Zwei Millionen Aufrufe für die alte Lüge vom jüdischen Brandstifter
Nahezu gleiche Anschuldigungen tauchen gleichzeitig in Norwegen, Frankreich und Spanien auf. Neu ist nicht der Judenhass, sondern wie schnell X eine einzelne Lüge in eine länderübergreifende Kampagne verwandeln kann.

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Juden werden seit Jahrhunderten für Seuchen, Kriege, wirtschaftliche Not und gesellschaftliche Krisen verantwortlich gemacht. Dass AntisemitenAntisemitismus: Judenhass in alten und neuen FormenAntisemitismus bezeichnet Judenhass und Feindschaft gegen Juden. Er reicht von Vorurteilen und Verschwörungserzählungen bis zu Ausgrenzung, Bedrohung und Gewalt.Mehr lesen nun auch die schweren Waldbrände in mehreren europäischen Staaten benutzen, um jüdische Menschen als heimliche Brandstifter und Profiteure darzustellen, ist deshalb keine neue Erfindung. Wer lediglich berichtet, dass im Internet erneut Juden beschuldigt werden, erzählt eine bekannte Geschichte ein weiteres Mal.
Die neue Entwicklung liegt an anderer Stelle. Die israelische Organisation CyberWell hat nach eigenen Angaben nahezu gleichlautende Erzählungen zu Waldbränden in Norwegen, Frankreich und Spanien gefunden. Die Anschuldigungen erschienen auf Englisch, Französisch und Spanisch. Dabei soll ein einzelner Beitrag über die Brände in Norwegen mehr als zwei Millionen Aufrufe auf X erreicht haben. Ein Beitrag zu den spanischen Feuern kam laut CyberWell auf mehr als 69.100 erreichte Nutzer. Aus einer zunächst vereinzelten Behauptung entstand damit innerhalb kurzer Zeit eine grenzüberschreitende Welle antisemitischer Inhalte.
Das ist der Kern dieser Nachricht. Nicht der antisemitische Inhalt ist neu, sondern seine Geschwindigkeit, seine sprachliche Anpassung und seine Reichweite. Eine Lüge muss heute nicht mehr jahrelang in extremistischen Kreisen gepflegt werden, bevor sie ein großes Publikum findet. Ein reichweitenstarkes Konto, einige Übersetzungen und ein System, das Aufmerksamkeit belohnt, können genügen, um aus einer absurden Behauptung eine millionenfach sichtbare Erzählung zu machen.
Aus einer Behauptung wird eine europäische Erzählung
CyberWell teilte am 3. August mit, X über die Inhalte informiert zu haben. Nach Darstellung der Organisation behaupteten mehrere Nutzer ohne Belege, Juden hätten die Feuer absichtlich gelegt oder sie aus politischen und wirtschaftlichen Gründen geplant. Andere Beiträge stellten jüdische Menschen als Nutznießer des Leids dar. Die Erzählungen unterschieden sich sprachlich, folgten aber demselben Muster: Eine reale Katastrophe wird genommen, von ihren tatsächlichen Ursachen getrennt und mit einem jüdischen Feindbild verbunden.
CyberWell spricht von ereignisbezogenem Antisemitismus. Der Begriff beschreibt keine neue Form des Judenhasses, sondern seine Anpassung an den jeweiligen Nachrichtenstrom. Bei einem Feuer sind Juden angeblich Brandstifter. Nach einem Anschlag werden IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen oder jüdische Organisationen als geheime Auftraggeber bezeichnet. Bei einer Krankheit sollen Juden das Virus verbreitet oder an Medikamenten verdient haben. Die äußere Geschichte wechselt, die Anschuldigung bleibt bestehen.
Die Organisation hatte vergleichbare Erzählungen bereits nach den Waldbränden in Los Angeles im Jahr 2025 und nach den Bränden in Patagonien Anfang 2026 beobachtet. Auch nach Gewalttaten und Krankheitsausbrüchen wurden jüdische Menschen ohne jeden Beleg als Verantwortliche genannt. CyberWell selbst macht damit deutlich, dass die gegenwärtige Lüge nicht neu ist. Neu ist die dokumentierte gleichzeitige Verbreitung in mehreren europäischen Sprachräumen und die Geschwindigkeit, mit der ein einzelner Beitrag eine Reichweite von mehr als zwei Millionen Aufrufen erzielen konnte.
Dabei muss journalistische Vorsicht gelten. CyberWell hat in seiner öffentlichen Mitteilung weder die betroffenen Konten genannt noch eine vollständige Datensammlung, einen genauen Untersuchungszeitraum oder eine nachvollziehbare Darstellung der Verbreitungswege veröffentlicht. Es lässt sich daher bisher nicht unabhängig feststellen, ob eine organisierte Kampagne hinter den nahezu identischen Botschaften steht oder ob verschiedene antisemitische Konten dieselbe Behauptung voneinander übernommen haben.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Nahezu gleichlautende Beiträge in mehreren Sprachen sind ein Hinweis auf eine schnelle Übernahme gemeinsamer Erzählungen, aber noch kein Beweis für eine zentral gesteuerte Aktion. Fest steht nach den veröffentlichten Zahlen lediglich, dass die Anschuldigung nicht in einer kleinen abgeschlossenen Gruppe blieb. Sie erreichte ein Millionenpublikum und wurde in mehreren Ländern an aktuelle Feuer angepasst.
