Irans Hinrichtungswelle erreicht erschreckendes Ausmaß: Mehr als 2.000 Tote in einem Jahr

Irans Hinrichtungswelle erreicht erschreckendes Ausmaß: Mehr als 2.000 Tote in einem Jahr


Während das Regime seine Gegner mit Todesurteilen verfolgt, schließt sich eine UN-Sonderberichterstatterin einem Hungerstreik an. Neue Zahlen zeigen, wie massiv die Hinrichtungen in Iran zugenommen haben.

Irans Hinrichtungswelle erreicht erschreckendes Ausmaß: Mehr als 2.000 Tote in einem Jahr
Bildnachweis: Symbolbild / KI

In Iran wird inzwischen statistisch etwa alle viereinhalb Stunden ein Mensch hingerichtet. Mindestens 2.003 Hinrichtungen hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran (HRA) innerhalb eines einzigen Jahres dokumentiert. Die erschreckende Bilanz umfasst den Zeitraum vom 10. Oktober 2025 bis zum 8. Oktober 2026 und liegt rund 29 Prozent über dem Vorjahreswert. Während internationale Aufmerksamkeit häufig auf Irans militärische Auseinandersetzungen mit IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und den Vereinigten Staaten gerichtet ist, setzt die Islamische Republik im eigenen Land weiterhin auf Todesurteile, willkürliche Verhaftungen und eine Justiz, deren Verfahren von Menschenrechtsorganisationen wegen schwerer Verstöße gegen grundlegende Rechte kritisiert werden.

Eine bemerkenswerte Reaktion kommt nun von den Vereinten Nationen. Gina Romero Rodríguez, UN-Sonderberichterstatterin für die Rechte auf friedliche Versammlung und Vereinigungsfreiheit, kündigte am Montag, dem 12. Oktober, an, sich dem wöchentlichen Hungerstreik iranischer Gefangener und ihrer Unterstützer anzuschließen. Die Aktion unter dem Namen „No Execution Tuesdays“ richtet sich gegen die Todesstrafe und die systematische Verfolgung politischer Gegner in Iran. Romero Rodríguez will am Dienstag mit ihrem Hungerstreik auf die Schicksale der Menschen aufmerksam machen, die wegen ihrer Beteiligung an Protesten verfolgt oder zum Tode verurteilt wurden.

Ihre Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Dimension der staatlichen Gewalt immer deutlicher sichtbar wird. Bei den Massenprotesten im Januar 2026 gingen iranische Sicherheitskräfte mit äußerster Brutalität gegen Demonstranten vor. Tausende Menschen wurden nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen getötet, weitere verhaftet und später vor Gericht gestellt. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten. Menschenrechtsgruppen haben Schätzungen von mehr als 30.000 Toten vorgelegt, doch die weitreichenden Internetsperren, die staatliche Zensur und die eingeschränkten unabhängigen Ermittlungsbedingungen erschweren eine abschließende Überprüfung.

Die UN-Sonderberichterstatterin warf den iranischen Behörden vor, die Todesstrafe gegen Menschen einzusetzen, die ihre grundlegenden politischen Rechte wahrgenommen hätten. Sie verwies auf friedliche Versammlungen, freie Meinungsäußerung und die Bildung politischer Vereinigungen. Besonders schwer wiegt nach ihrer Darstellung, dass Protestierende nicht nur willkürlich festgenommen würden, sondern sich auch Verfahren ausgesetzt sähen, die von Foltervorwürfen, erzwungenen Geständnissen und fehlendem Zugang zu selbst gewählten Rechtsanwälten geprägt seien.

Mindestens 46 politische Gefangene und Demonstranten sollen nach ihren Angaben seit dem 19. März hingerichtet worden sein. Für zahlreiche weitere Menschen besteht die Gefahr, dass bereits verhängte Todesurteile vollstreckt werden.

Mehr als 2.000 Hinrichtungen, die meisten ohne öffentliche Bekanntgabe

Der neue Jahresbericht der Human Rights Activists News Agency (HRANA) zeigt das Ausmaß der iranischen Hinrichtungspraxis. Die Organisation dokumentierte insgesamt mindestens 2.003 vollstreckte Todesurteile, darunter die Hinrichtungen von 47 Frauen und vier Menschen, die zur Tatzeit minderjährig waren. Neun Hinrichtungen fanden öffentlich statt. Zusätzlich wurden mindestens 230 neue Todesurteile registriert.

