Israels Jagd auf die Täter vom 7. Oktober wird zur Botschaft an jeden Feind


Eine israelische Spezialeinheit soll jene Hamas-Terroristen verfolgen, die am Massaker vom 7. Oktober beteiligt waren. Der Bericht zeigt, wie tief die Wunde ist und wie entschlossen Israel darauf antwortet.

Israels Jagd auf die Täter vom 7. Oktober wird zur Botschaft an jeden Feind
Bildnachweis: Symbolbild

Nach dem Massaker vom 7. Oktober hat Israel nach einem Bericht des Wall Street Journal eine besondere Einsatzgruppe geschaffen, deren Aufgabe ebenso klar wie hart ist: Die Männer zu finden, die an der Planung, Durchführung oder Unterstützung des Angriffs beteiligt waren, und sie entweder festzunehmen oder zu töten. Die Einheit trägt demnach den Namen NILI, ein Kürzel für „Netzach Yisrael Lo Yeshaker“, auf Deutsch etwa: „Der Ewige Israels wird nicht lügen.“ Schon dieser Name zeigt, worum es Israel dabei geht. Es geht nicht nur um Operationen, Listen und Geheimdienstakten. Es geht um ein nationales Versprechen, dass die Opfer des 7. Oktober nicht vergessen werden.

Der 7. Oktober war kein gewöhnlicher Terroranschlag. Er war ein gezielter Angriff auf Familien, Kinder, Jugendliche, Alte, Soldaten, Zivilisten und ganze Gemeinden. Die Täter kamen nicht nur, um militärische Ziele anzugreifen. Sie kamen, um Israel in seinem Innersten zu treffen, Menschen zu entführen, zu ermorden, zu demütigen und das Land in Angst zu stürzen. Wer diesen Tag verstehen will, muss begreifen, dass Israel ihn nicht als abgeschlossenes Ereignis betrachtet. Für viele Angehörige ist der 7. Oktober bis heute Gegenwart. Für die Sicherheitskräfte ist er ein Auftrag. Für den Staat Israel ist er eine Grenze, die nie wieder überschritten werden darf, ohne dass die Verantwortlichen einen Preis zahlen.

Nach den Angaben des Berichts führt NILI eine Liste mit Tausenden Namen. Darauf sollen nicht nur hochrangige Hamas-Kommandeure stehen, sondern auch Männer, die auf den ersten Blick weniger bedeutend wirken könnten: Helfer, Fahrer, Grenzdurchbrecher, Beteiligte an der Logistik, an der Vorbereitung, an der Ausführung. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieser Einheit. Israel unterscheidet nicht zwischen dem Terroristen, der den Befehl gab, und demjenigen, der half, das Tor für das Massaker zu öffnen. Wer an diesem Angriff beteiligt war, soll sich nicht hinter der Masse verstecken können.

Der Bericht nennt als Beispiel einen Mann, der mit einem Traktor den Grenzzaun durchbrochen haben soll und zwei Jahre später bei einem Luftschlag getötet wurde, als er durch eine enge Straße ging. Auch die gezielte Tötung von Izz ad-Din al-Haddad wird erwähnt, der von Israels Generalstabschef Eyal Zamir als einer der Hauptverantwortlichen des Massakers und als Kopf des militärischen Flügels der Hamas bezeichnet wurde. Damit wird deutlich, dass sich diese Jagd nicht allein auf einfache Täter beschränkt. Sie richtet sich ebenso gegen die Führungsebene der Hamas, gegen Planer, Organisatoren und jene Männer, die glaubten, aus Tunneln, aus dem Ausland oder aus der Deckung ziviler Umgebung heraus unantastbar zu sein.

Besonders brisant ist die Darstellung, wonach israelische Stellen nach zwei Belegen für eine Beteiligung am 7. Oktober eine Person als Ziel markieren können. Das ist ein Satz, der international zwangsläufig Debatten auslösen wird. Er berührt Fragen von Recht, Krieg, Geheimdienstoperationen und gezielter Tötung. Doch wer diese Fragen seriös stellt, darf den Ausgangspunkt nicht ausblenden. Israel steht einer Terrororganisation gegenüber, die den 7. Oktober nicht als Verbrechen bereut, sondern als Modell betrachtet. Die Hamas versteckt Kämpfer unter Zivilisten, nutzt Tunnel, verlegt Kommandostrukturen, arbeitet über Mittelsmänner und versucht, Verantwortung zu verschleiern. In einem solchen Umfeld ist der klassische Zugriff mit Haftbefehl, Gerichtstermin und Polizeieinsatz oft eine Illusion.

