Katar bekam die WM, Israel soll raus: Irlands Boykottkurs und das zweierlei Maß im Fußball

Katar bekam die WM, Israel soll raus: Irlands Boykottkurs und das zweierlei Maß im Fußball


Irland spielt gegen Israel, wollte den israelischen Verband aber aus UEFA-Wettbewerben werfen. Der Blick auf Katar zeigt, wie unterschiedlich der Weltfußball mit politischen und menschenrechtlichen Konflikten umgehen kann.

Katar bekam die WM, Israel soll raus: Irlands Boykottkurs und das zweierlei Maß im Fußball
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Es ist inzwischen schwer, beim bevorstehenden Nations-League-Spiel zwischen IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen und Irland noch so zu tun, als gehe es lediglich um Fußball. Irlands Verband FAI hat bereits 2025 mit überwältigender Mehrheit beschlossen, bei der UEFA die sofortige Suspendierung des israelischen Fußballverbandes zu beantragen. Im Sommer wurde sogar darüber gestritten, ob Irland die Partien gegen Israel überhaupt austragen sollte. Am Ende stimmten 68 Prozent der Delegierten dafür, zu spielen nicht weil der politische Widerstand gegen Israel verschwunden wäre, sondern weil ein Boykott den irischen Fußball selbst mit Punktverlusten, weiteren Sanktionen und möglicherweise einem Ausschluss aus dem Wettbewerb getroffen hätte.

Das irische „Heimspiel“ gegen Israel wurde dennoch aus Dublin nach Serbien verlegt und soll dort hinter verschlossenen Türen stattfinden. Torwart Gavin Bazunu zog sich aus dem Kader zurück, weil er nicht gegen Israel spielen wollte. Rund um die Begegnungen wird darüber diskutiert, ob Hände geschüttelt werden, welche Zeichen Spieler tragen und wie viel politischer Protest auf dem Platz stattfinden soll. Der Fußballverband hat zugleich längst deutlich gemacht, wo er politisch steht: Israel soll nach seinem Willen gar nicht mehr an UEFA-Wettbewerben teilnehmen.

Man kann Israels Regierung kritisieren. Man kann den Krieg in GazaPalästina: Geschichte, Bedeutung und politischer Streit um einen aufgeladenen BegriffPalästina bezeichnet historisch eine Region im südlichen Levantegebiet und politisch heute vor allem den Anspruch auf palästinensische Staatlichkeit. Der Begriff ist eng mit jüdischer Geschichte, dem britischen Mandat, Israel und dem Nahostkonflikt verbunden.Mehr lesen kritisieren. Man kann auch prüfen, ob ein Mitgliedsverband UEFA- oder FIFA-Regeln verletzt. Aber wenn aus politischer Ablehnung zunehmend die Forderung wird, israelische Sportler und Mannschaften überhaupt nicht mehr antreten zu lassen, lohnt ein Blick darauf, wie der internationale Fußball bei anderen Staaten gehandelt hat.

Und dann landet man unweigerlich bei Katar.

In Katar wurde diskutiert und trotzdem gespielt

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 fand in einem Staat statt, dessen Menschenrechtslage jahrelang international massiv kritisiert wurde. Amnesty International dokumentierte Ausbeutung von Arbeitsmigranten, unbezahlte Löhne, Zwangsarbeit und gravierende Probleme des Kafala-Systems. Die Organisation erklärte ausdrücklich, FIFA habe bereits bei der Vergabe 2010 von den erheblichen Risiken für Arbeitsmigranten wissen müssen. Hinzu kamen Kritik an der Lage von Frauen, Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Das waren keine kleinen Streitfragen am Rande eines Turniers. Hunderttausende ausländische Arbeiter waren an der Vorbereitung der Weltmeisterschaft beteiligt. Amnesty warf FIFA später vor, nicht ausreichend für Entschädigungen von Arbeitern und ihren Familien gesorgt zu haben, obwohl Arbeitsrechtsverletzungen über Jahre dokumentiert worden waren.

Und was tat der europäische Fußball?

Die UEFA richtete eine Arbeitsgruppe zu Menschen- und Arbeitnehmerrechten in Katar ein. Vertreter europäischer Verbände reisten in das Land, sprachen über Arbeitsbedingungen, LGBTQ-Rechte, die Sicherheit von Journalisten und mögliche Entschädigungen. Man verlangte Verbesserungen, führte Gespräche und übte Kritik.

Aber niemand erklärte deshalb Katar zum Staat, gegen den grundsätzlich nicht mehr Fußball gespielt werden könne.

Die WM fand statt.

Europäische Nationalmannschaften reisten hin. Die Stadien waren voll. FIFA-Präsident Gianni Infantino eröffnete das Turnier, und am Ende wurde ein Weltmeister gekürt.