Besonders auffällig ist die systematische Geheimhaltung. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation wurden ungefähr 95 Prozent aller dokumentierten Hinrichtungen von den iranischen Behörden nicht öffentlich bekanntgegeben. In vielen Fällen erfahren Angehörige und die Öffentlichkeit erst über unabhängige Netzwerke oder lokale Kontakte von der Vollstreckung.

Nicht alle Hinrichtungen betrafen politische Gefangene. Nach der Auswertung von HRANA entfielen rund 57,6 Prozent auf Verurteilungen wegen Mordes und etwa 36,3 Prozent auf Drogendelikte. Ein wesentlich kleinerer Teil war unmittelbar politischen oder sicherheitsbezogenen Anklagen zugeordnet. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn die Gesamtzahl von mehr als 2.000 Hinrichtungen darf nicht mit der Zahl hingerichteter Demonstranten gleichgesetzt werden.

Dennoch dokumentierte HRANA innerhalb des Berichtszeitraums 69 Hinrichtungen im Zusammenhang mit politischen und sicherheitsbezogenen Vorwürfen. Bei 35 davon bestand nach Angaben der Organisation ein Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026. Die gesamte Hinrichtungswelle zeigt zugleich, mit welcher Härte die Islamische Republik die Todesstrafe einsetzt und wie wenig Transparenz das iranische Justizsystem gegenüber der eigenen Bevölkerung und internationalen Beobachtern bietet.

Die Zahlen sind Mindestwerte. In einem Staat, der Informationen systematisch kontrolliert, Angehörige von Gefangenen unter Druck setzen kann und unabhängige Journalisten sowie Menschenrechtsverteidiger verfolgt, lässt sich die tatsächliche Zahl der vollstreckten Todesurteile nur eingeschränkt erfassen.

Die Organisation verweist außerdem darauf, dass die Hinrichtungen gegenüber dem vorherigen Berichtszeitraum um rund 29 Prozent gestiegen sind. Damit wurde innerhalb ihrer ausgewerteten Zeitreihe ein neuer Höchstwert erreicht. Für die iranische Bevölkerung bedeutet das eine weitere Verschärfung der ohnehin angespannten Menschenrechtslage.

Junge Demonstranten in der Todeszelle

Gina Romero Rodríguez nannte ausdrücklich mehrere Gefangene, deren Schicksal international mehr Aufmerksamkeit erhalten soll. Dazu gehört der frühere Boxchampion Mohammad Javad Vafaie Sani. Er wurde bereits 2020 festgenommen, weil er an den Protesten des Jahres 2019 teilgenommen haben und Verbindungen zur oppositionellen Volksmudschahedin-Organisation unterhalten haben soll. Sein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurde nach den vorliegenden Berichten im Dezember 2025 abgelehnt.

Auch der Fall des jungen Shervin Bagherian gehört zu den Beispielen, auf die die UN-Sonderberichterstatterin aufmerksam machte. Er wurde im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 wegen „Moharebeh“, Feindschaft gegen Gott, zum Tode verurteilt. Bagherian war erst wenige Tage volljährig, als Sicherheitskräfte ihn in seinem Elternhaus festnahmen. Nach Berichten über seinen Fall soll er gefoltert und zu einem Geständnis vor staatlichen Fernsehkameras gezwungen worden sein.

Besonders schwerwiegend sind auch die Vorwürfe im Fall der Brüder Hamidreza und Abdolreza Fathi. Beide wurden von einem Revolutionsgericht in Schiras wegen „Verderbens auf Erden“ zum Tode verurteilt. Ihnen wird die Beteiligung an der Tötung eines Mitglieds der regimetreuen Basij-Miliz sowie an Sachbeschädigungen vorgeworfen. Nach Angaben der kurdischen Menschenrechtsorganisation Hengaw wurden beide Brüder gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen. Einer soll dabei einen Armbruch erlitten haben.

