Zweite Intifada: Terrorwelle gegen Israel 2000 bis 2005

Die Zweite Intifada war keine Protestbewegung, sondern eine brutale Terrorwelle mit Selbstmordanschlägen, Massakern an Zivilisten und dem Ende vieler Oslo-Hoffnungen.

Die Zweite Intifada war eine der blutigsten Phasen des israelisch-palästinensischen Konflikts seit der Staatsgründung Israels. Sie begann Ende September 2000 und dauerte nach gängiger Einordnung bis etwa 2005. Häufig wird sie auch Al-Aqsa-Intifada genannt. Der Name verweist auf den Tempelberg in Jerusalem, auf Arabisch Haram al-Scharif, wo sich die Al-Aqsa-Moschee befindet. Ausgelöst wurde die Gewalt nach dem Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg am 28. September 2000. Doch dieser Besuch allein erklärt die Intifada nicht. Sie entstand vor dem Hintergrund gescheiterter Friedenshoffnungen, der Krise des Oslo-Prozesses, des Scheiterns von Camp David im Sommer 2000 und einer palästinensischen Führung, die Gewalt zunehmend als politisches Druckmittel zuließ oder förderte.

Anders als die Erste Intifada wurde die Zweite Intifada nicht vor allem durch Steine, Streiks und Massenproteste geprägt. Ihr Gesicht waren Selbstmordanschläge in Bussen, Cafés, Restaurants, Einkaufsstraßen, Hotels und Diskotheken. Palästinensische Terrorgruppen griffen gezielt israelische Zivilisten an. Hamas, Islamischer Dschihad, die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden aus dem Umfeld der Fatah und weitere Gruppen verübten Anschläge, die sich tief in das israelische Sicherheitsbewusstsein eingebrannt haben. Die Anti-Defamation League beschreibt, dass sich die anfänglichen Unruhen rasch zu einer tödlichen Terrorkampagne gegen israelische Zivilisten entwickelten. Mehr als 1.000 Israelis wurden getötet, viele Tausende verletzt.

Vom gescheiterten Oslo-Prozess zur Terrorwelle

Die Zweite Intifada kann nicht verstanden werden, ohne die Jahre davor zu betrachten. Mit den Oslo-Abkommen von 1993 verbanden viele Israelis und Palästinenser die Hoffnung auf eine politische Lösung. Israel erkannte die PLO als Vertreterin des palästinensischen Volkes an, die PLO erkannte das Recht Israels auf Existenz in Frieden und Sicherheit an. Es entstand die Palästinensische Autonomiebehörde. Doch die Erwartungen erfüllten sich nicht. Terroranschläge, Misstrauen, Streit über Jerusalem, Sicherheitsfragen, Siedlungen, Flüchtlingsfragen und die Machtpolitik Jassir Arafats untergruben den Prozess.

Im Juli 2000 scheiterte der Gipfel von Camp David. Israel unter Ministerpräsident Ehud Barak bot weitreichende Verhandlungen über einen palästinensischen Staat an. Die Gespräche endeten ohne Einigung. Wenige Wochen später brach die Gewalt aus. In vielen internationalen Darstellungen wurde Sharons Tempelberg-Besuch zum zentralen Auslöser gemacht. Diese Sicht greift zu kurz. Der Besuch war der Funke, aber das politische und militante Material lag bereits bereit. Das israelische Außenministerium beschreibt die Lage vor der Zweiten Intifada als geprägt von zunehmender palästinensischer Gewalt und später besonders von Selbstmordanschlägen gegen Zivilisten.

Terror gegen den Alltag

Die Zweite Intifada zielte auf das normale Leben in Israel. Busfahrten, Restaurantbesuche, Hochzeiten, Feiertage und Schulwege wurden zu möglichen Tatorten. Der Anschlag auf die Diskothek Dolphinarium in Jerusalem im Juni 2001, der Anschlag auf die Pizzeria Sbarro in Jerusalem im August 2001, der Anschlag auf das Park Hotel in Netanja während des Pessach-Seders im März 2002 und zahlreiche Busanschläge stehen beispielhaft für diese Zeit. Die Botschaft des Terrors war klar: Israelis sollten sich nirgendwo sicher fühlen.

Diese Gewalt traf nicht nur Soldaten oder staatliche Ziele, sondern Familien, Jugendliche, Kinder, alte Menschen, Einwanderer, religiöse und säkulare Israelis. Genau darin lag der strategische Charakter der Anschläge. Die Terrorgruppen wollten Angst erzeugen, den Staat unter Druck setzen, die israelische Gesellschaft zermürben und politische Zugeständnisse erzwingen. Die Zweite Intifada war deshalb für viele Israelis der Moment, in dem das Vertrauen in den Oslo-Prozess zerbrach. Viele kamen zu dem Schluss, dass Rückzug und Zugeständnisse nicht Frieden, sondern noch mehr Terror bringen könnten.

