Iranisches Regime erschießt Verletzte in Krankenhäusern und verfolgt Ärzte
Ein iranischer Mediziner berichtet von Hinrichtungen in Krankenhausbetten, verhafteten Ärzten und einer gezielten Jagd auf Verwundete. Was im Iran geschieht, ist kein Chaos, sondern systematische Brutalität gegen das eigene Volk.

Die Worte, die ein iranischer Arzt in einem vertraulichen Gespräch schildert, zeichnen ein Bild von Grausamkeit, das selbst in der langen Geschichte der Unterdrückung durch das Regime in Teheran herausragt. Verletzte Demonstranten, die in Krankenhäuser gebracht werden, enden mit Kopfschüssen in ihren Betten. Ärzte, die sie behandeln, werden verhaftet, gefoltert oder zum Tode verurteilt. Krankenhäuser, Orte der Heilung, werden zu Schauplätzen staatlichen Terrors.
Dr. R, Mitglied der internationalen Organisation Aida Health Alliance, sprach unter strenger Wahrung seiner Anonymität über das, was sich seit den jüngsten Protesten im Iran abspielt. Aus Sicherheitsgründen darf sein Name nicht veröffentlicht werden. Doch seine Aussagen sind präzise, detailreich und decken sich mit Berichten zahlreicher Menschenrechtsorganisationen.
Nach seinen Schilderungen nutzt das Regime medizinische Einrichtungen gezielt, um Verwundete aufzuspüren und auszuschalten. „Viele der Patienten wurden tot in ihren Krankenhausbetten gefunden, noch immer an Schläuche und Maschinen angeschlossen, mit Einschusslöchern im Kopf“, berichtet der Arzt. Diese Menschen seien nicht bereits tot eingeliefert worden. Sie seien im Krankenhaus ermordet worden.
Er erklärt den Vorgang in nüchternen medizinischen Worten. Wenn jemand mit einer tödlichen Kopfwunde ins Krankenhaus komme, würden keine Katheter gelegt und keine lebenserhaltenden Maßnahmen begonnen. Wenn aber Patienten intubiert und an Geräte angeschlossen seien, bedeute dies, dass sie lebten und behandelt wurden. „Das heißt, sie sind ins Krankenhaus gegangen und haben sie dort erschossen.“
Diese Berichte beschreiben kein vereinzeltes Fehlverhalten, sondern eine organisierte Praxis. Laut Aussagen des Direktors der Organisation Iran Human Rights, Mahmood Amiry-Moghaddam, habe das Regime die elementarsten medizinischen Prinzipien zerstört. Krankenhäuser seien zu Instrumenten der Repression geworden. Beatmungsgeräte würden absichtlich abgeschaltet, Behandlungen verhindert, Patienten aus Betten heraus verhaftet.
Solche Handlungen seien Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagt Amiry-Moghaddam. Er fordert die Weltgesundheitsorganisation auf, diese Vorgänge zu untersuchen. Wenn ein Staat medizinische Einrichtungen in Werkzeuge der Unterdrückung verwandle, handle es sich nicht nur um eine Menschenrechtskrise, sondern um eine globale Gefahr für die öffentliche Gesundheit.
Die Brutalität beschränkt sich nicht auf Demonstranten. Dr. R berichtet, dass auch völlig unbeteiligte Menschen Opfer der Maßnahmen wurden. Anfang Januar kappte das Regime Internet und Telefonverbindungen, um Proteste zu ersticken. In dieser Zeit konnten Menschen in medizinischen Notlagen keine Hilfe rufen. Alte Menschen mit Herzinfarkten, Frauen in den Wehen, Verletzte durch Unfälle starben, weil kein Krankenwagen erreichbar war.
„Manche sind einfach gestorben, nur weil sie niemanden anrufen konnten“, sagt der Arzt. Für ein Land, das über moderne medizinische Infrastruktur verfügt, ist das ein bewusst herbeigeführtes Sterbenlassen. Gleichzeitig erschwert die Kommunikationssperre der Welt, das volle Ausmaß der Verbrechen zu erfassen.
Die Vereinten Nationen sprechen bereits jetzt von der tödlichsten Unterdrückungswelle seit der islamischen Revolution von 1979. Zehntausende wurden verhaftet, darunter Kinder, Journalisten und Menschenrechtsverteidiger. Doch hinter diesen Zahlen stehen einzelne Schicksale, die kaum jemand außerhalb des Irans kennt.