Die gegen diese Gefangenen erhobenen Anschuldigungen stammen von den iranischen Behörden. Ob sie zutreffen, kann unter den gegebenen Verfahrensbedingungen nicht unabhängig festgestellt werden. Menschenrechtsorganisationen warnen seit Jahren davor, dass Geständnisse unter Folter erzwungen und anschließend für Todesurteile verwendet werden.

Das Strafrecht der Islamischen Republik bietet den Sicherheitsbehörden zahlreiche Möglichkeiten, politischen Widerstand als schwerstes Verbrechen zu behandeln. Tatbestände wie „Feindschaft gegen Gott“ oder „Verderben auf Erden“ können mit der Todesstrafe geahndet werden. Entscheidend ist dabei nicht allein der Wortlaut des Gesetzes, sondern auch seine Anwendung durch eine Justiz, deren Unabhängigkeit von der politischen Führung vielfach infrage gestellt wird.

haOlam berichtete bereits im Januar über die Hinrichtungen von Demonstranten und im August über öffentliche Exekutionen, mit denen das Regime seine Gegner einschüchterte. Die jüngsten Daten zeigen nun, dass diese Fälle Teil einer wesentlich umfassenderen Entwicklung sind. Die Hinrichtungen haben nicht aufgehört, obwohl die iranische Führung militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch erheblich unter Druck geraten ist.

Ein aktueller Reuters-Untersuchungsbericht beschreibt zudem, wie iranische Sicherheitsbehörden seit den Januarprotesten verstärkt gegen tatsächliche und vermeintliche Regimegegner vorgehen. Dazu gehören Verhaftungen, im Staatsfernsehen verbreitete Geständnisse und Verfahren, bei denen rechtsstaatliche Garantien nach den vorliegenden Berichten schwer verletzt werden.

Die Islamische Republik versucht damit nicht nur, einzelne Oppositionelle auszuschalten. Die dokumentierten Methoden können auch als Warnung an die übrige Bevölkerung wirken. Wer demonstriert, sich organisiert oder öffentlich widerspricht, muss mit weitreichenden persönlichen Konsequenzen rechnen.

Die Beteiligung einer UN-Sonderberichterstatterin an einem Hungerstreik ist ein ungewöhnlicher Schritt. Romero Rodríguez verfügt selbst über keine Befugnis, iranische Todesurteile aufzuheben oder Gefangene freizulassen. Ihre Aktion kann jedoch internationale Aufmerksamkeit auf Fälle lenken, die andernfalls möglicherweise kaum noch wahrgenommen würden.

Für die internationale Gemeinschaft stellt sich die Frage, welche konkreten Maßnahmen über Erklärungen und Verurteilungen hinaus möglich sind. Dazu gehören die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen, der Schutz gefährdeter Aktivisten, die Unterstützung unabhängiger Informationsnetzwerke sowie gezielte Maßnahmen gegen Verantwortliche schwerer Verbrechen.

Auch für Israel bleibt die innere Entwicklung Irans relevant. Die Führung in Teheran unterstützt seit Jahrzehnten bewaffnete Organisationen, die Israel bedrohen, und hat erhebliche Ressourcen in Raketenprogramme und militärische Infrastruktur investiert. Gleichzeitig verlangen viele Iraner grundlegende politische Rechte und ein Ende staatlicher Gewalt. Die iranische Bevölkerung darf dabei nicht mit dem Machtapparat der Islamischen Republik gleichgesetzt werden.

Die Zahl von mindestens 2.003 Hinrichtungen innerhalb eines Jahres ist deshalb mehr als eine erschütternde Statistik. Sie beschreibt die Dimension einer staatlichen Strafpraxis, die von internationaler Kritik weitgehend unbeeindruckt fortgesetzt wird.

Während die iranische Führung nach außen um ihren regionalen Einfluss kämpft, stehen im Inneren Menschen vor Gericht, weil sie sich gegen ihre Herrscher gestellt haben sollen. Einige warten bereits auf die Vollstreckung ihres Todesurteils.

Der angekündigte Hungerstreik wird diese Menschen nicht unmittelbar befreien. Er erinnert aber daran, dass hinter jeder Zahl ein konkretes Schicksal steht und dass die Auseinandersetzung um Irans Zukunft nicht allein auf militärischen Schauplätzen entschieden wird.



Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 13. Oktober 2026

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