Rashida Tlaib macht aus Erinnerung eine Anklage gegen Israel
Rashida Tlaib will eine angeblich andauernde Nakba im US-Kongress verankern. Doch ihre Resolution verschweigt die Vertreibung jüdischer Gemeinden aus islamischen Staaten und blendet ein Gewalt belohnendes System aus, das bis heute jeden Friedensgedanken vergiftet.

Bildnachweis: Symbolbild
Rashida Tlaibs neue Resolution zur Anerkennung einer angeblich andauernden Nakba ist weit mehr als ein symbolischer Vorstoß zum Gedenken an palästinensische Flucht und Vertreibung von 1948. Sie ist ein politisches Dokument, das Geschichte nicht einordnet, sondern in eine Richtung presst. Israel erscheint darin nicht als Staat, der unter existenziellen Bedrohungen entstand und sich seit seiner Gründung gegen Kriege, Terror und Delegitimierung behaupten muss, sondern als fortgesetztes Unrechtsprojekt. Palästinenser erscheinen als ausschließliche Opfer eines bis heute andauernden Verdrängungsprozesses. Diese Darstellung ist politisch gewollt, moralisch zugespitzt und historisch unvollständig.
Der wohl auffälligste blinde Fleck ist dabei die nahezu vollständige Ausblendung eines anderen Kapitels, ohne das die Geschichte des Nahen Ostens nach 1948 nicht ernsthaft erzählt werden kann: die Vertreibung und Flucht hunderttausender Juden aus arabischen und anderen islamisch geprägten Staaten. In Ländern wie Irak, Ägypten, Jemen, Libyen, Syrien, Libanon oder Marokko lebten über viele Generationen jüdische Gemeinschaften, viele davon lange vor dem Islam und lange vor jedem modernen Nationalkonflikt. Nach der Gründung Israels und mit dem Aufstieg des arabischen Nationalismus, antijüdischer Repression und offener Feindseligkeit brach für diese Menschen eine Welt zusammen. Eigentum wurde beschlagnahmt, Bürgerrechte entzogen, Synagogen angegriffen, Familien eingeschüchtert, enteignet oder vertrieben. Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen.
Wer die Nakba zum politischen Schlüsselbegriff macht, aber dieses gewaltige Kapitel jüdischer Entwurzelung praktisch ignoriert, betreibt keine ausgewogene Erinnerungspolitik. Dann wird nicht Geschichte erzählt, sondern eine moralische Hierarchie geschaffen, in der palästinensisches Leid als historisch einzigartig gilt, während jüdisches Leid aus der arabischen Welt bestenfalls als Randnotiz erscheint. Genau diese Schieflage macht Tlaibs Vorstoß so problematisch. Er fordert Anerkennung, ohne selbst bereit zu sein, die ganze regionale Tragödie anzuerkennen.
Denn 1948 war nicht nur das Jahr palästinensischer Flucht. Es war auch das Jahr, in dem die arabische Welt den neugegründeten jüdischen Staat militärisch vernichten wollte. Es war der Beginn einer Epoche, in der jüdische Minderheiten in vielen islamischen Staaten den Preis für Israels Existenz zahlen mussten. Wer heute so tut, als sei die Geschichte nur eine lineare Erzählung israelischer Schuld, löscht die Hälfte der Wirklichkeit aus. Das ist nicht Aufklärung, sondern ideologische Auswahl.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, der kleiner erscheinen mag, politisch aber hoch bedeutsam ist: Das unter dem Begriff Pay for Slay bekannte palästinensische Zahlungssystem wird in solchen Vorstößen regelmäßig verdrängt oder verharmlost. Gemeint sind finanzielle Leistungen an inhaftierte Terroristen, freigelassene Gewalttäter oder die Familien getöteter Attentäter. Die palästinensische Führung stellt das als soziale Fürsorge dar. Tatsächlich ist seit Jahren bekannt, dass dieses System in Israel und weit darüber hinaus als schwerer Fehlanreiz wahrgenommen wird, weil Gewalt nicht nur politisch verklärt, sondern auch materiell abgesichert wird.