X macht aus Judenhass ein Reichweitenprodukt
Mit zunehmender Verbreitung verschärften sich laut CyberWell auch die Inhalte. Zu den falschen Beschuldigungen kamen entwürdigende Äußerungen, Aufforderungen zur Vertreibung von Juden und bekannte antisemitische Darstellungen. Dazu gehörte die sogenannte Happy Merchant Karikatur, die einen jüdischen Mann mit überzeichneten Gesichtszügen als gierigen Profiteur zeigt. Das Bild ist vor allem in rechtsextremen und antisemitischen Kreisen verbreitet. Es soll den Eindruck erwecken, Juden würden sich am Unglück anderer Menschen bereichern.
Hier zeigt sich, weshalb die Reichweitenangaben mehr sind als eine belanglose Zahl aus der Welt der sozialen Netzwerke. Die ursprüngliche Behauptung bleibt nicht unverändert. Sie schafft einen Raum, in dem weitere Nutzer die Anschuldigung verschärfen können. Erst wird behauptet, Juden hätten ein Feuer gelegt. Danach werden sie als unmenschlich dargestellt. Schließlich wird gefordert, sie aus einem Land zu entfernen.
Diese Entwicklung ist keine harmlose Folge unzureichender Medienbildung. Sie folgt der inneren Logik antisemitischer PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen. Wer Juden kollektiv für das Leid anderer verantwortlich macht, bereitet damit die Rechtfertigung ihrer Ausgrenzung vor. Aus der vermeintlichen Aufdeckung einer Verschwörung wird die Forderung nach Bestrafung. Deshalb nennt auch die Arbeitsdefinition der Internationalen Allianz zum HolocaustgedenkenShoah: Der nationalsozialistische Mord an sechs Millionen JudenShoah ist der hebräische Begriff für die Katastrophe der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Rund sechs Millionen Juden wurden ermordet.Mehr lesen kollektive Beschuldigungen und Behauptungen über eine verborgene jüdische Kontrolle als Erscheinungsformen des Antisemitismus.
Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Urhebern. X entscheidet mit seinen technischen Systemen, welche Inhalte sichtbar werden und wie lange sie verbreitet werden können. Zwei Millionen Aufrufe entstehen nicht, weil zwei Millionen Menschen gezielt nach einer antisemitischen Verschwörungserzählung gesucht haben. Die Plattform verteilt Inhalte, empfiehlt sie weiter und belohnt starke Reaktionen. Empörung, Hass und Angst können dadurch zu einem wirtschaftlich verwertbaren Reichweitenprodukt werden.
CyberWell fordert deshalb bessere Erkennungssysteme, einheitliche Anwendung bestehender Regeln und eine schnellere Reaktion auf antisemitische Erzählungen, die sich an aktuelle Ereignisse hängen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber offenbar nicht. Die Organisation ist nach eigenen Angaben ein anerkannter Partner von Meta, TikTok und YouTube. Ausgerechnet X musste sie nun ausdrücklich über die neue Welle informieren.
Eine öffentliche Warnung allein reicht jedoch nicht. Entscheidend wäre zu erfahren, wann X informiert wurde, ob die gemeldeten Beiträge entfernt oder in ihrer Verbreitung eingeschränkt wurden und wie viele Aufrufe erst nach der Meldung hinzukamen. Dazu enthält die Veröffentlichung von CyberWell keine Angaben. Ohne diese Informationen bleibt offen, ob die Plattform schnell reagiert hat oder ob sie den Judenhass weiterlaufen ließ.
Gerade diese Lücke muss Teil einer ehrlichen Berichterstattung sein. Die Zahlen stammen von CyberWell, nicht von einer unabhängigen Prüfung. Die Organisation belegt eine beunruhigende Reichweite, veröffentlicht aber bisher nicht genügend Einzelheiten, um die gesamte Verbreitung nachvollziehen zu können. Das schwächt die Bedeutung der Warnung nicht, begrenzt jedoch die Schlussfolgerungen.
Die Nachricht lautet daher nicht, dass Antisemiten wieder einmal eine Katastrophe gegen Juden verwenden. Das war vorhersehbar und ist vielfach dokumentiert. Die Nachricht lautet, dass eine solche Behauptung heute innerhalb kürzester Zeit mehrere Sprachen und Länder erreichen kann, während ein einzelner Beitrag auf X mehr als zwei Millionen Aufrufe sammelt. Europas Grenzen spielen für den digitalen Judenhass kaum noch eine Rolle. Die Plattformen geben ihm die Geschwindigkeit, die ihm früher fehlte.
Wer angesichts dieser Entwicklung nur über einzelne Verfasser spricht, sieht deshalb nicht das ganze Problem. Die Täter schreiben die Lüge. Doch die Plattform macht sie groß. Solange millionenfach verbreiteter Judenhass für soziale Netzwerke vor allem ein Beitrag mit hoher Beteiligung ist, wird nach jedem Brand, jedem Anschlag und jeder Krankheit dasselbe geschehen. Die Katastrophe ändert sich. Der Schuldige steht für Antisemiten bereits fest.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 5. August 2026