Im Schatten des Krieges richtet Teheran weiter hin
Mindestens 71 Menschen wurden allein im Juli hingerichtet. Während die Welt auf Raketen, Hormus und Ölpreise blickt, verschärft das Regime im Inneren seinen Druck auf Protestierende und politische Gegner.

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Der Krieg hat die Aufmerksamkeit der Welt auf iranische Raketen, amerikanische und israelische Angriffe, den Persischen Golf und die Straße von HormusStraße von Hormus: Die gefährlichste Engstelle der WeltwirtschaftDie Straße von Hormus ist eine Meerenge zwischen Iran und Oman. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und ist eine der wichtigsten Routen für Öl und Flüssigerdgas weltweit.Mehr lesen gelenkt. Doch hinter diesen Schlagzeilen arbeitet ein anderer Apparat der Islamischen Republik nahezu ununterbrochen weiter: Gefängnisse, Revolutionsgerichte und Hinrichtungsstätten.
Nach Angaben der in Norwegen ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights, IHR, wurden allein im Juli mindestens 71 Menschen im Iran hingerichtet. Für die ersten sieben Monate des Jahres 2026 dokumentierte die Organisation insgesamt mindestens 444 Hinrichtungen. Lediglich 67 davon wurden von iranischen Behörden öffentlich bekanntgegeben. Weitere 377 Fälle habe IHR nach eigenen Angaben durch mindestens zwei unabhängige Quellen überprüft. Hinweise auf mehr als 400 zusätzliche Hinrichtungen seien noch nicht in die Statistik aufgenommen worden, weil eine ausreichende Bestätigung bislang fehle.
Schon für die ersten sechs Monate hatte IHR mindestens 370 Hinrichtungen registriert, davon mindestens 101 allein im Juni. Die Organisation warnte damals ausdrücklich vor einer weiteren Zunahme.
Diese Zahlen müssen präzise eingeordnet werden. Nicht jeder der Hingerichteten war ein politischer Gefangener oder Demonstrant. Von den 71 im Juli dokumentierten Fällen entfielen nach Angaben von IHR 36 auf Mordvorwürfe, 26 auf Drogendelikte, acht auf Vorwürfe im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit und einer auf Vergewaltigung. Doch gerade die politischen Fälle zeigen, wie das Regime die Todesstrafe als Instrument gegen seine Gegner einsetzt.
Während der ersten sieben Monate des Jahres wurden laut IHR 28 Demonstranten hingerichtet, davon 26 im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 und zwei im Zusammenhang mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Hinzu kamen 13 politische Gefangene mit Verbindungen zu verbotenen Oppositionsgruppen sowie zwölf Menschen, denen Spionage vorgeworfen wurde. Insgesamt standen 63 der dokumentierten Hinrichtungen im Zusammenhang mit Vorwürfen der nationalen Sicherheit.
Das sind keine vereinzelten Ausnahmen innerhalb eines gewöhnlichen Strafsystems. Es ist eine staatliche Strategie der Abschreckung.
Mehr als 70 Demonstranten warten allein in Isfahan auf den Tod
Besonders erschreckend ist die Lage im Zentralgefängnis von Isfahan. Iran Human Rights berichtete am 21. Juli, dass dort mehr als 70 Menschen, die im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar festgenommen worden waren, zum Tode verurteilt seien. Mindestens 26 befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Einzelhaft oder anderen Bereichen, die üblicherweise unmittelbar vor einer Hinrichtung genutzt werden.
Unter den identifizierten Gefangenen befindet sich nach Angaben der Organisation mindestens eine Person, die zum Zeitpunkt der ihr vorgeworfenen Tat noch minderjährig war. Bei drei weiteren Gefangenen besteht derselbe Verdacht.
Am 28. Juli wurden Amir Hossein Safari und Abolfazl Sepahi in Isfahan öffentlich hingerichtet. Beide waren während der Proteste vom Januar festgenommen worden. Amnesty International erklärte, die beiden Männer seien nach einem grob unfairen Massenverfahren zum Tode verurteilt worden. Bereits am 19. Juli waren Erfan Esfandiari und Gol Mohammad Mohammadi im Zusammenhang mit demselben Verfahren hingerichtet worden. Mindestens 60 weitere Demonstranten sah Amnesty Ende Juli unmittelbar von der Vollstreckung ihrer Todesurteile bedroht.
Auch die Vereinten Nationen schlagen Alarm. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk erklärte Anfang August, seit dem 19. März seien mindestens 56 Menschen wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit hingerichtet worden. 27 von ihnen hätten mit den Protesten gegen das Regime in Verbindung gestanden. Mehr als 100 weitere Menschen könnten wegen vergleichbarer Anschuldigungen zum Tode verurteilt werden.
Die Hinrichtungen treffen zugleich Menschen, denen keine politischen Straftaten vorgeworfen werden. 227 der von IHR für die ersten sieben Monate registrierten Todesurteile wurden wegen Mordes vollstreckt, 143 wegen Drogendelikten. Unter den Hingerichteten befanden sich zwölf Frauen, 17 ausländische Staatsangehörige und mindestens 80 Angehörige ethnischer Minderheiten.