Man muss diesen Punkt nicht zum alleinigen Zentrum jeder Debatte machen. Aber man darf ihn auch nicht verschwinden lassen. Wer in Washington mehr politische und finanzielle Unterstützung für palästinensische Strukturen fordert, Hilfen ausweiten oder wieder aufnehmen will und zugleich zu diesem System schweigt, handelt nicht neutral. Er nimmt in Kauf, dass ein Apparat weiterbesteht, der Terror nicht moralisch entmutigt, sondern in Teilen sozial abfedert und symbolisch aufwertet. Wer so etwas fordert, unterstützt dieses System nicht zwingend in seiner ganzen Absicht, aber faktisch in seiner Wirkung. Genau das muss klar benannt werden.
Tlaibs Resolution arbeitet mit maximaler Anklage. Sie spricht von Apartheid, von Auslöschung, von fortgesetzter Vertreibung. Damit verschiebt sie den Blick weg von konkreten politischen Entscheidungen und hin zu einer Totalverurteilung Israels. Wenn Israel nicht mehr als Staat mit Fehlern, Konflikten und Sicherheitsinteressen erscheint, sondern als durchgehend illegitimer Akteur, dann ist das Ergebnis vorgezeichnet. Dann wird jede israelische Selbstverteidigung zum Beweis des Vorwurfs, jede militärische Reaktion zur Bestätigung der Anklage, jede historische Einordnung zum Störfaktor.
Gerade das macht diese Resolution so gefährlich. Sie schafft nicht mehr Verständnis, sondern weniger. Sie lädt nicht zu einer ehrlichen Auseinandersetzung ein, sondern zementiert ein Deutungsmuster, in dem die Verantwortung der palästinensischen Führung fast unsichtbar wird. Hamas verschwindet hinter Begriffen. Terror wird in eine größere Erzählung eingeordnet, statt als bewusste politische Entscheidung benannt zu werden. Die jahrzehntelange Ablehnung jüdischer Selbstbestimmung in Teilen der arabischen Welt, die Instrumentalisierung von Flüchtlingen, die Korruption der palästinensischen Führung und die Verherrlichung von Gewalt treten in den Hintergrund.
Besonders unerquicklich ist dabei der moralische Ton. Wer von einer andauernden Nakba spricht, will nicht bloß erinnern, sondern eine Gegenwart anklagen. Das ist sein gutes Recht. Aber wer anklagt, muss auch vollständig sein. Wer palästinensische Heimatverluste beweint, darf nicht über jüdische Heimatverluste in Bagdad, Kairo oder Aden hinwegsehen. Wer Israel pauschal verurteilt, darf nicht verschweigen, dass es die einzige Zuflucht für einen großen Teil jener Juden wurde, die aus islamischen Staaten fliehen mussten. Und wer amerikanische Hilfen für palästinensische Strukturen fordert, darf sich nicht um die Frage drücken, welche politischen Kulturmuster er damit stabilisiert.
Das eigentliche Problem an Tlaibs Vorstoß ist deshalb nicht nur seine Einseitigkeit, sondern seine politische Konsequenz. Er fördert eine Sicht auf den Konflikt, in der Palästinensern fast jede Eigenverantwortung genommen wird und Israel fast jede historische Legitimität abgesprochen wird. Das mag im aktivistischen Milieu Beifall bringen, es bringt aber keinen Schritt näher an Frieden. Frieden setzt voraus, dass beide Seiten als handelnde Akteure ernst genommen werden. Frieden setzt voraus, dass arabisch islamische Verantwortung ebenso zur Sprache kommt wie israelische Macht. Frieden setzt voraus, dass Terror nicht unter Erinnerungspolitik verschwindet und dass jüdische Vertreibung nicht weniger zählt als palästinensische.
Wer im amerikanischen Kongress die Nakba zur offiziellen politischen Sprache machen will, sollte zuerst beweisen, dass er die ganze Geschichte sehen will. Solange jüdische Flüchtlinge aus islamischen Staaten praktisch unsichtbar bleiben und solange Systeme wie Pay for Slay nicht klar zurückgewiesen werden, bleibt diese Resolution kein Schritt zur Gerechtigkeit, sondern ein einseitiger Angriff auf Israels historische und moralische Stellung. Erinnerung verdient Wahrheit. Nicht Auswahl.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 19. Mai 2026