Das bedeutet nicht, dass jede Maßnahme automatisch unproblematisch ist. Ein demokratischer Staat muss sich auch im Krieg an Regeln, Beweise und Verantwortlichkeit binden. Gerade Israel weiß, dass seine Handlungen weltweit geprüft, kritisiert und oft auch verzerrt dargestellt werden. Aber der Kern bleibt: Ein Staat, der seine Bürger nach einem Massaker nicht schützt, verliert seine wichtigste Aufgabe. Und ein Staat, der den Tätern eines solchen Verbrechens signalisiert, dass sie nach einiger Zeit wieder im Alltag verschwinden können, lädt zur Wiederholung ein.

Die Methoden, die im Bericht genannt werden, zeigen, wie sehr sich moderne Terrorbekämpfung verändert hat. Israel soll Gesichter aus Videos auswerten, die Täter selbst oder ihre Unterstützer in sozialen Netzwerken veröffentlicht hatten. Es soll Standortdaten von Mobiltelefonen nutzen und Aussagen von festgenommenen Gazanern auswerten. Das wirkt technisch, ist aber in Wahrheit eine bittere Folge der Arroganz vieler Täter. Einige von ihnen filmten, feierten und verbreiteten ihre Beteiligung selbst. Sie wollten Ruhm in der eigenen Szene. Nun können genau diese Spuren Teil der Beweiskette gegen sie werden.

Der ehemalige hochrangige Shin-Bet-Mitarbeiter Shalom Ben Hanan wird mit der Aussage zitiert, die Botschaft an künftige Feinde laute, sie sollten noch einmal über den Preis einer solchen Terroroperation nachdenken. Dieser Satz fasst die Logik der Einheit zusammen. Es geht um Abschreckung. In einer Region, in der Schwäche sehr schnell als Einladung verstanden werden kann, ist Abschreckung kein abstraktes Wort. Sie entscheidet darüber, ob Terrorgruppen glauben, israelische Dörfer, Städte und Familien erneut angreifen zu können.

Auch Michael Milstein, früherer hochrangiger Offizier des israelischen Militärnachrichtendienstes für palästinensische Angelegenheiten, ordnet laut Bericht ein, dass Rache im Nahen Osten ein wichtiger Teil des Diskurses sei. Das ist ein unbequemes Wort, gerade für westliche Ohren. Doch die Wirklichkeit der Region lässt sich nicht mit frommen Formeln überdecken. Ansehen, Furcht, Vergeltung und Abschreckung spielen eine Rolle. Israel kann sich nicht den Luxus leisten, so zu tun, als würde es in einer europäischen Seminarordnung leben. Es lebt in einer Nachbarschaft, in der der Eindruck von Schwäche Menschenleben kosten kann.

Gleichzeitig darf man die Jagd auf die Täter nicht auf Rache reduzieren. Für die Angehörigen der Opfer geht es um mehr. Ein Sicherheitsbeamter soll dem Bericht zufolge gesagt haben, dass die Einheit auch jene Täter priorisiert habe, deren Tod Angehörigen Trost spenden könne. Er sprach von einer Art „Behandlung für die Seele“. Das ist ein harter, fast unerträglicher Gedanke. Aber er berührt etwas Wahres. Nach einem Massaker reicht es vielen Familien nicht, abstrakt zu hören, dass der Staat Ermittlungen führe. Sie wollen wissen, dass der Mann, der ihr Kind, ihre Eltern, ihre Freunde oder Nachbarn zerstört hat, nicht einfach weiterlebt, lacht, plant und auf die nächste Gelegenheit wartet.

