China verfolgt Ausländer bis ins Krankenhaus
Ein ungeschütztes Polizeisystem speicherte Bewegungen, Zugplätze, Tankvorgänge und Klinikbesuche von fast 12.000 Menschen. Die Daten zeigen, wie Peking aus Reisenden digitale Verdächtige macht.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Wer als Ausländer durch China reist, hinterlässt nicht nur die üblichen Datenspuren eines modernen Alltags. Ein öffentlich erreichbares Polizeisystem zeigt, wie chinesische Behörden Aufenthaltsorte, Reisewege, Einkäufe, Krankenhausbesuche und persönliche Kontakte zu umfassenden Bewegungsprofilen verbinden können. Unter den ausdrücklich hervorgehobenen Herkunftsstaaten befand sich auch IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen. Was Peking gern als öffentliche Sicherheit bezeichnet, erscheint in diesem System als nahezu lückenlose Beobachtung von Menschen, die keiner Straftat verdächtigt werden müssen.
Entdeckt wurde die Plattform von einem Cyberforscher und früheren China-Journalisten, der unter dem Namen NetAskari veröffentlicht. Bei einer gewöhnlichen Suche nach offen zugänglichen chinesischen Verwaltungsseiten stieß er auf ein Anmeldefenster, dessen Zugangsdaten bereits eingetragen waren. Hinter dem kaum geschützten Zugang lag die sogenannte „Dynamische Kontrollplattform für ausländisches Personal“, offenbar eine Vorführfassung für die Sicherheitsbehörde der Stadt Zhangjiakou in der Provinz Hebei. Zhangjiakou liegt nordwestlich von Peking und war Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2022.
Die notwendige Einschränkung ist wichtig: Es handelte sich nach der Untersuchung um ein noch nicht vollständig mit Echtzeitdaten verbundenes Testsystem. Einige Funktionen waren nur angedeutet, manche Werte offenbar Platzhalter. Der Inhalt war dennoch keineswegs erfunden. Die Plattform enthielt echte Passbilder, Telefonnummern, Geburtsdaten, Visaangaben und weitere persönliche Informationen realer Menschen. Der Forscher fand darin sogar seine eigenen Daten aus seiner früheren Tätigkeit in China. Damit war die Seite mehr als eine technische Präsentation. Sie offenbarte, welche Daten chinesische Sicherheitsbehörden besitzen, zusammenführen und künftig noch schneller auswerten wollen.
Vom Zugplatz bis zur Tankrechnung
Der Bestand umfasste nach dem Bericht Daten zu fast 12.000 Personen, darunter Menschen aus Hongkong und Taiwan, mehr als 700 ausländische Einwohner der Region sowie mehr als 300 ausländische Journalisten. Die Plattform zeigte nicht nur Namen und Meldeadressen. Sie konnte erfassen, in welchem Zug jemand reiste, in welchem Wagen und auf welchem Sitzplatz die Person saß, welches Hotel sie nutzte und ob sie ein Krankenhaus aufsuchte. Auch Flugreisen, regelmäßige Einkaufsorte, Tankvorgänge und häufig besuchte Plätze waren als mögliche Bestandteile der Profile vorgesehen.
Gesichtserkennung sollte die einzelnen Datenquellen miteinander verbinden. Wurde eine Person an einer Kreuzung, in einem Einkaufszentrum, auf einem Markt oder an einem anderen erfassten Ort erkannt, konnte dieser Kontaktpunkt dem persönlichen Profil hinzugefügt werden. Selbst Bilder von Gesichtsscannern an den Zugangssystemen eines Skigebiets sollen in das System eingeflossen sein. Aus einem Besuch am Wochenende wurde damit ein weiterer Eintrag in einer staatlichen Bewegungschronik.
Einige Personen waren als unmittelbar verfolgbar gekennzeichnet. Bei ihnen sollte das System eine Warnung auslösen können, sobald sie die Region betraten. Andere Einträge enthielten einen Risikowert, dessen Berechnung nicht erkennbar war. In der vorgefundenen Testfassung lag dieser Wert offenbar bei mehreren Personen identisch bei 63 Prozent, was für einen Platzhalter sprechen könnte. Beunruhigend bleibt dennoch der Grundgedanke: Eine Behörde weist Menschen algorithmisch eine Gefahrenstufe zu, ohne dass die Betroffenen wissen, welche Daten verwendet wurden oder wie sie eine falsche Bewertung anfechten können.
Besondere Aufmerksamkeit galt ausländischen Journalisten. Die Datenbank enthielt nahezu sämtliche in Peking registrierten ausländischen Korrespondenten aus der Zeit um 2021, einschließlich amtlicher Passbilder, privater Telefonnummern und Visadaten. Bestimmte Reporter waren mit einer Kennzeichnung versehen, die eine aktive Verfolgung ihrer Bewegungen ermöglichte. Die Gefahr betrifft damit nicht nur die Privatsphäre der Journalisten. Wenn das System erkennt, mit wem ein Reporter zusammentrifft, kann es Informanten, Regierungskritiker oder Angehörige verfolgter Minderheiten sichtbar machen, bevor ein Artikel überhaupt erscheint.