Gerade die Drogendelikte machen einen beträchtlichen Teil der Todesurteile aus. Iran Human Rights registrierte allein 2025 insgesamt 795 Hinrichtungen wegen Drogendelikten. Bis Ende Juli 2026 waren es bereits mindestens 136. Nach einem 16 Tage dauernden Protest von Gefangenen setzte die Führung des Ghezelhesar-Gefängnisses Ende Juli dort entsprechende Hinrichtungen vorübergehend aus.
Das zeigt zugleich etwas Entscheidendes: Wo der politische Preis steigt, kann das Regime Hinrichtungen stoppen. Die Behauptung, die Todesmaschinerie laufe gleichsam automatisch und unabhängig von politischen Entscheidungen weiter, trägt nicht.
Der Krieg liefert dem Regime zusätzlichen Vorwand
Der militärische Konflikt mit IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und den Vereinigten Staaten hat die Repression im Inneren nicht beendet. Nach Einschätzung mehrerer Menschenrechtsorganisationen hat er den iranischen Sicherheitsorganen vielmehr zusätzliche Möglichkeiten gegeben, Gegner unter dem Vorwurf der Spionage, Zusammenarbeit mit feindlichen Staaten oder Gefährdung der nationalen Sicherheit zu verfolgen.
Amnesty International berichtete Ende Mai, seit Beginn des Krieges seien mehr als 6.000 Menschen willkürlich festgenommen worden. Darunter seien Demonstranten, Journalisten, Rechtsanwälte, Menschenrechtsverteidiger sowie Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten. Die Organisation berichtete außerdem über beschleunigte Verfahren, erzwungene Geständnisse, Foltervorwürfe und Todesurteile gegen politische Gefangene.
Besonders gefährlich ist eine Verschärfung des iranischen Spionagerechts. Nach Darstellung von Amnesty können inzwischen selbst Kontakte zu ausländischen Medien oder die Weitergabe von Bildmaterial über Proteste als Tätigkeit gegen die nationale Sicherheit verfolgt werden, wenn Behörden darin eine Zusammenarbeit mit einem als feindlich eingestuften Staat oder einer entsprechenden Organisation sehen. Unter bestimmten Voraussetzungen droht die Todesstrafe. Ende Juli warnte Amnesty ausdrücklich vor dieser Entwicklung.
Mahmood Amiry-Moghaddam, Direktor von Iran Human Rights, geht davon aus, dass sich Tausende seit Beginn des Konfliktes festgenommene Menschen in iranischen Gefängnissen befinden und zahlreiche Gefangene mit Todesurteilen rechnen müssen. Seine Angaben zu Umfang von Festnahmen, Folter und noch nicht vollstreckten Todesurteilen sind allerdings von den unabhängig dokumentierten Hinrichtungszahlen zu unterscheiden. Genau diese Trennung nimmt auch der zugrunde liegende Bericht ausdrücklich vor.
Das macht die Situation nicht weniger bedrohlich.
Für die Islamische Republik besitzt die Todesstrafe seit Jahren eine Wirkung, die weit über den einzelnen Gefangenen hinausgeht. Sie sendet eine Botschaft an dessen Familie, an Freunde, an andere Demonstranten und an jeden, der überlegt, ein Video zu veröffentlichen, mit einem ausländischen Sender zu sprechen oder erneut auf die Straße zu gehen.
Die Hinrichtung eines Demonstranten beendet ein Leben. Die Angst vor der nächsten Hinrichtung soll Millionen Menschen erreichen.
Genau deshalb ist es gefährlich, die Menschen im Iran hinter der militärischen Auseinandersetzung verschwinden zu lassen. Israel befindet sich in einem Konflikt mit einem Regime, das den jüdischen Staat seit Jahrzehnten bedroht, Terrororganisationen aufrüstet und seine militärische Macht gegen Israel richtet. Daraus folgt aber nicht, dass die iranische Bevölkerung mit diesem Regime gleichgesetzt werden darf.
Im Gegenteil.
Viele Iraner haben bereits vor dem gegenwärtigen Krieg einen hohen Preis dafür bezahlt, dass sie sich gegen die Islamische Republik stellten. Die Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022 machten dies weltweit sichtbar. Die Proteste Anfang 2026 zeigten erneut, dass die Herrschaft der Islamischen Republik im eigenen Land auf erheblichen Widerstand trifft. Amnesty berichtete über massive staatliche Gewalt gegen die Protestbewegung und anschließende Festnahmen und Todesurteile.
Währenddessen konzentriert sich ein großer Teil der internationalen Diplomatie auf Ölpreise, die Sicherheit der Schifffahrt und die Straße von Hormus. Diese Themen sind wirtschaftlich und sicherheitspolitisch von enormer Bedeutung. Aber sie dürfen nicht dazu führen, dass Menschenrechte wieder zur Verhandlungsmasse werden.
Das Regime in Teheran sollte keinen Vorteil daraus ziehen können, dass seine außenpolitische Aggression so viele Schlagzeilen produziert, dass für seine innere Repression kaum noch Platz bleibt.
Die 71 dokumentierten Hinrichtungen im Juli sind deshalb mehr als eine Statistik.
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter der gesamten Statistik steht ein Staat, der weiß, welche Wirkung ein Galgen auf diejenigen entfaltet, die noch leben.
Während die Welt über Krieg, Raketen und Öl spricht, sorgt die Islamische Republik dafür, dass ihre Gefängnisse nicht aus den Augen verloren werden sollten.
Gerade jetzt nicht.
Autor: Bernd Geiger
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 9. August 2026