Israel reagierte mit massiven Sicherheitsmaßnahmen. Dazu gehörten Festnahmen, gezielte Operationen gegen Terrorzellen, militärische Einsätze in palästinensischen Städten, Kontrollmaßnahmen und der Bau des Sicherheitszauns. Besonders prägend war die Operation Defensive Shield im Frühjahr 2002 nach einer Serie schwerer Anschläge. Israel drang in mehrere Städte in Judäa und Samaria ein, um Terrorinfrastruktur zu zerschlagen. Aus israelischer Sicht waren diese Maßnahmen notwendig, um Anschläge zu stoppen. Kritiker warfen Israel harte Eingriffe, zivile Opfer und Einschränkungen palästinensischer Bewegungsfreiheit vor. Unbestreitbar ist: Die Zahl erfolgreicher Selbstmordanschläge ging nach den israelischen Gegenmaßnahmen deutlich zurück.

Opferzahlen und politische Wirkung

Die Opferzahlen der Zweiten Intifada sind hoch und werden je nach Zeitraum und Quelle unterschiedlich dargestellt. Britannica beschreibt die Zweite Intifada als deutlich gewaltsamer als die Erste Intifada und nennt mehr als 4.300 getötete Palästinenser und mehr als 1.000 getötete Israelis während ihrer etwa fünfjährigen Dauer. B’Tselem dokumentiert seit Ausbruch der Zweiten Intifada im September 2000 Todesfälle im israelisch-palästinensischen Konflikt und veröffentlichte 2010 eine Zehn-Jahres-Bilanz, nach der israelische Sicherheitskräfte 6.371 Palästinenser töteten, darunter bewaffnete Kämpfer, Zivilisten und Fälle mit unklarer Zuordnung.

Diese Zahlen zeigen die ganze Härte der Zeit, erklären aber nicht allein ihre politische Wirkung. Für Israel war die Zweite Intifada ein Schock, weil sie mitten im Alltag stattfand und die Vorstellung erschütterte, dass die palästinensische Führung nach Oslo tatsächlich zu einem Ende der Gewalt bereit sei. Für die palästinensische Gesellschaft brachte sie Tod, Zerstörung, wirtschaftlichen Zusammenbruch, interne Radikalisierung und eine weitere Stärkung islamistischer Kräfte. Sie beschädigte die moderate politische Mitte auf beiden Seiten.

Die Zweite Intifada hatte auch langfristige Folgen. Israel zog 2005 einseitig aus dem Gazastreifen ab. Im selben Jahr gilt die Intifada für viele Beobachter als weitgehend beendet. Doch statt eines stabilen Friedens folgten der Machtkampf zwischen Fatah und Hamas, die gewaltsame Hamas-Übernahme des Gazastreifens 2007 und wiederholte Kriege. In Israel blieb die Erfahrung zurück, dass palästinensische Gewalt auch nach politischen Zugeständnissen nicht automatisch endet.

Bedeutung für das Verständnis Israels

Die Zweite Intifada ist ein Schlüsselereignis der jüngeren israelischen Geschichte. Sie erklärt, warum viele Israelis Sicherheitsversprechen heute skeptischer beurteilen als in den 1990er Jahren. Sie erklärt den breiten Rückhalt für harte Anti-Terror-Maßnahmen, den Bau des Sicherheitszauns und die große Vorsicht gegenüber neuen Rückzugsplänen ohne belastbare Sicherheitsgarantien. Wer über israelische Politik nach 2000 spricht, muss die Buswracks, zerstörten Cafés, Trauerfeiern und ständige Angst dieser Jahre mitdenken.

Gleichzeitig zeigt die Zweite Intifada, wie verheerend Terror auch für die eigene Gesellschaft wirkt. Palästinensische Gruppen erreichten internationale Aufmerksamkeit, zerstörten aber zugleich Vertrauen, schwächten Verhandlungsbereitschaft und öffneten radikalen Akteuren noch mehr Raum. Der Terror gegen Zivilisten war kein Randphänomen, sondern ein Kernmerkmal dieser Jahre.

Für das Lexikon gehört die Zweite Intifada unter den Buchstaben I, weil der zentrale Begriff „Intifada“ ist. Inhaltlich sollte sie nicht als bloßer Aufstand dargestellt werden. Sie war eine organisierte, jahrelange Gewalt- und Terrorwelle, die den Oslo-Prozess schwer beschädigte, Israel sicherheitspolitisch veränderte und den Konflikt in eine neue, härtere Phase führte.

Quellen

  1. Encyclopaedia Britannica: Second Intifada britannica.com/event/second-intifada
  2. Encyclopaedia Britannica: Intifada britannica.com/topic/intifada
  3. Israelisches Außenministerium: The Situation on the eve of the Second Intifada gov.il/en/pages/the-situation-on-the-eve-of-the-second-intifada
  4. Anti-Defamation League: The Second Intifada, 2000 adl.org/resources/backgrounder/second-intifada-2000
  5. B’Tselem: 10 years to the second Intifada, summary of data btselem.org/press_releases/20100927
  6. B’Tselem: Fatalities statistics btselem.org/statistics
  7. U.S. Department of State: The Oslo Accords and the Arab-Israeli Peace Process history.state.gov/milestones/1993-2000/oslo

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