Kulturbetrieb und Israelhass: Wenn Kunst zum Boykott wird

Im Kulturbetrieb wird Israelhass oft als politische Haltung getarnt. Besonders sichtbar wird das bei Boykottaufrufen gegen israelische Künstler und Institutionen.

Der Begriff „Kulturbetrieb und Israelhass“ beschreibt die Verbindung von kulturellen Institutionen, Künstlern, Festivals, Museen, Theatern, Musikveranstaltungen, Literaturhäusern oder akademisch geprägten Kulturdebatten mit Formen von israelbezogenem Antisemitismus. Gemeint ist nicht jede Kritik an israelischer Politik. Kritik an Regierungen, Parteien oder konkreten Entscheidungen ist Teil freier Debatte. Problematisch wird es dort, wo Israel als jüdischer Staat grundsätzlich delegitimiert wird, israelische Künstler wegen ihrer Herkunft ausgeladen werden oder jüdische Menschen weltweit unter Rechtfertigungsdruck geraten.

Der Kulturbetrieb versteht sich häufig als Raum der Freiheit, Offenheit und gesellschaftlichen Kritik. Gerade deshalb fällt es vielen Institutionen schwer, Antisemitismus zu erkennen, wenn er nicht in offen rechter oder klassisch judenfeindlicher Sprache auftritt. Israelhass erscheint dort oft in Begriffen wie „Dekolonisierung“, „Apartheid“, „Befreiung“ oder „Boykott“. Diese Begriffe sind nicht automatisch antisemitisch. Sie können aber antisemitische Wirkung entfalten, wenn sie einseitig gegen Israel gerichtet werden, Terror verharmlosen oder jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage stellen.

BDS und der Kulturboykott

Eine zentrale Rolle spielt die BDS-Bewegung. BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“. Die Bewegung ruft seit 2005 zum Boykott Israels auf. Dieser Boykott richtet sich nicht nur gegen Waren oder Unternehmen, sondern auch gegen israelische Wissenschaftler, Musiker, Schauspieler, Filmproduktionen, Orchester und Kulturinstitutionen. Der Deutsche Bundestag verurteilte die BDS-Bewegung am 17. Mai 2019 in dem Beschluss „Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten, Antisemitismus bekämpfen“. Der Bundestag stellte dabei fest, dass Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Kampagne antisemitisch geprägt sein können und an historische Boykottaufrufe gegen Juden erinnern.

Im Kulturbereich wirkt BDS besonders stark, weil Kultur von Einladung, Sichtbarkeit, Förderung und internationaler Zusammenarbeit lebt. Wer israelische Künstler nicht auftreten lässt, israelische Filme aus Programmen drängt oder Musiker wegen ihrer Verbindung zu Israel unter politischen Distanzierungszwang setzt, greift nicht nur einzelne Personen an. Er stellt die Teilhabe israelischer Kultur insgesamt infrage. Das ist mehr als Protest gegen eine Regierung. Es ist eine Form kultureller Ausgrenzung.

Der Deutsche Kulturrat hat sich wiederholt mit Antisemitismus im Kulturbereich und Boykotten israelischer Künstler befasst. Dabei wurde deutlich, dass viele Kultureinrichtungen Handlungssicherheit brauchen, um zwischen legitimer politischer Debatte, Kunstfreiheit und antisemitischer Ausgrenzung unterscheiden zu können. Fortbildung, klare Regeln und ein besseres Verständnis von israelbezogenem Antisemitismus gelten deshalb als wichtige Aufgaben.

Kunstfreiheit und Verantwortung

Kunstfreiheit ist ein hohes Gut. Sie schützt Provokation, Kritik und unbequeme Perspektiven. Sie schützt aber nicht davor, dass Inhalte öffentlich kritisiert werden. Auch Kulturinstitutionen müssen sich fragen lassen, welche Gruppen sie fördern, welche Narrative sie normalisieren und ob jüdische Perspektiven ernst genommen werden. Der Hinweis auf Kunstfreiheit darf nicht zur Ausrede werden, um antisemitische Bildsprache, Terrorverharmlosung oder die Ausgrenzung israelischer Künstler zu verschleiern.

