Erste Intifada: Aufstand, Gewalt und der Weg nach Oslo

Die Erste Intifada war mehr als ein „Steinaufstand“. Sie brachte Gewalt gegen Israelis, innerpalästinensischen Terror, den Aufstieg der Hamas und den Weg nach Oslo.

Die Erste Intifada war kein bloßer Protest und kein romantischer „Steinaufstand“. Sie war ein jahrelanger palästinensischer Aufstand gegen Israel, der im Dezember 1987 begann und bis zum Oslo-Prozess 1993 andauerte. In westlichen Medien wurde sie häufig mit Bildern jugendlicher Steinewerfer erzählt. Dieses Bild blieb hängen, ist aber unvollständig und verharmlosend. Die Erste Intifada umfasste Demonstrationen, Streiks und Boykotte, aber auch Molotowcocktails, Messerangriffe, Brandanschläge, Schusswaffengebrauch, Lynchjustiz, Einschüchterung der eigenen Bevölkerung und gezielte Gewalt gegen Israelis.

Der unmittelbare Auslöser war ein Verkehrsunfall am 8. Dezember 1987 im Gazastreifen, bei dem mehrere Palästinenser starben. Schnell verbreitete sich das Gerücht, Israel habe absichtlich gehandelt. Am 9. Dezember begannen schwere Unruhen in Gaza, die sich rasch auf Judäa und Samaria sowie Ostjerusalem ausweiteten. Doch der Ausbruch hatte tiefere Ursachen: Frustration in der palästinensischen Bevölkerung, die Folgen des Krieges von 1967, wirtschaftliche Abhängigkeiten, wachsende nationalistische Mobilisierung und eine PLO, die nach Jahren im Exil wieder politischen Einfluss vor Ort gewinnen wollte.

Gewalt gegen Israel und gegen Palästinenser

Die Erste Intifada richtete sich nicht nur gegen israelische Soldaten. Auch israelische Zivilisten wurden angegriffen. Es kam zu Steinwürfen auf Fahrzeuge, Brandanschlägen, Messerattacken und anderen Gewalttaten. Straßen wurden blockiert, Reifen verbrannt, Barrikaden errichtet. In vielen Orten entstanden Strukturen, die Druck auf die Bevölkerung ausübten. Wer nicht streikte, wer mit israelischen Behörden sprach oder wer als „Kollaborateur“ galt, konnte bedroht, misshandelt oder ermordet werden.

Dieser innere Terror gehört zur Geschichte der Ersten Intifada. Palästinensische Gruppen gingen brutal gegen eigene Landsleute vor, die sie der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigten. Viele dieser Menschen wurden ohne rechtsstaatliches Verfahren eingeschüchtert, verletzt oder getötet. Damit war die Intifada nicht nur ein Kampf gegen Israel, sondern auch ein Machtkampf innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Die Gewalt diente dazu, Loyalität zu erzwingen und abweichende Stimmen mundtot zu machen.

Die PLO versuchte, den Aufstand politisch zu lenken. Eine wichtige Rolle spielte die Unified National Leadership of the Uprising, die Streiks, Boykotte und Protesttage koordinierte und mit der PLO verbunden war. Jassir Arafat und die PLO saßen damals im Exil und nutzten die Intifada, um sich wieder als zentrale Vertretung der Palästinenser zu behaupten. Der Aufstand wurde damit schnell Teil einer größeren politischen Strategie.

Der Aufstieg der Hamas

Besonders folgenreich war die Gründung der Hamas im Jahr 1987. Die Organisation entstand aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft und verband islamistische Ideologie mit dem Ziel, Israel zu bekämpfen. Während die PLO nationalistisch geprägt war und später in Richtung Verhandlungen ging, lehnte Hamas Israels Existenz grundsätzlich ab. Die Erste Intifada gab Hamas einen historischen Einstieg in die palästinensische Politik und machte sie zu einem dauerhaften Akteur.

Das ist einer der wichtigsten Punkte: Die Erste Intifada war nicht nur ein Vorläufer von Oslo. Sie war auch der Moment, in dem sich eine islamistische Terrororganisation politisch und gesellschaftlich festsetzen konnte. Hamas nutzte Moscheen, soziale Netzwerke, Wohlfahrtsstrukturen und Gewalt, um Einfluss aufzubauen. Aus diesem Umfeld entwickelte sich später eine Kraft, die den israelisch-palästinensischen Konflikt noch brutaler machte und 2007 im Gazastreifen gewaltsam die Kontrolle übernahm.

