Antisemitische Morddrohungen gegen Juden erschüttern erneut Großbritannien
Innerhalb von weniger als 24 Stunden werden in London und Manchester Männer festgenommen, die Juden mit Mord, Messern und nationalsozialistischen Vernichtungsdrohungen bedroht haben sollen. Für viele britische Juden bestätigen die Vorfälle eine Realität, die immer bedrohlicher wird.

Die Szenen, die sich in einem Londoner Linienbus abgespielt haben sollen, wirken wie ein düsterer Rückfall in Europas dunkelste Zeit. Ein Mann soll jüdische Fahrgäste angeschrien haben, Adolf Hitler hätte sie „leider nicht getötet“, sie sollten „alle in die Gaskammern gehen“ und jüdische Kinder würden ebenfalls ermordet werden. Gleichzeitig behauptete der Verdächtige laut Augenzeugen, ein Messer bei sich zu haben.
Der Vorfall ereignete sich im Stadtteil Hackney im Nordosten von London auf der Buslinie 254 nahe Upper Clapton Road. Besonders brisant ist dabei nicht nur die Wortwahl, sondern die offene Gewaltandrohung mitten im öffentlichen Raum. Der Busfahrer stoppte das Fahrzeug und löste den Notfallalarm aus. Freiwillige der jüdischen Sicherheitsorganisation Shomrim trafen kurz darauf ein und hielten den Verdächtigen bis zum Eintreffen der Polizei fest.
Die Metropolitan Police bestätigte später die Festnahme eines 50-jährigen Mannes. Die Ermittler behandeln den Fall offiziell als antisemitisches Hassverbrechen. Der Verdächtige blieb zunächst in Polizeigewahrsam.
Doch der Fall steht nicht isoliert. Nur wenige Stunden zuvor kam es bereits im Raum Manchester zu einem weiteren schweren antisemitischen Vorfall. Dort soll ein Mann im Umfeld der großen jüdischen Gemeinde in Salford Juden mit Messern bedroht und erklärt haben, man werde „es wie die Nazis in den Gaskammern machen“. Auch dieser Verdächtige wurde festgenommen.
Dass innerhalb eines Tages gleich zwei derart offene Vernichtungsdrohungen gegen Juden bekannt werden, sorgt in Großbritannien längst nicht mehr nur für Schock, sondern zunehmend für Resignation und Angst. Viele jüdische Gemeinden erleben seit Monaten eine massive Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas. Synagogen werden stärker geschützt, jüdische Schulen erhöhen Sicherheitsmaßnahmen und viele Familien berichten davon, religiöse Symbole inzwischen bewusst zu verstecken.
Besonders alarmierend ist dabei die Normalisierung solcher Sprache. Der Verweis auf Gaskammern ist keine zufällige Beleidigung. Es handelt sich um eine direkte Bezugnahme auf den industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden während des Holocaust. Wenn solche Drohungen heute wieder laut in Bussen, auf Straßen oder vor Schulen ausgesprochen werden, verändert das das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen fundamental.
In Großbritannien wird seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober und dem folgenden Gaza-Krieg ein drastischer Anstieg antisemitischer Vorfälle registriert. Jüdische Einrichtungen melden Beschimpfungen, Einschüchterungen, Angriffe und offene Gewaltandrohungen in einer Intensität, wie sie viele Gemeinden seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben.
Gleichzeitig wächst der Vorwurf, Politik und Gesellschaft hätten die Entwicklung zu lange unterschätzt. Unter dem Deckmantel „politischer Wut“ oder radikaler Israel-Proteste seien antisemitische Narrative immer offener sichtbar geworden. Was früher oft codiert formuliert wurde, werde inzwischen direkt ausgesprochen.
Genau darin sehen viele jüdische Organisationen die eigentliche Gefahr. Antisemitismus beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit Enthemmung. Mit dem Gefühl, dass bestimmte Worte wieder öffentlich sagbar geworden sind. Wenn Menschen in europäischen Großstädten wieder „Gaskammern“ gegen Juden rufen, ist diese Grenze längst überschritten.
Hinzu kommt die psychologische Wirkung solcher Vorfälle. Viele Betroffene berichten inzwischen, dass sie öffentliche Verkehrsmittel meiden, Hebräisch in der Öffentlichkeit nicht mehr sprechen oder ihre Kinder nur noch unter erhöhter Vorsicht in jüdische Einrichtungen schicken. Für Außenstehende wirken einzelne Vorfälle oft isoliert. Für jüdische Gemeinden entsteht daraus jedoch ein permanentes Klima der Unsicherheit.
Die britische Polizei erklärte zwar erneut, man nehme antisemitische Vorfälle „äußerst ernst“. Doch genau solche Formulierungen hören jüdische Gemeinden seit Jahren immer wieder. Gleichzeitig wächst die Zahl der Sicherheitswarnungen rund um Synagogen und jüdische Veranstaltungen kontinuierlich.
Besonders problematisch ist dabei, dass der gesellschaftliche Antisemitismus längst nicht mehr nur aus extremistischen Randgruppen kommt. Viele jüdische Briten berichten von offenem Hass im Alltag: auf Universitätsgeländen, im öffentlichen Nahverkehr, bei Demonstrationen oder in sozialen Netzwerken. Der Übergang zwischen radikaler politischer Sprache und direkter Gewaltandrohung wird dabei immer fließender.
Die Vorfälle in London und Manchester zeigen deshalb mehr als nur zwei einzelne Straftaten. Sie zeigen eine gesellschaftliche Entwicklung, die viele jüdische Gemeinden in Europa zunehmend als historische Warnung begreifen. Wenn Menschen wieder öffentlich mit nationalsozialistischen Vernichtungsfantasien drohen und sich dabei offenbar sicher genug fühlen, dies mitten am Tag in einem Bus zu tun, dann ist das nicht mehr nur ein Problem einzelner Täter.
Es ist ein Zeichen dafür, wie weit die Enthemmung bereits fortgeschritten ist.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 8. Mai 2026