Bewaffnete Männer im Krankenhaus: MSF stoppt Teile der Arbeit im Nasser-Komplex in Gaza


Ärzte ohne Grenzen meldet bewaffnete Präsenz und mutmaßliche Waffenbewegungen im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis. Die Organisation setzt nicht lebensnotwendige Behandlungen aus und wirft die Frage auf, wer medizinische Einrichtungen im Gazastreifen faktisch kontrolliert.

haOlam-News.de - Nachrichten aus Israel, Deutschland und der Welt.

Médecins Sans Frontières, bekannt als Ärzte ohne Grenzen, hat sämtliche nicht dringenden medizinischen Aktivitäten im Nasser-Krankenhaus im Süden des Gazastreifens ausgesetzt. Der Schritt erfolgte nach eigenen Angaben wegen wiederholter Sichtungen bewaffneter Männer auf dem weitläufigen Gelände der Klinik sowie des Verdachts, dass dort Waffen bewegt und Patienten eingeschüchtert wurden. Für eine Organisation, die weltweit unter extremen Bedingungen arbeitet, ist eine solche Entscheidung kein Routinevorgang, sondern ein Alarmsignal.

Nach Darstellung von MSF hätten Patienten und Mitarbeitende in verschiedenen Bereichen des Krankenhauskomplexes maskierte Bewaffnete gesehen. Diese Vorfälle hätten sich in den vergangenen Monaten gehäuft, seit der Waffenruhe sogar deutlich verstärkt. Die Organisation spricht von Einschüchterung, willkürlichen Festnahmen von Patienten und einem Umfeld, das die Sicherheit von Personal und Kranken massiv gefährde. Krankenhäuser müssten neutrale, zivile Räume bleiben, frei von militärischer Präsenz. Dieser Grundsatz ist Kern des humanitären Völkerrechts.

Das Nasser-Krankenhaus in Khan Younis zählt zu den größten medizinischen Einrichtungen im Süden des Gazastreifens. Es versorgt Verletzte aus Kampfhandlungen ebenso wie chronisch Kranke, Kinder und Schwangere. Gerade in einem Gebiet, das seit Monaten unter enormem Druck steht, bedeutet die Einschränkung medizinischer Leistungen für viele Menschen eine unmittelbare Belastung. MSF betont, lebensrettende Behandlungen würden fortgeführt, doch geplante und nicht akute Eingriffe lägen vorerst auf Eis.

Brisant ist der politische Kontext. Israel hatte bereits angekündigt, die Tätigkeit von MSF im Gazastreifen zu beenden, nachdem die Organisation sich geweigert hatte, eine vollständige Liste ihrer lokalen Mitarbeiter vorzulegen. Die israelische Seite argumentiert, es gebe Hinweise auf personelle Verbindungen zu Terrororganisationen. MSF weist solche Vorwürfe zurück und beruft sich auf den Schutz ihrer Mitarbeitenden. Die Organisation erklärte, sie könne keine Garantien für deren Sicherheit erhalten, sollten personenbezogene Daten offen gelegt werden.

Parallel dazu erklärte das von der Hamas geführte Innenministerium im Gazastreifen, man dulde keine bewaffnete Präsenz in Krankenhäusern und werde gegen entsprechende Verstöße vorgehen. Diese Stellungnahme steht im Raum, während gleichzeitig internationale Hilfsorganisationen immer wieder berichten, dass militärische Akteure zivile Infrastruktur nutzen. Die Glaubwürdigkeit solcher Zusicherungen wird dadurch nicht gestärkt.

Für Israel ist der Kern des Problems klar: Wenn bewaffnete Gruppen medizinische Einrichtungen nutzen, verlieren diese ihren Schutzstatus. Genau diese Vermischung von ziviler und militärischer Sphäre hatte Israel in der Vergangenheit mehrfach als strategisches Muster der Hamas kritisiert. Der Vorwurf lautet, militärische Aktivitäten würden bewusst in dicht besiedelte Gebiete und in Nähe von Krankenhäusern verlagert, um operative Vorteile zu gewinnen und internationale Kritik an israelischen Reaktionen zu verstärken.

Gleichzeitig steht fest: Jede Einschränkung medizinischer Versorgung trifft in erster Linie die Zivilbevölkerung. Ärzte ohne Grenzen ist keine politische Organisation, sondern eine medizinische. Wenn sie öffentlich von bewaffneten Männern in einem Krankenhaus spricht, ist das eine ernste Warnung. Es bedeutet, dass die Arbeitsbedingungen selbst für erfahrene Krisenhelfer nicht mehr tragbar erscheinen.

Die Entwicklung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wer garantiert im Gazastreifen die Neutralität medizinischer Einrichtungen? Wenn Krankenhäuser nicht mehr als geschützte Räume wahrgenommen werden, verlieren sie ihre letzte Funktion als Zufluchtsort. Für die Menschen vor Ort bedeutet das Unsicherheit, für internationale Organisationen ein kaum kalkulierbares Risiko.

Dass MSF trotz der angespannten Lage weiterhin kritische Behandlungen durchführt, zeigt den Willen, medizinische Hilfe nicht vollständig einzustellen. Doch die Botschaft ist eindeutig: Ohne klare Trennung zwischen bewaffneten Akteuren und ziviler Infrastruktur ist humanitäre Arbeit kaum möglich. Der Schutz von Krankenhäusern darf kein politisches Spiel sein. Er ist ein Minimum an Zivilisation, das selbst im Krieg gelten muss.



Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 15. Februar 2026

haOlam via paypal unterstützen


Hinweis: Sie benötigen kein PayPal-Konto. Klicken Sie im nächsten Schritt einfach auf „Mit Debit- oder Kreditkarte zahlen“, um per Lastschrift oder Kreditkarte zu unterstützen.

Weitere interessante Artikel

Newsletter