Der Tag, an dem die Ausreden endeten
Nicht Diplomaten, nicht internationale Organisationen, nicht westliche Kommentarspalten lieferten die ehrlichste Reaktion auf den Sturz Nicolás Maduros. Es waren die Venezolaner selbst. Und ihre Antwort war Erleichterung.

Die aufschlussreichste Reaktion auf die Absetzung von Nicolás Maduro kam nicht aus den Sitzungssälen der Vereinten Nationen und nicht aus den Pressemitteilungen internationaler Nichtregierungsorganisationen. Sie kam aus Miami, Madrid, Bogotá und Toronto. Dort, wo Millionen Venezolaner im Exil leben. Die Stimmung war nicht Angst, nicht Verwirrung, sondern ein fast ungläubiges Aufatmen. Menschen feierten, manche weinten. Nicht aus Triumph, sondern aus der vorsichtigen Hoffnung, dass ein Albtraum endlich ein Ende haben könnte.
Innerhalb Venezuelas war die Legitimität des Regimes längst zerfallen, lange bevor amerikanische Hubschrauber auftauchten. Maduro regierte kein Land mehr. Er hielt es besetzt. Diese Realität ist entscheidend, weil sie die zentrale Lüge entlarvt, die seit seinem Sturz verbreitet wird. Die Behauptung, es habe sich um eine fremde Machtdemonstration gegen den Willen des Volkes gehandelt. Das Gegenteil ist richtig. Es war ein Eingriff, der sich mit einem Einverständnis deckte, das durch Repression, Korruption und kriminelle Durchdringung längst zerstört worden war.
Um zu verstehen, warum dieser Moment von historischer Bedeutung ist, muss man begreifen, was Venezuela geworden war. Unter Hugo Chávez finanzierte Ölreichtum eine Ideologie. Diese Ideologie fraß die Institutionen von innen auf. Kriminelle Netzwerke übernahmen den Staat und verschmolzen mit ihm. Am Ende war das Regime nicht mehr fehlgeleitet, sondern funktional kriminell.
Im Laufe der Jahre band sich Caracas an feindlich gesinnte Mächte und hörte auf, ein souveräner Staat im klassischen Sinn zu sein. Venezuela wurde zu einer Plattform. Entscheidend war nicht eine einzelne politische Entscheidung, sondern die Verschmelzung von Korruption, organisierter Kriminalität und Geopolitik zu einem einzigen Betriebssystem.
Venezuela tolerierte den Drogenhandel nicht nur. Es integrierte ihn. Schmuggelrouten wurden staatliche Infrastruktur, Kartelle zu Partnern. Kokain war kein bloßes kriminelles Gut mehr, sondern eine geopolitische Währung. Gewinne flossen über Briefkastenfirmen, Goldschmuggel und Schattenbanken, um Sanktionen zu umgehen und verbündete Akteure zu finanzieren. Genau hier liegt der Unterschied zwischen einem korrupten Staat und einem Narco-Staat. Der eine stiehlt. Der andere skaliert.
Ein Sicherheitsproblem, kein moralisches
In dem Moment, in dem Drogenfinanzierung und Terrorlogistik ineinandergreifen, ist die Bedrohung nicht mehr theoretisch. Sie wird operativ. Und genau an diesem Punkt treten der Iran und die Hisbollah ins Bild. Nicht als Schlagworte, sondern als logistische Akteure. Für Teheran bot Venezuela ein seltenes Angebot. Ein befreundetes Regime mit schwacher Kontrolle, Zugang zu Häfen und Landebahnen, finanzieller Intransparenz und ideologischer Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten. Ein sicherer Raum auf der westlichen Hemisphäre, fern der Aufmerksamkeit des Nahen Ostens und unkomfortabel nah an amerikanischen Küsten.
Für die Hisbollah ist Lateinamerika seit Jahren ein Raum für Finanzierung und operative Vorbereitung. Illegale Handelsstrukturen, Scheinfirmen und kriminelle Netzwerke innerhalb von Diasporas waren kein Zufallsprodukt. Sie waren Infrastruktur. Venezuela bot staatliche Deckung. Was mit Maduros Sturz zerschlagen wurde, war daher nicht nur eine Regierung, sondern ein gesamtes Ökosystem.
Deshalb gehört dieser Moment nicht nur Präsident Donald Trump, sondern ebenso Senator Marco Rubio. Trump traf die Entscheidung. Rubio entwarf den strategischen Rahmen. Seit Jahren warnt Rubio davor, Lateinamerika als moralisches Randthema zu behandeln. In seiner Sichtweise sind Staaten Systeme, Souveränität ist funktional, nicht sakrosankt. Diese Operation war kein wertepolitisches Experiment, sondern ein sicherheitspolitischer Eingriff.
