„Nakba“ bezeichnet palästinensisches Leid von 1948, wird aber oft benutzt, um Israels Staatsgründung als Verbrechen darzustellen.
Nakba bedeutet auf Arabisch „Katastrophe“. Der Begriff wird für die Flucht, Vertreibung und den Verlust von Heimat vieler arabischer Bewohner während des Krieges von 1948 verwendet. Für viele Palästinenser ist er Teil ihrer Familiengeschichte und Erinnerungskultur. Er steht für verlorene Dörfer, zerbrochene Lebenswege, Flüchtlingslager und eine bis heute weitergegebene Erzählung von Verlust. Dieses Leid hat es gegeben und es gehört zur Geschichte des Konflikts. Doch der Begriff „Nakba“ ist nicht nur Erinnerung. Er ist längst auch ein politischer Kampfbegriff geworden. Häufig wird er so verwendet, als sei die Gründung Israels selbst die Katastrophe, nicht der Krieg, der auf die Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung folgte.
Genau darin liegt die entscheidende Einordnung. Die Ereignisse von 1948 begannen nicht in einem leeren Raum. Am 29. November 1947 stimmten die Vereinten Nationen für einen Teilungsplan, der im britischen Mandatsgebiet einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah. Die jüdische Führung akzeptierte diesen Plan trotz schwerer Vorbehalte. Die arabische Seite lehnte ihn ab. Noch vor der Staatsgründung Israels kam es zu Gewalt zwischen jüdischen und arabischen Gemeinschaften. Nach der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 griffen mehrere arabische Armeen den jungen Staat an. Für Israel war dies kein symbolischer Konflikt, sondern ein Überlebenskampf unmittelbar nach der Staatsgründung.
Der Krieg von 1948 führte zu massiver Flucht und Vertreibung. Hunderttausende arabische Bewohner verließen ihre Wohnorte oder wurden vertrieben. Die Ursachen waren unterschiedlich: Kampfhandlungen, Angst vor Gewalt, direkte Vertreibungen, Zusammenbruch lokaler Ordnung, Aufrufe einzelner arabischer Stellen, militärische Entscheidungen jüdischer und später israelischer Kräfte sowie die Dynamik eines Krieges, in dem Städte, Straßen und Dörfer zu Frontgebieten wurden. Seriöse Einordnung muss diese Komplexität benennen. Wer behauptet, alle seien freiwillig gegangen, beschönigt die Geschichte. Wer behauptet, es habe ausschließlich einen einseitigen, von Beginn an geplanten Vertreibungsfeldzug gegeben, verkürzt sie ebenfalls.
In der politischen Verwendung wird „Nakba“ jedoch oft nicht als Beschreibung einer tragischen Kriegsfolge genutzt, sondern als Anklage gegen Israels Existenz. Dann geht es nicht mehr um historische Genauigkeit, sondern um Delegitimierung. Israel erscheint in dieser Erzählung nicht als Staat, der nach internationalem Beschluss entstand und sich gegen einen Angriffskrieg verteidigte, sondern als illegitimes Projekt, dessen bloße Entstehung ein Verbrechen gewesen sei. Diese Deutung ist besonders problematisch, weil sie die jüdische Geschichte ausblendet: Verfolgung, Pogrome, Entrechtung, die Shoah und den jahrzehntelangen Kampf des jüdischen Volkes um nationale Selbstbestimmung im Land seiner historischen Herkunft.
Der Begriff wird deshalb bis heute hoch emotional benutzt. Am Nakba Tag, dem 15. Mai, wird nicht nur der palästinensischen Verluste gedacht. In vielen politischen Zusammenhängen wird zugleich Israels Gründung moralisch angegriffen. Besonders nach dem 7. Oktober 2023 wurde sichtbar, wie leicht Erinnerung an palästinensisches Leid in antiisraelische Radikalisierung umschlagen kann. Wenn „Nakba“ neben Parolen steht, die Israel von der Landkarte tilgen wollen, dann geht es nicht mehr um Trauerarbeit. Dann wird Geschichte zur Waffe.
Aus israelischer Sicht ist besonders wichtig, was in vielen Nakba Darstellungen fehlt. 1948 war auch für Juden im Nahen Osten ein Einschnitt. In den Jahren nach der Staatsgründung Israels wurden Hunderttausende Juden aus arabischen und muslimisch geprägten Ländern vertrieben, enteignet, entrechtet oder zur Flucht gedrängt. Viele fanden in Israel eine neue Heimat. Diese jüdischen Flüchtlinge verschwinden in der internationalen Debatte oft fast vollständig. Während palästinensische Flüchtlingsgeschichte über Generationen institutionell bewahrt wurde, wurde jüdische Flucht aus arabischen Ländern häufig kaum beachtet. Diese Ausblendung verzerrt das historische Bild erheblich.