Die Plattform sollte offenbar auch Beziehungen zwischen Menschen berechnen. Wiederholte gemeinsame Sichtungen, Reisen oder Treffen konnten in Netzwerken dargestellt werden. Dadurch muss die Polizei nicht mehr jeden Verdächtigen dauerhaft mit Beamten verfolgen. Kameras, Fahrkarten, Hotelmeldungen, digitale Zahlungen und andere Datenquellen übernehmen einen großen Teil der Arbeit. Die Maschine zeigt nicht nur, wo sich ein Mensch befindet, sondern versucht abzuleiten, wen er kennt und welche Kontakte für die Behörden interessant sein könnten.
Israel als „Schlüsselstaat“
Das System unterschied zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen. Besonders hervorgehoben wurden Bürger der sogenannten Five-Eyes-Staaten USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Zusätzlich gab es nach dem ausgewerteten Material eine Gruppe von „Schlüsselstaaten“, zu denen Israel ebenso wie Ägypten, Iran, Marokko, Pakistan und Sudan gezählt wurde. Das beweist nicht, dass jeder Israeli in China rund um die Uhr persönlich verfolgt wird. Es zeigt aber, dass die Nationalität allein ausreichen kann, um Menschen in einer besonderen Beobachtungskategorie zu führen.
Für Israelis in China ist das keine theoretische Randfrage. Geschäftsleute, Wissenschaftler, Studierende, Techniker und Touristen können durch eine solche Plattform nicht nur als einzelne Reisende erscheinen, sondern als Teil eines politisch definierten Personenkreises. Wer ein Krankenhaus besucht, in eine andere Stadt fährt oder sich wiederholt mit denselben Menschen trifft, erzeugt ein Muster, das von Sicherheitsbehörden interpretiert werden kann. Die betroffene Person erfährt weder, dass dieses Profil existiert, noch wer darauf zugreift.
China besitzt bereits auf gesetzlicher Grundlage umfangreiche Informationen über ausländische Besucher. Hotels müssen deren Daten an die örtlichen Sicherheitsbehörden übermitteln. Wer privat untergebracht ist, muss seinen Aufenthalt gewöhnlich innerhalb von 24 Stunden registrieren. Ausländer ab 16 Jahren müssen Reisedokumente mitführen und Kontrollen durch die Polizei dulden. Die entdeckte Plattform geht jedoch weit über eine gewöhnliche Meldedatei hinaus: Sie verbindet Verwaltungsdaten mit Bewegungen, Konsum, Gesichtserkennung und sozialen Kontakten.
Menschenrechtsorganisationen warnen seit Jahren, dass chinesische Polizeisysteme große Datenbestände zusammenführen, um Verhalten zu bewerten und vermeintliche Abweichungen vorauszusagen. Anders als in demokratischen Rechtsstaaten fehlt Betroffenen eine wirksame Möglichkeit, die Beobachtung zu überprüfen, ihre Daten löschen zu lassen oder eine algorithmische Einstufung anzufechten. Die Technik dient damit nicht nur der Aufklärung bereits begangener Straftaten. Sie soll Menschen erkennen, einordnen und kontrollieren, bevor sie aus Sicht des Staates überhaupt auffällig geworden sind.
Besonders entlarvend ist, wie schlecht das Überwachungssystem selbst geschützt war. Eine Plattform, die hochsensible Passdaten, Telefonnummern und Bewegungsprofile verwaltet, war über Monate öffentlich erreichbar. Die Zugangsdaten standen im Anmeldefenster, als handle es sich um eine belanglose Vorführung. Im Mai verschwand die Seite schließlich aus dem Netz. Ob Unbefugte außer dem Forscher auf die Daten zugegriffen oder Kopien angefertigt haben, ist nicht bekannt.
Der Fund zeigt deshalb zwei Gefahren zugleich. Chinas Behörden bauen eine Überwachung auf, die kaum noch zwischen einem Verdächtigen, einem Journalisten, einem Geschäftsmann und einem Urlauber unterscheidet. Gleichzeitig schaffen sie gewaltige Datensammlungen, deren Veröffentlichung oder Missbrauch die beobachteten Menschen zusätzlich gefährden kann. Der Staat will alles über seine Besucher wissen, war aber offenbar nicht einmal fähig, dieses Wissen zuverlässig zu schützen.
Wer nach China reist, betritt damit nicht einfach ein Land mit vielen Kameras. Er betritt ein System, das aus einem Zugticket, einem Klinikbesuch, einer Tankrechnung und einem Gespräch ein politisch auswertbares Profil zusammensetzen kann. Für israelische Reisende kommt hinzu, dass ihre Herkunft ausdrücklich als sicherheitsrelevant markiert wurde. Pekings Überwachungsstaat sieht in Menschen keine Gäste. Er sieht Datensätze, Beziehungen und mögliche Risiken.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Montag, 3. August 2026