Feuer rücken auf Bordeaux vor: Frankreich und Spanien kämpfen gegen historische Waldbrände
Fast 300.000 Menschen mussten ihre Häuser und Urlaubsorte verlassen, weitere 30.000 wurden zum Verbleib in Gebäuden aufgefordert. In Frankreich stehen die Flammen nur noch 15 Kilometer vor dem Großraum Bordeaux, während Spanien den größten Waldbrand seiner jüngeren Geschichte meldet.

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Eine Feuerfront von bislang kaum gekanntem Ausmaß zieht sich durch den Südwesten Frankreichs und mehrere Regionen Spaniens. Ganze Ortschaften wurden geräumt, Straßen gesperrt, Bahnverbindungen unterbrochen und Urlauber aus Ferienanlagen gebracht. Löschflugzeuge kreisen über brennenden Wäldern, während am Boden tausende Feuerwehrleute, Soldaten und freiwillige Helfer versuchen, Wohngebiete vor den Flammen zu schützen.
In Frankreich wurden nach Angaben der Behörden rund 220.000 Menschen vorsorglich evakuiert. In Spanien mussten mehr als 75.000 Bewohner ihre Häuser verlassen, weitere etwa 30.000 Menschen erhielten die Anweisung, in geschlossenen Gebäuden zu bleiben. Damit sind in beiden Ländern zusammen mehr als 325.000 Menschen unmittelbar von Evakuierungen oder Schutzanordnungen betroffen.
Besonders dramatisch ist die Lage im französischen Département Gironde. Das Feuer war am vergangenen Mittwoch bei Saumos westlich von Bordeaux ausgebrochen und breitete sich mit großer Geschwindigkeit durch Wälder, Feriengebiete und dünn besiedelte Landschaften aus. Bis Sonntagabend waren rund 42.000 Hektar verbrannt. Das entspricht 420 Quadratkilometern und damit etwa der vierfachen Fläche von Paris. In 23 Gemeinden wurden Evakuierungen angeordnet.
Die Feuerfront ist inzwischen bis auf ungefähr 15 Kilometer an die ersten Zugänge zum Großraum Bordeaux herangerückt. Die Behörden sprechen von einem Brand in einer Dimension, wie sie die Region bislang nicht erlebt habe. Bordeaux selbst mit seinem historischen Zentrum und seinen dicht bebauten Stadtteilen steht derzeit nicht unmittelbar in Flammen. Doch Vororte, Verkehrsachsen, Wälder und Ortschaften westlich der Stadt befinden sich weiterhin in Gefahr.
Besonders betroffen ist auch die Atlantikküste rund um Lège-Cap-Ferret, Le Porge und das Becken von Arcachon. Die Region gehört im Sommer zu den beliebtesten Urlaubsgebieten Frankreichs. Tausende Touristen mussten Campingplätze, Ferienhäuser und Hotels verlassen. Einige Menschen wurden mit Booten über das Becken von Arcachon in Sicherheit gebracht, weil Straßen nicht mehr sicher passierbar waren. Die Behörden untersagten inzwischen weitere Ferienlager für Kinder und Menschen mit Behinderungen, um im Fall einer erneuten Ausbreitung nicht noch mehr Personen evakuieren zu müssen.
Die Lage hatte sich in der Nacht zum Montag erstmals leicht stabilisiert. Neue großflächige Evakuierungen wurden zunächst nicht angeordnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Feuer gelöscht oder vollständig unter Kontrolle ist. Einsatzkräfte versuchen, die etwas niedrigeren Temperaturen und die vorübergehend günstigeren Wetterbedingungen zu nutzen, um Schneisen anzulegen und die Verteidigungslinien vor Bordeaux zu verstärken.
Der Einsatz fordert bereits einen hohen Preis. Nach Angaben der Präfektur wurden seit Beginn des Feuers mindestens 84 französische Feuerwehrleute verletzt. Einige von ihnen mussten medizinisch abtransportiert werden. Die Verletzungen zeigen, unter welchen Bedingungen die Einsatzkräfte arbeiten: bei extremer Hitze, dichter Rauchentwicklung, wechselnden Windrichtungen und Feuerfronten, die innerhalb kurzer Zeit ihre Richtung ändern können.
Präsident Emmanuel Macron berief am Montag eine Krisensitzung der französischen Regierung ein. Neben dem Schutz der Bevölkerung geht es zunehmend um die wirtschaftlichen Folgen. Die Region um Bordeaux ist ein Zentrum des französischen Weinbaus und zugleich stark vom Tourismus abhängig. Auch wenn nicht sämtliche Weinberge unmittelbar bedroht sind, treffen Straßensperrungen, Evakuierungen, Reiseabbrüche und Rauchbelastung die lokale Wirtschaft mitten in der Hauptsaison.
Noch größer ist die verbrannte Fläche im benachbarten Spanien. Dort kämpfen die Einsatzkräfte vor allem in den Regionen Madrid, Ávila, Toledo und Castellón gegen mehrere große Brände. Allein das Feuer bei Burgohondo in der Provinz Ávila hat nach Regierungsangaben etwa 50.000 Hektar verwüstet. Es gilt damit als der größte einzelne Waldbrand in der jüngeren spanischen Geschichte. Der Brand besitzt einen Umfang von etwa 160 Kilometern und hat eine Landschaft zerstört, die ungefähr der Fläche von 70.000 Fußballfeldern entspricht.
