Herzog in Sydney: Ein Besuch gegen den Hass
Israels Präsident reist nach Australien, um einer geschockten jüdischen Gemeinschaft beizustehen. Während Familien um ihre Toten trauern, tobt in Politik und Medien ein erbitterter Streit über Israels Existenzrecht.

Es gibt Momente, in denen Diplomatie aufhört, ein formales Ritual zu sein, und zu einer menschlichen Pflicht wird. Genau ein solcher Moment war der Montagmorgen am Strand von Bondi Beach in Sydney. Dort, wo im Dezember islamistische Terroristen fünfzehn Menschen ermordeten, legte Israels Präsident Isaac Herzog einen Kranz nieder. Ein stiller Akt des Gedenkens an einem Ort, der für viele Australier zum Symbol des Schreckens geworden ist.
Herzog kam nicht als Politiker, der Verträge aushandelt oder Interessen verhandelt. Er kam als Vertreter eines Volkes, das seit Jahrhunderten weiß, was es bedeutet, verfolgt, gejagt und ermordet zu werden. Wir sind eine große Familie, sagte er vor den Hinterbliebenen. Wenn ein Jude verletzt wird, fühlen alle Juden den Schmerz. Diese Worte waren kein Pathos. Sie waren eine schlichte Wahrheit.
Die Reise des israelischen Staatsoberhauptes erfolgt auf Einladung der australischen Regierung, des Generalgouverneurs und der jüdischen Gemeinschaft. Offiziell soll der viertägige Besuch die Beziehungen zwischen beiden Ländern stabilisieren. In Wirklichkeit geht es um viel mehr. Es geht um das Gefühl, in einem Land nicht mehr sicher zu sein. Es geht um den rasanten Anstieg von Antisemitismus. Und es geht um eine politische Atmosphäre, die Juden zunehmend das Gefühl gibt, allein gelassen zu werden.
Der Anschlag von Bondi Beach war kein zufälliger Gewaltausbruch. Er war das Ergebnis einer jahrelangen Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas. Herzog erinnerte daran, dass israelische Vertreter seit Jahren vor der wachsenden Judenfeindschaft in westlichen Staaten gewarnt haben. In Australien, in Großbritannien, in Kanada und in den Vereinigten Staaten. Zu oft wurden diese Warnungen als Übertreibung abgetan. Der Terroranschlag hat diese Illusion brutal zerstört.
Die australische Regierung hat nach dem Massaker einige Schritte unternommen, um jüdisches Leben besser zu schützen. Herzog würdigte diese Maßnahmen ausdrücklich. Doch gleichzeitig schwingt in seinen Worten ein unüberhörbarer Vorwurf mit. Denn dieselbe Regierung, die nun Solidarität bekundet, hat im vergangenen Jahr den Staat Palästina anerkannt und damit einen Schritt vollzogen, der in Jerusalem als schwere Brüskierung empfunden wurde.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu formulierte es damals hart und klar. Die Anerkennung habe Öl ins Feuer des Antisemitismus gegossen, sagte er. Diese Einschätzung mag unbequem sein. Aber sie beschreibt eine Realität. In vielen westlichen Gesellschaften hat sich eine politische Kultur etabliert, in der Israel für alles verantwortlich gemacht wird, was im Nahen Osten geschieht. Diese Haltung bleibt nicht ohne Folgen. Sie sickert in Universitäten, Medien und öffentliche Debatten ein und schafft ein Klima, in dem Hass auf Juden wieder salonfähig wird.
Der Besuch Herzogs fällt in eine Zeit, in der die Beziehungen zwischen Jerusalem und Canberra angespannt sind. Die australische Regierung verweigerte vor wenigen Monaten einem israelischen Abgeordneten ein Einreisevisum. Ein Affront, der in Israel als feindseliger Akt verstanden wurde. Netanjahu reagierte damals mit ungewöhnlicher Schärfe und warf Premierminister Anthony Albanese vor, Australien und seine Juden im Stich zu lassen.
Nun soll Herzogs Reise die Wogen glätten. Am Mittwoch ist ein Treffen mit Albanese geplant. Hinter den Kulissen hoffen beide Seiten auf einen Neuanfang. Doch die Atmosphäre in Australien ist vergiftet. Schon im Vorfeld des Besuches formierten sich lautstarke Proteste. Radikale Gruppen kündigten Demonstrationen an. Für sie ist Herzog kein Trauernder, sondern der Vertreter eines Staates, den sie delegitimieren wollen.
Diese Stimmung entlud sich sogar während der Gedenkzeremonie. Ein australischer Journalist fragte den Präsidenten, was er jenen Demonstranten zu sagen habe, die an diesem Tag gegen Israel protestieren wollten und auf die Toten in Gaza verwiesen. Es war eine Frage, die an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten war. An einem Ort, an dem fünfzehn unschuldige Menschen von Terroristen ermordet wurden, wurde Israel indirekt auf die Anklagebank gesetzt.
Herzog reagierte ruhig und würdevoll. Israel und Australien seien seit Jahrzehnten enge Verbündete, erinnerte er. Viele der Protestierenden wollten nicht Frieden, sondern die Delegitimierung des jüdischen Staates. Genau darin liegt der Kern des Problems. Unter dem Deckmantel der Kritik an israelischer Politik wird immer häufiger das Existenzrecht Israels selbst in Frage gestellt. Das ist kein legitimer politischer Diskurs. Das ist moderner Antisemitismus.
Die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Besuch zeigen, wie ernst die Lage ist. Tausende Polizisten sichern die Wege des Präsidenten, Hubschrauber kreisen über Sydney, Straßen werden gesperrt. Was früher bei Staatsbesuchen normaler Alltag war, ist heute zu einer Hochrisikooperation geworden. Allein diese Tatsache sagt mehr über den Zustand westlicher Gesellschaften aus als viele politische Reden.
Australien steht an einem Scheideweg. Das Land muss entscheiden, ob es seine jüdische Gemeinschaft entschlossen schützt oder ob es dem Druck lautstarker Aktivisten nachgibt. Es muss klären, ob Solidarität mit Juden nur ein Wort ist oder eine Verpflichtung. Der Besuch Herzogs macht diese Fragen sichtbar wie unter einem Brennglas.
Für die Familien der Opfer von Bondi Beach sind diese politischen Debatten zweitrangig. Sie trauern um Kinder, Eltern, Freunde. Für sie ist Herzogs Anwesenheit ein Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Dass irgendwo auf der Welt ein Staat existiert, der ihre Schmerzen versteht.
Genau das ist die tiefere Bedeutung dieser Reise. Sie erinnert daran, dass Antisemitismus nicht nur ein israelisches Problem ist. Er ist ein Problem des Westens. Und er wird nur besiegt, wenn Regierungen den Mut haben, ihn beim Namen zu nennen.
Herzog ist nach Sydney gekommen, um zu trösten. Aber sein Besuch ist zugleich eine Mahnung. Eine Mahnung, dass der Kampf gegen Judenhass nicht mit wohlklingenden Reden gewonnen wird, sondern mit klarer Haltung. Australien hat jetzt die Chance zu zeigen, auf welcher Seite es steht.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By DedaSasha Alex Khanin (DedaSasha) - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=165787483
Artikel veröffentlicht am: Montag, 9. Februar 2026