Bürger aus Teheran berichten von Hinrichtungen, Angst und neuer Härte des Regimes
Menschen aus Teheran berichten von Angst, Hinrichtungen, Internetsperren und neuer Repression. Ihr bitterer Vorwurf: Der Krieg gegen das Regime sei nur halb beendet worden.

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In Teheran ist es stiller geworden, aber nicht freier. Die Sirenen sind verstummt, die unmittelbaren Bilder der Angriffe sind aus dem Nachrichtenstrom verschwunden, und doch beschreiben Bürger aus der iranischen Hauptstadt eine Lage, die kaum nach Entspannung klingt. Was nach außen wie eine Rückkehr zur Normalität wirken soll, erscheint aus dem Inneren des Landes als neue Phase der Einschüchterung. Kontrollpunkte, verlegte Sicherheitskräfte, kaum zugängliches Internet, wirtschaftliche Not und die Angst vor Verhaftungen bestimmen nach den Schilderungen iranischer Gesprächspartner den Alltag. Das Regime, so lautet der bittere Kern dieser Berichte, hat den Krieg nicht zum Anlass genommen, Druck von der Bevölkerung zu nehmen. Es hat die Bevölkerung noch enger eingeschlossen.
Die Aussagen, die israelische Medien aus Teheran dokumentieren, sind deshalb mehr als Momentaufnahmen. Sie zeigen den Blick jener Menschen, die zwischen einem nach außen aggressiven Regime und einem nach innen brutalen Sicherheitsapparat leben. Für sie ist die Islamische Republik kein abstraktes außenpolitisches Problem, sondern tägliche Wirklichkeit. Sie erleben, wie ein Staat seine Macht nicht aus Zustimmung gewinnt, sondern aus Angst. Sie erleben, wie öffentliche Ordnung mit Einschüchterung verwechselt wird. Sie erleben, wie der Zugang zur Welt über das Internet nicht als Recht, sondern als Drohmittel behandelt wird. Und sie erleben, wie der Westen immer wieder versucht, in Teheran Gesprächspartner zu erkennen, wo viele Iraner nur noch ein geschlossenes Herrschaftssystem sehen.
Besonders schwer wiegt die Aussage eines Teheraner Bürgers, der berichtet, die Lage sei nach der Operation deutlich schlechter geworden als zuvor. Kein Internet, fehlende Medikamente, verschärfter Druck, mehr Angst, mehr Enge. Er beschreibt ein Regime, das nach außen vielleicht angeschlagen wirkt, nach innen aber umso härter handelt. Der Raum für Bürger werde kleiner, Menschen würden leichter hingerichtet, die Atmosphäre sei düsterer geworden. Ob alle Einzelheiten unabhängig überprüfbar sind, bleibt in einem abgeschotteten Staat wie Iran schwierig. Aber gerade diese Schwierigkeit ist Teil des Problems. Wenn ein Regime Kommunikation blockiert, Journalisten einschüchtert und seine eigene Bevölkerung von der Außenwelt abschneidet, schafft es genau jene Dunkelheit, in der staatliche Gewalt leichter verschwinden kann.
Die zentrale Botschaft aus Teheran lautet nicht: Der Krieg war gut. Sie lautet auch nicht, dass Menschen leichtfertig weitere Zerstörung wünschen. Sie lautet: Viele sehen keinen anderen Ausweg mehr. Das ist der erschütternde Punkt. Wenn Bürger eines Landes sagen, ihre einzige Hoffnung sei der Zusammenbruch der Islamischen Republik, dann ist das kein Ruf nach Leid, sondern Ausdruck einer Verzweiflung, die über Jahre gewachsen ist. Wer in Freiheit lebt, sollte sehr vorsichtig sein, solchen Sätzen aus sicherer Entfernung moralische Belehrungen entgegenzuhalten. Menschen, die unter einem Regime leben, das Opposition unterdrückt, Frauen entrechtet, Demonstranten verfolgt, Andersdenkende einschüchtert und die Region mit Terrornetzwerken destabilisiert, wissen sehr genau, was Herrschaft in Teheran bedeutet.