Auch westlich von Madrid brennt es weiter. In der Sierra Oeste wurden zahlreiche Gemeinden geräumt. Das Feuer hat dort rund 25.000 Hektar erfasst und ist trotz erster Fortschritte weiterhin aktiv. Die größte Gefahr besteht darin, dass einzelne Brandfronten wieder aufflammen, sich durch Wind drehen oder mit benachbarten Feuern vereinigen. Einsatzkräfte versuchen insbesondere, ein vollständiges Zusammenwachsen der Feuer in Madrid und Ávila zu verhindern.
In Toledo wurden mehr als 5.000 Menschen aus elf Ortschaften evakuiert. In Castellón an der spanischen Mittelmeerküste mussten etwa 16.000 Bewohner ihre Häuser verlassen. Dort hat das Feuer bei La Vall d’Uixó bereits mehr als 6.500 Hektar verbrannt. Insgesamt blieben am Montag mindestens 43 Nebenstraßen wegen der Brände gesperrt.
Spanien hat für die besonders betroffenen Gebiete den nationalen Katastrophenschutzfall ausgerufen. Dadurch übernahm die Zentralregierung die Koordination der Einsätze in Madrid und Ávila. Die Feuer beider Regionen werden inzwischen als ein zusammenhängender Einsatz behandelt. Neben der spanischen Militärischen Nothilfeeinheit wurden Kräfte aus zehn autonomen Regionen mobilisiert. Griechenland und Italien entsandten Löschflugzeuge, Portugal stellte mehr als 100 Soldaten und weitere Ausrüstung bereit. Auch aus der Türkei sollten zusätzliche Flugzeuge eintreffen.
Die menschlichen Verluste sind bereits erheblich. Ein Mann wurde während eines Feuers bei Manises nahe Valencia tot in einem Fahrzeug in einer Schlucht gefunden. Zuvor hatte der verheerende Waldbrand in der südspanischen Provinz Almería bereits 13 Menschenleben gefordert. Damit sind bei den spanischen Bränden im Juli mindestens 14 Menschen ums Leben gekommen.
Die Ursachen der einzelnen Feuer sind noch nicht vollständig geklärt. Hohe Temperaturen, ausgetrocknete Vegetation und starke Winde können einen Brand in kurzer Zeit außer Kontrolle geraten lassen. Sie lösen ihn jedoch nicht zwangsläufig aus. Beim Großfeuer in Ávila gehen Ermittler nach bisherigen Berichten davon aus, dass landwirtschaftliche Arbeiten eine Rolle gespielt haben könnten. Ein Mann wurde wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung festgenommen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Die extreme Witterung erklärt, weshalb sich ein Feuer so schnell ausbreitet und warum die Bekämpfung immer schwieriger wird. Den tatsächlichen Zündfunken können aber Fahrlässigkeit, technische Defekte, Brandstiftung, Blitzeinschläge oder Arbeiten mit Maschinen verursachen. Bei mehreren aktuellen Bränden laufen deshalb strafrechtliche und technische Untersuchungen.
Unstrittig ist, dass die Landschaft nach wiederholten Hitzewellen und langer Trockenheit außergewöhnlich leicht brennt. In Bordeaux und Ávila lagen die durchschnittlichen Höchsttemperaturen im Juli bei ungefähr 32 Grad. Das waren fast sechs Grad mehr als im historischen Vergleichszeitraum von 1961 bis 1990. Für die kommenden Tage werden in der Region Bordeaux erneut Temperaturen von bis zu 37 Grad erwartet.
Das europäische Waldbrandinformationssystem EFFIS hatte bereits vor der jüngsten Eskalation vor extremen bis außergewöhnlich extremen Bedingungen im Südwesten Frankreichs und im Norden Spaniens gewarnt. Bis zum 22. Juli waren in der Europäischen Union 254.388 Hektar verbrannt. Das lag deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre. Mit 1.254 registrierten Feuern war die Zahl mehr als doppelt so hoch wie im langjährigen Mittel.
In Spanien sind seit Jahresbeginn mittlerweile rund 153.000 Hektar den Flammen zum Opfer gefallen. Das ist etwa sechsmal so viel wie zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Allein im Juli wurden 17 Großbrände gezählt, also Feuer mit einer Fläche von mehr als 500 Hektar.
Die leichte Entspannung am Montag darf deshalb nicht mit einem Ende der Krise verwechselt werden. Viele Feuer sind lediglich eingedämmt, aber noch nicht vollständig kontrolliert. Unter der verbrannten Oberfläche können Glutnester weiterbestehen. Steigen Temperatur und Wind erneut an, können sich vermeintlich ruhige Bereiche innerhalb weniger Minuten wieder entzünden.
Frankreich und Spanien kämpfen deshalb gegen die Zeit. Die Einsatzkräfte müssen die derzeit günstigeren Stunden nutzen, bevor die nächste Hitzewelle einsetzt. Für hunderttausende Evakuierte bleibt unterdessen unklar, wann sie zurückkehren können und was sie dort vorfinden werden.
Manche werden in unbeschädigte Häuser zurückkehren. Andere werden nur noch verkohlte Grundstücke, zerstörte Fahrzeuge und verbrannte Erinnerungen sehen.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 27. Juli 2026