Genau deshalb ist die heutige Debatte über Israel so bemerkenswert. Bei Katar lautete die Reaktion des organisierten Fußballs trotz schwerwiegender Menschenrechtsvorwürfe im Kern: reden, Reformen verlangen, beobachten und spielen. Bei Israel verlangt ein europäischer Verband inzwischen ausdrücklich die Suspendierung.

Das bedeutet nicht, dass Katar und Israel politisch, rechtlich oder militärisch miteinander gleichgesetzt werden können. Das wäre Unsinn. Es zeigt aber, dass ein Ausschluss aus dem internationalen Fußball keineswegs die automatische Folge schwerer internationaler Kritik ist.

Und genau deshalb darf gefragt werden, warum bei Israel die Entfernung aus dem Wettbewerb so schnell selbst zum politischen Ziel wird.

Russland erklärt den Unterschied aber nicht alles

N12 verweist auf Russland als warnendes Beispiel. Der Vergleich hat einen realen Kern, muss aber sauber bleiben. Russland wurde nach dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 durch einen ausdrücklichen gemeinsamen Beschluss von FIFA und UEFA suspendiert. Zuvor hatten Verbände wie Polen, Schweden und Tschechien erklärt, nicht mehr gegen Russland antreten zu wollen. FIFA und UEFA trafen daraufhin eine formelle Entscheidung: russische Nationalmannschaften und Vereine wurden bis auf Weiteres ausgeschlossen.

Israel befindet sich derzeit nicht in dieser Situation. UEFA hat Israel nicht suspendiert. Die irische Forderung nach einem Ausschluss wurde bislang nicht umgesetzt. Die Spiele finden statt.

Gerade deshalb ist der Blick auf Irland wichtig.

Denn politische Isolation beginnt nicht erst mit einem Beschluss in einem Sitzungssaal in Nyon. Sie beginnt, wenn immer mehr Beteiligte den Gedanken normal finden, gegen einen bestimmten Staat nicht mehr antreten zu wollen. Wenn Spieler absagen. Wenn Fans ausgeschlossen werden. Wenn Heimspiele verlegt werden. Wenn ein Verband beantragt, einen anderen Verband aus dem Wettbewerb zu entfernen.

Irgendwann dreht sich dann die Beweislast.

Nicht mehr derjenige muss erklären, warum er einen Gegner boykottieren will. Der betroffene Gegner soll erklären, warum er überhaupt noch mitspielen darf.

Genau diese Entwicklung wäre für den israelischen Sport gefährlich.

Der irische Verband liefert dabei selbst einen bemerkenswerten Widerspruch. Im November 2025 stimmten 74 Delegierte dafür, Israel aus UEFA-Wettbewerben suspendieren zu lassen, nur sieben dagegen. Wenige Monate später stimmten 75 Delegierte dafür, die Spiele gegen Israel trotzdem auszutragen. Die Begründung war ausdrücklich, dass eine Spielverweigerung den irischen Fußball schwer treffen könnte.

Israel soll also nach Möglichkeit aus dem Wettbewerb verschwinden. Solange UEFA das nicht beschließt, spielt Irland weiter, weil ein eigener Boykott Irland selbst schaden würde.

Das ist politischer Protest mit eingebauter Schadensbegrenzung.

Und deshalb greift die Behauptung zu kurz, hier werde einfach konsequent nach moralischen Maßstäben gehandelt.

Katar zeigt, dass der Weltfußball selbst bei massiver Menschenrechtskritik sehr wohl zwischen politischer Kritik und sportlicher Teilnahme unterscheiden konnte. Russland zeigt, dass FIFA und UEFA Staaten tatsächlich ausschließen können, wenn ihre Entscheidungsgremien einen solchen Schritt beschließen. Israel zeigt nun einen dritten Weg: wachsender gesellschaftlicher und verbandspolitischer Druck, ohne dass die UEFA bislang die Suspendierung beschlossen hat.

Gerade dieser Zwischenzustand ist gefährlich. Denn er kann schleichend zur Gewohnheit machen, Israel als Problemfall des internationalen Sports zu behandeln.

Israels Fußballverband sollte deshalb nicht auf jede Provokation mit einer Gegenprovokation reagieren. Das würde denjenigen helfen, die aus einem Fußballspiel einen politischen Kampfplatz machen wollen. Aber Israel muss sehr wohl darauf bestehen, nach denselben Regeln behandelt zu werden wie andere Mitglieder.

Wer bei Katar trotz schwerwiegender Menschenrechtsvorwürfe für Dialog, Reformen und die Fortsetzung des Sports eintrat, muss erklären können, warum bei Israel plötzlich der Ausschluss selbst als naheliegende Lösung gelten soll.

Das Spiel gegen Irland entscheidet darüber nicht.

Aber die Debatte darum zeigt, wie weit der Gedanke bereits vorgedrungen ist.



Autor: Daniel Werner

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 27. September 2026

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