Israel reagierte mit Ausgangssperren, Festnahmen, militärischer Präsenz, Verhören und harten Sicherheitsmaßnahmen. Für Israel war die Intifada eine neue Form des Konflikts. Die Armee war auf Kriege gegen Staaten vorbereitet, nicht auf einen dauerhaften Aufstand in dicht besiedelten Gebieten, bei dem Zivilisten, Jugendliche, bewaffnete Aktivisten und politische Kader oft schwer zu trennen waren. Die Lage belastete auch die israelische Gesellschaft schwer, weil Soldaten und Reservisten über Jahre in einem zermürbenden Alltag aus Unruhen, Anschlägen und Kontrollmaßnahmen standen.

Internationale Wirkung und verzerrte Bilder

International wurde die Erste Intifada häufig als Kampf von Steinen gegen Gewehre dargestellt. Dieses Bild prägte die öffentliche Wahrnehmung stark. Es ließ aber wichtige Teile der Wirklichkeit aus: die organisierte Gewalt, die Angriffe auf israelische Zivilisten, die innerpalästinensische Brutalität und den Aufstieg islamistischer Kräfte. Gerade diese Auslassungen machten die Intifada zu einem frühen Beispiel dafür, wie Bilder aus dem Nahostkonflikt weltweit eine politische Deutung erzeugen können, die nur einen Ausschnitt zeigt.

Das bedeutet nicht, dass es keine palästinensische Not, keine politischen Ursachen und keine schwierige Lebenswirklichkeit gab. Aber eine seriöse Darstellung darf die Gewalt nicht weichzeichnen. Die Erste Intifada war ein Aufstand mit politischer Mobilisierung, aber sie war zugleich eine Gewaltbewegung, die Angst erzeugte, Menschenleben kostete und die palästinensische Gesellschaft selbst unter Druck setzte.

Die Opferzahlen werden je nach Quelle unterschiedlich angegeben. B’Tselem datiert die Erste Intifada vom 9. Dezember 1987 bis zur Unterzeichnung der Oslo-Prinzipienerklärung am 13. September 1993. In diesem Zeitraum wurden zahlreiche Palästinenser und Israelis getötet, darunter Zivilisten und Sicherheitskräfte. Die Zahlen allein erklären jedoch nicht die Wirkung dieser Jahre. Für Israelis bedeutete die Intifada wachsende Unsicherheit, Angriffe im Alltag und die Erkenntnis, dass der Konflikt nicht allein an fernen Fronten stattfand. Für Palästinenser bedeutete sie Mobilisierung, aber auch Repression durch eigene Gruppen, Radikalisierung und zunehmende Kontrolle durch politische Netzwerke.

Folgen bis Oslo

Die Erste Intifada bereitete den Weg zum Oslo-Prozess, aber sie war kein Friedensprojekt. Sie zeigte der israelischen Politik, dass die Verwaltung der 1967 eroberten Gebiete dauerhaft nicht ohne politische Lösung stabil bleiben würde. Sie zeigte der PLO, dass der Schwerpunkt des Konflikts nicht mehr nur in arabischen Hauptstädten oder im Exil lag, sondern in Gaza, Judäa und Samaria. Sie zeigte aber auch, dass Gewalt politische Aufmerksamkeit erzwingen kann. Diese Lehre wurde später von radikaleren Kräften auf gefährliche Weise weitergeführt.

1993 unterzeichneten Israel und die PLO die Oslo-Prinzipienerklärung. Die PLO erkannte das Recht Israels an, in Frieden und Sicherheit zu existieren. Israel erkannte die PLO als Vertreterin des palästinensischen Volkes an. Daraus entstand die Palästinensische Autonomiebehörde. Doch die Hoffnung auf Frieden blieb zerbrechlich, auch weil Hamas und andere Terrororganisationen den Weg der Anerkennung Israels ablehnten.

Die Erste Intifada ist deshalb ein Schlüsselbegriff des Nahostkonflikts. Sie war nicht nur ein Aufstand gegen Israel, sondern ein Wendepunkt: Sie veränderte die palästinensische Politik, stärkte Hamas, setzte Israel international unter Druck, führte zur Oslo-Diplomatie und machte zugleich deutlich, wie schnell Protest, Terror und innergesellschaftliche Gewalt ineinandergreifen können. Wer sie nur als „Steinaufstand“ beschreibt, verschweigt einen entscheidenden Teil der Wahrheit.

Quellen

  1. Encyclopaedia Britannica: Intifada britannica.com/topic/intifada
  2. Encyclopaedia Britannica: The first intifada britannica.com/place/Palestine/The-first-intifada
  3. Israelisches Außenministerium: The First Intifada gov.il/en/pages/the-first-intifada
  4. Jewish Virtual Library: The First Intifada jewishvirtuallibrary.org/first-intifada
  5. B’Tselem: Fatalities in the first Intifada btselem.org/statistics/first_intifada_tables
  6. U.S. Department of State: Oslo Accords and the Arab-Israeli Peace Process history.state.gov/milestones/1993-2000/oslo
  7. Anti-Defamation League: Hamas adl.org/resources/backgrounder/hamas

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