das heute überwacht wird, morgen nicht in andere Hände gerät? Bei Nuklearmaterial reichen persönliche Zusicherungen deshalb grundsätzlich nicht aus.

Besonders auffällig ist, dass noch wenige Tage zuvor eine andere Lösung im Raum stand. Axios berichtete am 10. August unter Berufung auf amerikanische und israelische Regierungsvertreter, dass Material aus dem geheimen Lager „Site 99“ unter Vermittlung Washingtons durch die IAEA gesichert und entfernt werden sollte. IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen hatte nach diesen Berichten darauf gedrängt, dass die Bestände nicht unkontrolliert in Syrien verbleiben. Damaskus widersprach anschließend zwar der Darstellung, bereits sei eine endgültige Vereinbarung über die Entfernung geschlossen worden. Nun stellt die syrische Regierung jedoch ausdrücklich klar, dass das Material im Land bleiben soll. Damit wird aus einer technischen Frage der Sicherung eine politische Entscheidung. Syrien will die Verfügung darüber behalten.

Genau dafür fehlt bislang eine überzeugende Begründung. Der Hinweis auf das Recht zur friedlichen Nutzung reicht nicht aus. Syrien verfügt über kein Kernkraftwerk. Im Land existiert ein kleiner Forschungsreaktor, und selbstverständlich darf Syrien unter internationaler Kontrolle zivile Nukleartechnik für Medizin, Forschung oder Industrie einsetzen. Doch ein grundsätzliches Recht ist noch kein konkreter Bedarf. Die Regierung hat bislang kein Projekt genannt, für das ausgerechnet das nun entdeckte Material benötigt wird. Sie hat auch nicht erklärt, warum eine vollständige Übergabe oder Entfernung für Syrien einen Nachteil darstellen würde. Wenn das Material gegenwärtig keinen notwendigen zivilen Zweck erfüllt, stellt sich deshalb zwangsläufig die Frage, warum Damaskus darauf besteht, es zu behalten.

Diese Skepsis ist nicht Ausdruck einer unbelegten Unterstellung gegenüber Syrien, sondern ergibt sich aus der Geschichte des Landes. Das Assad-Regime hatte gegenüber der IAEA über Jahre hinweg entscheidende Teile seiner nuklearen Aktivitäten verschwiegen. Israel zerstörte im September 2007 eine Anlage bei Deir al-Zor, die nach Einschätzung der IAEA mit hoher Wahrscheinlichkeit ein nicht deklarierter Kernreaktor war. Syrien hatte diesen Reaktor nicht gemeldet und damit gegen seine Verpflichtungen aus dem Sicherungsabkommen zum Atomwaffensperrvertrag verstoßen. Damaskus bestritt jahrelang, dort überhaupt an einem entsprechenden Projekt gearbeitet zu haben. Erst nach dem Sturz Assads öffnete sich das Land gegenüber der Atomenergiebehörde deutlich stärker. Dass die neue Führung die IAEA nun selbst informiert und Inspektoren Zugang gewährt hat, ist deshalb positiv und sollte auch so benannt werden. Aber Kooperation heute beseitigt nicht automatisch das Risiko von morgen.

Auch die Gefahr einer sogenannten schmutzigen Bombe muss präzise eingeordnet werden. Es wäre falsch, aus dem Begriff Nuklearmaterial automatisch eine unmittelbare Terrorwaffe abzuleiten. Yellowcake eignet sich aufgrund seiner vergleichsweise geringen Radioaktivität nicht besonders gut für eine radiologische Bombe. Entscheidend ist jedoch, dass öffentlich bislang nicht vollständig bekannt ist, welche weiteren Stoffe gefunden wurden. Radioaktive Quellen können grundsätzlich für radiologische Anschläge missbraucht werden, wenn sie aus kontrollierter Verwahrung verschwinden. Solange Zusammensetzung, Menge, Lagerort und Zugriffsrechte nicht vollständig transparent sind, bleibt deshalb ein Sicherheitsrisiko bestehen. Dieses Risiko betrifft nicht nur Israel. Syrien grenzt an die Türkei und damit an einen NATO-Staat. Schmuggelnetzwerke aus der Region reichen seit Jahren bis nach Europa. Radioaktives Material kennt keine politischen Grenzen. Ein Kontrollverlust in Syrien könnte deshalb Auswirkungen weit über den Nahen Osten hinaus haben.

Gerade vor diesem Hintergrund wäre die sicherste Lösung leicht zu erklären: vollständige Erfassung durch die IAEA, dauerhafte internationale Überwachung und, falls das Material für kein konkret belegtes syrisches Projekt benötigt wird, Entfernung aus einem instabilen Umfeld. Damaskus will offenbar einen anderen Weg gehen. Vielleicht existiert dafür eine sachliche und vollkommen friedliche Erklärung. Dann sollte die syrische Regierung sie nennen. Bislang tut sie das nicht.

Bei gewöhnlichen politischen Fragen kann Vertrauen eine Rolle spielen. Bei nuklearem Material darf Vertrauen niemals die Sicherheitskontrolle ersetzen. Al-Sharaa mag sich verändert haben. Vielleicht ist sein Bruch mit dem Dschihadismus dauerhaft und ernst gemeint. Vielleicht wird aus Syrien tatsächlich ein stabilerer und verantwortungsvoller Staat. Aber niemand kann diese Entwicklung garantieren. Und genau deshalb muss die entscheidende Frage gestellt werden, solange Damaskus sie unbeantwortet lässt: Wenn Syrien dieses Material nicht für ein konkret benanntes ziviles Vorhaben benötigt, warum will al-Sharaa es dann unbedingt behalten?



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 18. August 2026

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