Iran richtet Hunderte hin und zerstört Familien
Ein neuer Bericht offenbart das Ausmaß staatlicher Gewalt im Iran.
Hunderte Hinrichtungen, hunderte Kinder ohne Eltern und ein System ohne Gnade.

Der jüngste Bericht der Harm Reduction International zeichnet ein erschütternd klares Bild: Der Iran hat im Jahr 2025 mindestens 955 Menschen wegen Drogendelikten hingerichtet. Hinter dieser Zahl verbirgt sich nicht nur eine drastische Steigerung gegenüber dem Vorjahr, sondern vor allem ein politisches System, das systematisch Leben zerstört und dabei gezielt die Schwächsten trifft.
Die Dimension ist kaum zu begreifen. Durchschnittlich wurden fast täglich drei Menschen vom Staat getötet. Gleichzeitig sitzen mehr als 1.000 weitere Gefangene in Todeszellen und warten auf ein ähnliches Schicksal. Besonders gravierend ist die Folge für die Familien: Mindestens 222 Kinder haben im vergangenen Jahr durch diese Hinrichtungen ihre Eltern verloren. Diese Zahl steht für eine stille, oft übersehene Tragödie, die weit über die eigentlichen Opfer hinausreicht.
Ein System, das Armut bestraft
Die meisten der Hingerichteten stammen aus armen Verhältnissen. Es handelt sich häufig um Menschen, die am untersten Ende der Drogenökonomie standen, etwa als Kuriere oder Gelegenheitshelfer. Sie tragen die volle Härte eines Systems, das keine Differenzierung kennt und wirtschaftliche Not in ein Todesurteil verwandelt.
Die United Nations-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte im Iran, Mai Sato, beschreibt die Realität unmissverständlich: Viele der Betroffenen seien junge Väter aus ethnischen Minderheiten, deren Familien nicht nur durch die Hinrichtung selbst, sondern auch durch die anschließende Beschlagnahmung ihres Besitzes in existenzielle Not geraten. Häuser und landwirtschaftliche Flächen werden eingezogen, sodass die Hinterbliebenen praktisch ohne Lebensgrundlage zurückbleiben.
Besonders auffällig ist die massive Überrepräsentation ethnischer Minderheiten. Ein Drittel der hingerichteten Minderheitenangehörigen gehörte zur baluchischen Bevölkerung, obwohl diese nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmacht. Diese Zahlen lassen kaum einen anderen Schluss zu als den, dass das System gezielt gegen marginalisierte Gruppen vorgeht.
Verfahren ohne Gerechtigkeit
Noch gravierender als die Zahlen sind die Umstände, unter denen diese Urteile zustande kommen. Der Bericht dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien missachtet wurden. Geständnisse wurden unter Zwang erpresst, rechtlicher Beistand verweigert und Verfahren im Geheimen durchgeführt.
Mindestens 65 Hinrichtungen fanden ohne Vorankündigung statt. Familien erfuhren oft erst nach der Vollstreckung vom Tod ihrer Angehörigen. Abschied war unmöglich. In einigen Fällen wurden Menschen sogar hingerichtet, obwohl ihre Verfahren noch nicht abgeschlossen waren. Ein kurdischer Mann wurde getötet, obwohl eine gerichtliche Überprüfung lief und eine Anhörung bereits angesetzt war.
Besonders problematisch ist die Anwendung des sogenannten „elm-e-qazi“, eines juristischen Konstrukts, das es Richtern erlaubt, Schuld auf Grundlage ihrer eigenen Einschätzung festzustellen. Konkrete Beweise oder Zeugenaussagen sind dabei nicht zwingend erforderlich. Diese Praxis öffnet willkürlichen Entscheidungen Tür und Tor.
Selbst dort, wo keine Drogen nachgewiesen wurden, kam es zu Todesurteilen. In einem dokumentierten Fall wurden drei Männer gemeinsam hingerichtet, obwohl keinerlei Beweise für Drogendelikte vorlagen. Solche Beispiele zeigen, dass es nicht um Rechtsprechung im klassischen Sinne geht, sondern um Machtausübung.
Internationale Verantwortung
Der Bericht wirft auch unbequeme Fragen an die internationale Gemeinschaft auf. Die United Nations Office on Drugs and Crime unterstützt iranische Behörden im Rahmen von Programmen zur Drogenbekämpfung. Dazu gehören Ausbildung, Ausrüstung und Kooperation im Sicherheitsbereich.
Was auf den ersten Blick wie sinnvolle Unterstützung wirkt, könnte indirekt zur Aufrechterhaltung eines Systems beitragen, das systematisch Menschenrechte verletzt. Die Empfehlung der Autoren ist daher eindeutig: Diese Zusammenarbeit müsse dringend überprüft und im Zweifel ausgesetzt werden.
Der Iran nutzt den Kampf gegen Drogen nicht nur zur Strafverfolgung, sondern als Instrument politischer Kontrolle. Wer arm ist, wer zu einer Minderheit gehört oder wer am Rand der Gesellschaft lebt, gerät besonders schnell ins Visier.
Diese Entwicklung darf nicht als Randnotiz behandelt werden. Sie ist Ausdruck eines Systems, das bewusst auf Abschreckung durch extreme Härte setzt und dabei grundlegende Prinzipien von Gerechtigkeit außer Kraft setzt. Die Folgen tragen nicht nur die Opfer selbst, sondern ganze Familien und Generationen.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Symbolbild
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 24. März 2026