Antisemitismus in Deutschland kommt nicht nur von rechts
Nach dem 7 Oktober hat sich die Realität verändert. Der Hass auf Juden zeigt sich heute offen auf den Straßen, in Universitäten und mitten in der Gesellschaft und er kommt längst nicht mehr nur aus der extremen Rechten.

Deutschland steht vor einer unbequemen Wahrheit, die viele nicht hören wollen. Jahrzehntelang galt ein scheinbar klares Bild. Antisemitismus wurde vor allem als Problem der extremen Rechten verstanden, als Überbleibsel der nationalsozialistischen Vergangenheit. Dieses Bild war politisch bequem, moralisch beruhigend und gesellschaftlich stabilisierend. Doch nach dem 7 Oktober ist dieses Bild zerbrochen.
In den Wochen und Monaten nach dem Massaker der Hamas erlebten Juden in Deutschland eine Realität, die viele nicht mehr für möglich gehalten hatten. Israelische Flaggen wurden von Häusern gerissen, jüdische Einrichtungen mussten verstärkt geschützt werden, und auf Demonstrationen wurden Parolen gerufen, die offen zur Zerstörung Israels aufriefen. Für viele Juden fühlte sich Deutschland plötzlich nicht mehr sicher an. Es war ein Gefühl, das nicht nur aus der Erinnerung an die Vergangenheit kam, sondern aus der Gegenwart.
Das Entscheidende ist jedoch, wer diesen Hass heute trägt. Natürlich bleibt der Antisemitismus der extremen Rechten eine reale und gefährliche Bedrohung. Doch er ist längst nicht mehr die einzige Quelle. Immer häufiger kommt der Hass aus anderen politischen und ideologischen Milieus. Islamistisches Gedankengut und radikale antiisraelische Ideologien spielen dabei eine zentrale Rolle.
Diese Formen des Antisemitismus treten oft in einer neuen Sprache auf. Sie sprechen nicht offen von Juden, sondern von Zionismus. Sie behaupten, gegen einen Staat zu kämpfen, während sie in Wirklichkeit die Existenz des einzigen jüdischen Staates infrage stellen. Diese rhetorische Verschiebung macht den Hass für viele akzeptabler. Er erscheint politisch, moralisch oder sogar als Teil eines angeblichen Kampfes für Gerechtigkeit.
Für Israel ist diese Entwicklung nicht abstrakt, sondern konkret. Israel ist nicht nur ein Staat unter vielen. Es ist die Heimat eines Volkes, das über Jahrtausende verfolgt wurde. Wenn Israel delegitimiert wird, betrifft das nicht nur eine Regierung oder eine politische Entscheidung. Es betrifft die Existenz eines Volkes.
Besonders problematisch ist, dass Teile der Gesellschaft diesen neuen Antisemitismus nicht klar benennen wollen. Organisationen, politische Gruppen und Aktivisten tun sich schwer, die Realität anzuerkennen. Sie fürchten, damit ihre eigenen politischen Bündnisse infrage zu stellen. Doch diese Zurückhaltung hat einen Preis. Sie schafft Raum für Hass.
Die Autorin Maral Salmassi kennt diese Realität aus eigener Erfahrung. Sie wuchs in einem System auf, in dem Antisemitismus Teil der Staatsideologie war. Sie erkannte Parallelen in Deutschland und entschied sich, das ZERA Institut zu gründen, um diese Entwicklungen zu untersuchen. Ihr Ziel war es, Strukturen sichtbar zu machen und zu zeigen, wie sich moderner Antisemitismus verbreitet.
Dabei entstand ein ungewöhnliches Bündnis. Juden, iranische Dissidenten, Kurden und arabische Reformkräfte arbeiteten gemeinsam. Sie verband die Erfahrung, wie gefährlich ideologische Systeme sein können, die Hass gegen Juden verbreiten.
Deutschland steht heute an einem entscheidenden Punkt. Es reicht nicht mehr, Antisemitismus als Problem der Vergangenheit zu betrachten. Er ist Teil der Gegenwart geworden. Und er zeigt sich in neuen Formen.
Für Israel und für Juden weltweit ist diese Entwicklung alarmierend. Sie zeigt, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht beendet ist. Er hat sich verändert. Und er erfordert eine klare Antwort.
Deutschland trägt eine besondere Verantwortung. Diese Verantwortung besteht nicht nur darin, sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern die Gegenwart zu erkennen. Antisemitismus muss überall benannt werden, unabhängig davon, aus welchem politischen oder ideologischen Umfeld er kommt.
Denn die Geschichte hat gezeigt, wohin Schweigen führen kann.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Montecruz Foto - 21.10.2023 - Free Palestine demo - Oranienplatz, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=139353496
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 21. März 2026