Dr. R berichtet von weiteren erschütternden Praktiken. Krankenhäuser seien zu Beginn der Proteste teilweise geräumt worden, um verletzten Mitgliedern der Revolutionsgarden bevorzugt Behandlung zu ermöglichen. Normale Patienten wurden einfach entlassen oder ihrem Schicksal überlassen.
Medizinisches Personal lebt in ständiger Angst. Ärzte werden gezwungen, Verletzungen zu melden, die auf eine Teilnahme an Protesten hindeuten. Wer dennoch Verwundete behandelt, wird verfolgt. „Viele Ärzte wurden verhaftet, gefoltert, manche sogar zum Tode verurteilt, nur weil sie Menschen geholfen haben“, sagt Dr. R. Dabei verstoßen sie gegen nichts anderes als gegen den Eid, den jeder Mediziner ablegt: Leben zu retten.
Die Verfolgung geht so weit, dass Sicherheitskräfte Ärzte nach Dienstschluss nach Hause begleiten, um zu überprüfen, ob sie dort heimlich Patienten versorgen. Für Verwundete bedeutet dies, dass sie oft lieber gar keine medizinische Hilfe suchen, aus Angst, im Krankenhaus verhaftet oder getötet zu werden.
Ein Fall, den Dr. R schildert, macht das Ausmaß der Tragödie greifbar. Ein Jugendlicher wurde während einer Demonstration angeschossen. Sein Vater, selbst Arzt, wusste, dass er seinen Sohn nicht in ein Krankenhaus bringen konnte. Er versuchte, ihn zu Hause zu behandeln. Doch die Verletzungen waren zu schwer. Der Junge starb, weil der Ort, der ihm hätte helfen sollen, zur Todesfalle geworden war.
Aus genau diesem Grund wurde 2022 die Aida Health Alliance gegründet, benannt nach der Ärztin Aida Rostami, die von Sicherheitskräften entführt und ermordet wurde, weil sie Demonstranten medizinisch versorgt hatte. Die Organisation versucht, Verletzten im Iran aus dem Exil heraus zu helfen, sie medizinisch und psychologisch zu unterstützen. Doch auch diese Arbeit wird immer schwieriger.
Dr. R berichtet, dass viele Patienten aus Angst nicht einmal Röntgenaufnahmen machen lassen. Kugeln verbleiben im Körper, Wunden entzünden sich, Infektionen breiten sich aus. Apotheken werden überwacht, um herauszufinden, wer Antibiotika oder Tetanusimpfungen kauft. Selbst der Versuch, sich medizinisch zu versorgen, kann zur Verhaftung führen.
Die Dimension der Gewalt ist kaum zu begreifen. Laut Berichten wurden allein in zwei Tagen im Januar zehntausende Menschen getötet. Dr. R glaubt, dass die wahren Zahlen noch weit höher liegen. Jeder im Land trauere um mindestens drei Menschen, die er persönlich gekannt habe.
Besonders schmerzhaft sei die Ungewissheit. Familien wüssten oft nicht, was mit ihren Angehörigen geschehen sei. Der Arzt spricht von Massengräbern ohne Kennzeichnung, von Leichensäcken, die übereinander gestapelt liegen, so zahlreich, dass man kaum hindurchgehen könne. Ein ganzes Land versinkt in Trauer, Angst und Trauma.
Was im Iran geschieht, ist kein Ausbruch spontaner Gewalt. Es ist eine systematische Kampagne gegen die eigene Bevölkerung. Ein Regime, das Krankenhäuser zu Schlachtfeldern macht, hat jede moralische Grenze überschritten. Die internationale Gemeinschaft kann diese Berichte nicht länger ignorieren.
Während die Welt über diplomatische Lösungen und Atomabkommen diskutiert, kämpfen im Iran Ärzte darum, Verwundete zu retten, ohne selbst ermordet zu werden. Und einfache Bürger sterben, weil ein Staat entschieden hat, dass ihr Leben nichts wert ist.
Die Aussagen von Dr. R sind ein Hilferuf aus einem Land, in dem selbst die Orte der Heilung zu Orten des Todes geworden sind. Sie erinnern daran, dass hinter jeder politischen Schlagzeile Menschen stehen, deren einzige Schuld darin besteht, Freiheit und Würde zu verlangen.
Autor: Samuel Benning
Bild Quelle: Symbolbild KI generiert
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 11. Februar 2026