Der 12 Tage Krieg hat für diese Menschen offenbar keine Befreiung gebracht. Er hat aber sichtbar gemacht, wie verletzlich das Machtzentrum des Regimes ist. Militärische Einrichtungen wurden getroffen, Kommandostrukturen erschüttert, führende Kräfte unter Druck gesetzt. Doch nach den nun geschilderten Eindrücken blieb das Entscheidende unvollendet: Das Regime existiert weiter, seine Sicherheitsapparate arbeiten weiter, seine Anhänger ziehen weiter durch die Straßen, seine Gefängnisse bleiben Orte der Angst. Genau deshalb sprechen einige der zitierten Iraner davon, die Arbeit sei nur halb getan. Das ist eine harte Formulierung. Sie zeigt nicht Freude an Krieg, sondern das Gefühl, dass ein geschwächtes, aber überlebendes Regime seine Wut nun gegen die eigene Bevölkerung richtet.
Darin liegt auch eine Warnung an den Westen. Wer nach einem militärischen Schlag gegen das iranische Regime nur auf Beruhigung setzt, übersieht möglicherweise die Menschen im Land. Diplomatische Entspannung kann aus westlicher Sicht vernünftig klingen. Für viele Iraner kann sie aber bedeuten, dass die Islamische Republik Zeit gewinnt, ihre Apparate neu ordnet, ihre Gegner verfolgt und sich erneut als unangreifbar darstellt. Ein Abkommen, das nur die Ruhe nach außen verwaltet, aber die Unterdrückung nach innen ignoriert, wäre keine Lösung für das iranische Volk. Es wäre eine Pause für die Herrschenden.
Israel kennt diese Doppelstruktur des Regimes besser als viele andere Staaten. Nach außen arbeitet Teheran an Raketen, Drohnen, Urananreicherung und Terrornetzwerken. Es bewaffnet und finanziert Kräfte, die Israel bedrohen, von der Hisbollah bis zu anderen Stellvertretern in der Region. Nach innen bekämpft es die eigenen Bürger, sobald diese Freiheit, Würde oder politische Veränderung fordern. Diese beiden Seiten gehören zusammen. Ein Regime, das seine eigene Bevölkerung fürchtet, braucht äußere Feinde, um seine Herrschaft zu rechtfertigen. Und ein Regime, das Israel vernichten will, wird nicht plötzlich moderat, nur weil es diplomatisch geschickter auftritt.
Die Berichte aus Teheran werfen deshalb eine unbequeme Frage auf: Wer spricht eigentlich für Iran? Das Regime, das unter dem Banner der Islamischen Republik auftritt? Oder die Bürger, die unter hohen Risiken versuchen, ihre Lage nach außen zu schildern? In westlichen Debatten wird Iran oft mit seinen Machthabern verwechselt. Man spricht von Verhandlungen mit „Iran“, von Zugeständnissen an „Iran“, von einer Verständigung mit „Iran“. Doch der Staat, der verhandelt, ist nicht das Volk, das leidet. Zwischen den Machthabern und vielen Bürgern steht ein Abgrund aus Angst, Repression und politischer Entmündigung.
Gerade deshalb ist der Satz eines Teheraners so eindringlich, man solle das Telefon und den Computer nur eine Stunde ausschalten, um eine Ahnung von der Lage zu bekommen. Für Menschen in freien Gesellschaften ist Internet eine Selbstverständlichkeit. Für Menschen in Iran ist es ein Lebensfaden. Es verbindet sie mit Familien, Informationen, Ärzten, Journalisten, Oppositionellen und der Welt. Wer diesen Zugang kappt oder nur noch gegen hohe Kosten ermöglicht, kontrolliert nicht nur Kommunikation. Er kontrolliert Wirklichkeit. Er entscheidet, was gesehen, was gesagt und was vergessen wird.