Auch die Rolle arabischer Staaten gehört zur Geschichte. Viele arabische Regierungen stellten sich 1948 gegen die Gründung Israels und führten Krieg. Später integrierten sie palästinensische Flüchtlinge vielfach nicht dauerhaft als gleichberechtigte Bürger. Das Flüchtlingsproblem wurde dadurch politisch konserviert. Besonders das von vielen palästinensischen Akteuren geforderte umfassende „Rückkehrrecht“ für Millionen Nachkommen der Flüchtlinge von 1948 ist aus israelischer Sicht keine humanitäre Detailfrage, sondern eine Forderung, die Israel als jüdischen Staat demografisch beenden würde. Deshalb wird diese Forderung in Israel nicht als Friedensangebot verstanden, sondern als Fortsetzung des Konflikts mit anderen Mitteln.
Das bedeutet nicht, dass palästinensisches Leid geleugnet werden darf. Wer Familiengeschichte, Verlust und Vertreibung ausblendet, versteht den Konflikt nicht. Aber wer die Nakba ohne den arabischen Angriffskrieg, ohne die Ablehnung des Teilungsplans, ohne die Gewalt gegen jüdische Gemeinden und ohne die existenzielle Lage Israels beschreibt, erzählt ebenfalls nur einen Teil der Wahrheit. Geschichte wird dann nicht erklärt, sondern politisch zugeschnitten.
Heute wird „Nakba“ zunehmend leichtfertig benutzt. In Medien, Universitäten, Kulturdebatten und auf Demonstrationen erscheint der Begriff oft als moralische Kurzformel: Palästinenser als Opfer, Israel als Täter. Diese Reduktion ist gefährlich. Sie macht aus einem komplexen Krieg eine einfache Anklage. Sie trennt palästinensische Erinnerung von arabischer Verantwortung. Sie verwandelt jüdische Selbstbestimmung in ein Problem. Und sie schafft ein Klima, in dem die Existenz Israels nicht mehr als legitimer Ausdruck nationaler Selbstbestimmung des jüdischen Volkes erscheint, sondern als historischer Fehler, der rückgängig gemacht werden müsse.
Besonders problematisch ist, wenn der Begriff auf heutige Ereignisse übertragen wird, ohne sauber zwischen Krieg, Terror, Flucht, humanitärem Leid und politischer Propaganda zu unterscheiden. Wer jeden israelischen Militäreinsatz als „neue Nakba“ bezeichnet, verschiebt die Bedeutung des Begriffs. Israel wird dann unabhängig vom konkreten Anlass als dauerhafter Täter markiert. Selbst nach Massakern wie dem 7. Oktober 2023, als Hamas Terroristen israelische Zivilisten ermordeten und Geiseln verschleppten, wurde der Begriff in manchen Debatten genutzt, um die israelische Selbstverteidigung sofort in eine Erzählung ewiger israelischer Schuld einzubauen. Das ist keine Analyse, sondern politische Vorverurteilung.
Eine verantwortliche Erklärung des Begriffs muss daher zweierlei leisten. Sie muss anerkennen, dass 1948 für viele Palästinenser eine Katastrophe war. Zugleich muss sie klar sagen, dass diese Katastrophe nicht losgelöst von der arabischen Entscheidung gegen den Teilungsplan und vom Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel verstanden werden kann. Wer „Nakba“ sagt, sollte nicht verschweigen, dass es auch eine andere Seite dieser Geschichte gibt: Israels Unabhängigkeit, das Überleben eines bedrohten jüdischen Staates und die Rettung jüdischer Souveränität nach Jahrhunderten der Verfolgung.
Der Begriff „Nakba“ bleibt deshalb einer der umstrittensten Begriffe des Nahostkonflikts. Er kann eine reale Erinnerung an Verlust ausdrücken. Er kann aber auch als politischer Code dienen, um Israels Gründung zu delegitimieren. Entscheidend ist, wie er verwendet wird. Wird er genutzt, um menschliches Leid zu beschreiben, gehört er zur Geschichte. Wird er genutzt, um Israel seine Legitimität abzusprechen, wird er zum Kampfbegriff. Gerade diese Unterscheidung ist notwendig, weil Sprache im Nahostkonflikt selten neutral bleibt. Begriffe schaffen Deutungen, und Deutungen prägen politische Wirklichkeit.