Die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus hilft bei dieser Einordnung. Sie nennt unter anderem das Anwenden doppelter Standards gegenüber Israel, Vergleiche israelischer Politik mit dem Nationalsozialismus und die kollektive Verantwortlichmachung von Juden für Handlungen Israels als mögliche Erscheinungsformen von Antisemitismus. Gleichzeitig hält sie fest, dass Kritik an Israel, die mit Kritik an anderen Staaten vergleichbar ist, nicht als antisemitisch gelten muss. Genau diese Unterscheidung ist für den Kulturbetrieb entscheidend.

Israelhass im Kulturbetrieb zeigt sich oft nicht als offener Hass, sondern als soziale Erwartung. Israelische Künstler sollen sich distanzieren. Jüdische Stimmen sollen erst ihre politische Haltung erklären. Veranstaltungen werden abgesagt, weil Proteste befürchtet werden. Kooperationen mit israelischen Partnern gelten plötzlich als moralisches Risiko. Diese Mechanismen treffen nicht nur den Staat Israel, sondern konkrete Menschen, die aus kulturellen Räumen verdrängt werden.

Bedeutung für die öffentliche Debatte

Der Streit über Israel im Kulturbetrieb ist deshalb mehr als eine kulturpolitische Spezialfrage. Er berührt die Grundfrage, ob jüdisches und israelisches Leben in europäischen Öffentlichkeiten selbstverständlich dazugehören darf. Wenn ausgerechnet Orte, die Vielfalt, Minderheitenschutz und Menschenwürde betonen, israelische Künstler ausgrenzen oder jüdische Sorgen abtun, entsteht ein gefährlicher Widerspruch.

Der Begriff „Kulturbetrieb und Israelhass“ macht sichtbar, dass Antisemitismus nicht nur auf der Straße oder in extremistischen Gruppen vorkommt. Er kann auch in gebildeter Sprache, auf Podien, in Ausstellungstexten, Festivalprogrammen und offenen Briefen auftreten. Gerade dort wirkt er oft besonders akzeptabel, weil er sich als moralische Haltung präsentiert.

Für seriöse Kulturarbeit bedeutet das: Kritik an Israel muss möglich bleiben, aber Boykott, Dämonisierung und doppelte Standards dürfen nicht als progressive Normalität behandelt werden. Wer kulturelle Freiheit verteidigen will, muss auch israelische Künstler schützen. Wer Antisemitismus bekämpfen will, darf ihn nicht erst erkennen, wenn er sich in alten Parolen zeigt. Im Kulturbetrieb entscheidet sich oft früh, welche Formen von Ausgrenzung gesellschaftlich salonfähig werden.

Quellen

  1. Deutscher Bundestag: Bundestag verurteilt Boykottaufrufe gegen Israel bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2019/kw20-de-bds-642892
  2. Deutscher Bundestag: Drucksache 19/10191, Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten, Antisemitismus bekämpfen dserver.bundestag.de/btd/19/101/1910191.pdf
  3. Deutscher Kulturrat: Über Boykotte von israelischen Künstlerinnen und Künstlern kulturrat.de/themen/texte-zur-kulturpolitik/ueber-boykotte-von-israelischen-kuenstlerinnen-und-kuenstlern/
  4. Deutscher Kulturrat: Antisemitismus in deutschen Kultureinrichtungen kulturrat.de/themen/texte-zur-kulturpolitik/antisemitismus-in-deutschen-kultureinrichtungen/
  5. International Holocaust Remembrance Alliance: Working Definition of Antisemitism holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism
  6. Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus: IHRA-Definition antisemitismusbeauftragter.de/Webs/BAS/EN/fight-against-antisemitism/ihra-definition/ihra-definition-node.html

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