Dass einige Bürger berichten, nachts zögen Gruppen mit Fahnen der Islamischen Republik und der Hisbollah durch die Straßen und verbreiteten Angst, passt in dieses Bild. Es geht nicht nur um Polizei und Militär. Es geht um ein Klima, in dem Macht sichtbar gemacht wird. Fahnen, Kontrollpunkte, Präsenz im Straßenraum, willkürliche Nähe zu Gewalt. Das ist die Sprache eines Regimes, das nicht überzeugen will, sondern einschüchtern muss. Wer seine Bürger liebt, braucht solche Bilder nicht. Wer sie fürchtet, setzt sie ein.
Für Israel ist diese Entwicklung von unmittelbarer Bedeutung. Nicht aus Überheblichkeit, nicht aus Freude am Leid der Iraner, sondern weil die Freiheit des iranischen Volkes und die Sicherheit Israels miteinander verbunden sind. Ein Iran, der von seinen Bürgern getragen wird, wäre nicht automatisch ein Freund Israels. Aber er wäre wahrscheinlich ein anderes Land als die Islamische Republik, die Vernichtungsrhetorik gegen Israel, regionale Milizen und nukleare Drohung zu tragenden Elementen ihrer Macht gemacht hat. Ein freierer Iran wäre eine strategische Veränderung für den ganzen Nahen Osten.
Dennoch muss jede Forderung nach Unterstützung sorgfältig formuliert werden. Kein verantwortlicher Staat darf leichtfertig über Krieg sprechen. Jeder militärische Schlag birgt Risiken für Zivilisten, für die Region und für jene, die ohnehin unter Druck stehen. Aber ebenso falsch wäre es, die Stimmen der Iraner zu ignorieren, die sagen, dass bloße Beschwichtigung ihre Lage nicht verbessert. Der Westen steht vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss dem Regime Grenzen setzen, ohne das Volk zu vergessen. Er muss die Sicherheitsinteressen Israels und anderer Staaten ernst nehmen, ohne die iranische Bevölkerung nur als Hintergrund eines geopolitischen Spiels zu behandeln. Und er darf nicht erneut dem Irrtum verfallen, in Teheran gebe es eine vernünftige Machtmitte, die nur ausreichend diplomatisch umworben werden müsse.
Die Stimmen aus Teheran zeigen: Für viele Bürger ist diese Hoffnung längst zerbrochen. Sie sehen keine Moderaten im Machtapparat, sondern ein System, das sich selbst schützt. Sie fürchten nicht nur den Krieg. Sie fürchten, dass nach dem Krieg alles bleibt, wie es war, nur härter. Diese Angst muss gehört werden. Sie passt nicht in die bequeme Erzählung, wonach jede Konfrontation mit dem Regime automatisch gegen die Bevölkerung gerichtet sei. Manchmal sagt die Bevölkerung selbst, dass das Regime das eigentliche Gefängnis ist.
Am Ende bleibt ein Bild, das schwer auszuhalten ist: In Teheran bitten Menschen aus dem Inneren eines abgeschotteten Staates Israel und die USA, sie nicht allein zu lassen. Sie bitten nicht um schöne Worte. Sie bitten darum, die Islamische Republik nicht als normalen Gesprächspartner zu behandeln, während sie ihre Bürger einsperrt, einschüchtert und vom Rest der Welt abschneidet. Man muss nicht jede Forderung nach weiterer militärischer Gewalt übernehmen, um den Ernst dieser Bitte zu verstehen. Aber man darf sie auch nicht unter dem Teppich diplomatischer Bequemlichkeit verschwinden lassen.
Der Kampf um Iran wird nicht nur an Raketenstellungen, Atomstandorten oder Verhandlungstischen entschieden. Er wird auch in Wohnzimmern, auf Straßen, an Kontrollpunkten, in Gefängnissen und in den Köpfen der Menschen entschieden, die wissen, dass ihr Land mehr sein könnte als eine Geisel seiner Herrscher. Wer über Iran spricht, muss diese Menschen endlich in den Mittelpunkt stellen. Nicht das Regime ist Iran. Die Menschen sind Iran.
Autor: Bernd Geiger
Artikel veröffentlicht am: Donnerstag, 21. Mai 2026