Macht innerhalb einer Regierung zeigt sich nicht durch Titel, sondern durch Vertrauen. Als die Operation öffentlich wurde, sprach die Bildsprache für sich. Sie wurde nicht delegiert. Sie wurde nicht als innenpolitisches Manöver inszeniert. Sie lag in den Händen des Außenministers. Das war kein Zufall, sondern ein Signal. Hier ging es um die folgenreichste hemisphärische Entscheidung dieser Präsidentschaft.
Venezolaner haben keine Souveränität verloren
Wäre dies ein Akt imperialer Unterwerfung gewesen, hätten jene protestiert, die am meisten gelitten haben. Das Gegenteil war der Fall. Venezolaner verloren keine Souveränität, als Maduro fiel. Sie verloren ihren Kerkermeister. Über Jahre überlebte das Regime nicht durch Zustimmung, sondern durch Zwang. Manipulierte Wahlen, zerschlagene Opposition, systematisch eingesetzter Hunger.
Die moralische Rechnung ist klar, auch wenn sie in westlichen Diskursen unpopulär ist. Souveränität ohne Legitimität ist keine Souveränität. Sie ist Zwang mit Stempel. Deshalb kam der lauteste Protest nicht aus Caracas, sondern aus sicheren Entfernungen.
Das war kein Imperialismus und kein Kolonialismus. Imperialismus unterwirft funktionierende Gesellschaften zur Ausbeutung. In Venezuela wurde ein kriminelles Regime entfernt, das seinem Volk bereits jede Handlungsfähigkeit genommen hatte. Kolonialismus herrscht ohne Zustimmung. Dieser Eingriff traf auf einen Willen, der über Jahre brutal unterdrückt worden war.
Die Koalition der Empörten ist aufschlussreich. Autoritäre Mächte wie China, Russland und der Iran protestieren, weil der Eingriff ein System bedroht, das gescheiterte Regime durch juristische Blockade schützt. Revolutionäre sozialistische Staaten protestieren, weil internationale Gremien lange als Schutzräume für ideologisches Scheitern dienten. Teile westlicher Milieus protestieren, weil amerikanische Handlungsfähigkeit für sie grundsätzlich illegitim geworden ist.
Innerhalb weniger Stunden griffen Maduros Verbündete zu einem alten Reflex. Sie machten Juden verantwortlich. Der Vorwurf eines angeblich zionistischen Hintergrunds war kein Ausrutscher. Er war ideologische Muskelmemory. Wenn Realität kollabiert, füllt Verschwörung das Vakuum. Antisemitismus dient als universelles Lösungsmittel, das Verantwortung auflöst und durch Mythos ersetzt.
Das ist kein Beweis für israelische Steuerung. Es ist der Beweis, dass der Eingriff traf. Wenn iranisch geprägte Netzwerke ihre Rückzugsräume verlieren, profitiert Israel. Und Juden weltweit. Das ist kein Einfluss, sondern eine Folge.
Natürlich ist ein solcher Eingriff riskant. Wer das bestreitet, handelt unseriös. Aber Untätigkeit ist ebenfalls eine Entscheidung. Und Venezuela stellte der Welt längst eine Rechnung aus. In Form von Drogen, Migration, Terrorfinanzierung und feindlicher Ausrichtung.
America First bedeutet nicht America Alone. Es bedeutet anzuerkennen, dass eine Welt voller kriminalisierter Staaten unsicher ist. Stabilisierung ist keine Wohltätigkeit. Sie ist Selbstverteidigung.
Geschichte ändert sich nicht, weil alle zustimmen. Sie ändert sich, wenn Realität stärker wird als die Geschichten, mit denen wir Verantwortung vermeiden. Venezuela fiel nicht wegen Ideologie oder Öl. Es fiel, weil ein kriminelles Regime untrennbar von den Bedrohungen wurde, die es ermöglichte.
Das internationale System wurde nicht zerstört. Es wurde entlarvt. Und genau deshalb tauchten antisemitische Verschwörungen sofort auf. Genau deshalb klammerten sich viele an juristische Abstraktionen. Und genau deshalb jubelten jene, die den Preis des Scheiterns kannten, während jene protestierten, die ihn nie zahlen mussten.
Das war nicht Imperialismus. Das war der Tag, an dem die Ausreden endeten.
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 9. Januar 2026