Diese Dimension wird in Europa oft übersehen. Dort wird über Israel häufig gesprochen, als handele es sich um einen Staat, der aus einer sicheren Entfernung Entscheidungen trifft. Doch Israel ist klein. Viele Menschen kennen Opfer, Überlebende, Soldaten oder Geiselfamilien persönlich. Der 7. Oktober hat nicht nur Sicherheitsdoktrinen verändert, sondern das Vertrauen vieler Israelis in die Grundannahmen ihres Lebens erschüttert. NILI ist in diesem Sinne nicht nur eine operative Einheit. Sie ist Ausdruck eines Staates, der nach einem Versagen am Tag des Massakers versucht, seine Schutzpflicht wiederherzustellen.

Dass die Einheit nicht nur in Gaza tätig gewesen sein soll, sondern auch Hamas-Führungspersonen im Iran und im Libanon getroffen wurden, zeigt die regionale Dimension des Kampfes. Die Hamas ist keine isolierte lokale Gruppe. Sie ist Teil eines größeren Netzes aus Finanzierung, Ausbildung, Waffenlieferungen, politischer Rückendeckung und ideologischer Unterstützung. Wer nur nach Gaza blickt, sieht deshalb nur einen Ausschnitt. Israel betrachtet den 7. Oktober nicht allein als Tat einzelner Terroristen, sondern als Ergebnis eines Systems, das über Jahre wachsen konnte.

Der Bericht erwähnt zudem, dass die Einsatzgruppe seit Beginn der Waffenruhe mit der Hamas verkleinert worden sei. Demnach geben nur noch wenige Operative Informationen über Ziele an Kommandeure weiter, die für Operationen in Gaza zuständig sind. Auch das ist bemerkenswert. Es zeigt, dass NILI offenbar nicht als große öffentliche Struktur gedacht ist, sondern als konzentrierter Apparat, der Informationen sammelt, bewertet und militärische Entscheidungen vorbereitet. Diese Arbeit läuft nicht mit Schlagzeilen, sondern mit Akten, Daten, Beobachtung, Verhören und Geduld.

Für Israel ist diese Geduld entscheidend. Der Staat sendet damit an die Hamas und an andere Feinde eine Botschaft: Zeit schützt nicht. Entfernung schützt nicht. Ein niedriger Rang schützt nicht. Ein Video, das einst als Trophäe gedacht war, kann Jahre später zum Beweis werden. Wer am 7. Oktober beteiligt war, soll nicht darauf hoffen können, dass die Welt weiterzieht, die Kameras verschwinden und die Namen der Opfer verblassen.

Das ist der eigentliche Kern dieser Geschichte. NILI steht für eine israelische Erinnerung, die nicht passiv bleibt. Israel trauert, aber es handelt. Es zählt seine Toten, aber es zählt auch die Täter. Es spricht von Schmerz, aber auch von Verantwortung. Und es macht deutlich, dass der 7. Oktober nicht nur ein Datum in der Vergangenheit ist, sondern ein Maßstab für die Zukunft israelischer Sicherheitspolitik.

International wird diese Strategie kritisch begleitet werden. Das ist absehbar und in einer demokratischen Öffentlichkeit auch legitim. Doch wer über gezielte israelische Operationen spricht, muss ehrlich genug sein, auch über die Täter zu sprechen, über ihre Opfer, über die Geiseln, über die Familien, über die brennenden Häuser, über die zerstörten Gemeinden und über die Tatsache, dass die Hamas ihre Verbrechen nicht als Schande begreift, sondern als Teil ihrer Ideologie. Ohne diesen Zusammenhang wird jede Debatte zur Verzerrung.

Israel hat nach dem 7. Oktober verstanden, dass Worte allein keine Sicherheit schaffen. Gedenkreden sind wichtig. Diplomatie ist wichtig. Internationale Unterstützung ist wichtig. Aber am Ende entscheidet für die Menschen in den Grenzgemeinden, in Jerusalem, in Tel Aviv, in Beerscheba, in Haifa und im Norden des Landes eine andere Frage: Wird der Staat verhindern, dass sich ein solcher Tag wiederholt? NILI ist eine Antwort auf diese Frage. Eine harte Antwort, eine umstrittene Antwort, aber aus israelischer Sicht eine notwendige Antwort.

Denn ein Land, das seine Toten vergisst, verliert seine Seele. Ein Land, das seine Täter laufen lässt, verliert seine Sicherheit. Israel versucht, beides nicht geschehen zu lassen.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Samstag, 23. Mai 2026

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