Israel vor der Wahl: Netanjahu droht die Mehrheit zu verlieren, doch auch der Opposition fehlen Stimmen
Vier Tage vor der Parlamentswahl zeichnet sich keine eindeutige Regierungsmehrheit ab. Entscheidend könnten die Wahlbeteiligung der arabischen Bevölkerung, die Stimmen ultraorthodoxer Wähler und Rivalitäten innerhalb der Opposition werden.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen steht vor einer Parlamentswahl, deren Ergebnis nicht allein darüber entscheiden dürfte, wer künftig die Regierung führt. Am 27. Oktober werden 120 Abgeordnete gewählt. Für eine Regierungsmehrheit sind mindestens 61 Mandate erforderlich. Die jüngsten Umfragen zeigen jedoch ein zersplittertes Parteiensystem, in dem weder Benjamin Netanjahus bisheriges Lager noch seine politischen Gegner aus eigener Kraft über eine sichere Mehrheit verfügen.
Eine am 21. Oktober veröffentlichte Umfrage von N12 sieht die Partei Jashar des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot mit 23 Mandaten. Netanjahus Likud erreicht 19 Sitze, die Partei von Naftali Bennett 15. Allerdings bleiben diese Zahlen Umfragewerte und keine Wahlergebnisse.
Für beide politischen Lager könnte deshalb die Mobilisierung ihrer Anhänger entscheidend werden.
Nach einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Midgam erklärten 82 Prozent der befragten Anhänger des Oppositionslagers, wählen gehen zu wollen. Unter den Anhängern des Netanjahu-Lagers waren es 76 Prozent.
Diese Zahlen beschreiben die erklärte Wahlabsicht der jeweiligen Befragten. Sie sind keine Vorhersage der tatsächlichen Wahlbeteiligung.
Arabische und ultraorthodoxe Wähler könnten entscheidend werden
Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf die arabischen Israelis. Ihre Wahlbeteiligung lag 2022 bei rund 54 Prozent. Für die bevorstehende Wahl wird in den von N12 ausgewerteten Erhebungen eine Beteiligung von etwa 62 Prozent erwartet.
Ein solcher Anstieg könnte den arabischen Parteien zusätzliche Mandate verschaffen und die Zusammensetzung der Knesset erheblich verändern.
Das hätte allerdings nicht automatisch die Bildung einer neuen Regierung zur Folge. Einige Oppositionsparteien lehnen eine Koalition mit bestimmten arabischen Parteien ab. Eine größere parlamentarische Vertretung der arabischen Bevölkerung könnte deshalb zugleich die Mehrheit des bisherigen Regierungslagers verhindern und die Regierungsbildung seiner Gegner erschweren.
Auch bei den ultraorthodoxen Wählern gibt es Unsicherheiten. Der ungelöste Streit über den Militärdienst religiöser Studenten hat neue politische Spannungen ausgelöst. Kleinere ultraorthodoxe Parteien könnten Stimmen von etablierten Parteien abziehen oder deren Anhänger zum Nichtwählen bewegen.
Hinzu kommen Parteien, die knapp an der gesetzlichen Sperrklausel von 3,25 Prozent liegen. Wenn eine davon den Einzug in die Knesset verpasst, bleiben ihre Stimmen bei der Mandatsverteilung unberücksichtigt. Schon relativ kleine Veränderungen können damit das Kräfteverhältnis verschieben.
Gegner Netanjahus sind sich über seine Nachfolge nicht einig
Die oppositionellen Parteien haben ihre Wahlkampfkoordination ausgebaut. Ihre Meinungsverschiedenheiten über eine künftige Regierung sind damit jedoch nicht beseitigt.
Eisenkot, Bennett und Avigdor Lieberman verfügen über eigene politische Ambitionen. Besonders das Verhältnis zwischen Eisenkot und Bennett könnte nach der Wahl zu Konflikten führen.
Bennett hat zuletzt angekündigt, umstrittene Gesetze zur Justizreform zurücknehmen zu wollen. Damit positioniert er sich auch gegenüber Wählern, die eine politische Veränderung anstreben, aber nicht zwingend Eisenkot unterstützen.
Ein weiterer wichtiger Akteur ist Jair Golan, Vorsitzender der Demokraten. Seine Entscheidung, wen er für das Ministerpräsidentenamt unterstützt, könnte bei einer schwierigen Mehrheitsbildung Bedeutung gewinnen.
Netanjahus bisherige Koalitionspartner sind demgegenüber politisch enger miteinander verbunden. Das bedeutet nicht, dass sie nach der Wahl automatisch eine Mehrheit haben werden. Es könnte aber Koalitionsverhandlungen innerhalb ihres Lagers erleichtern.
Die Bildung einer Regierung hängt letztlich nicht nur von der Größe einzelner Parteien ab, sondern davon, welche politischen Bündnisse tatsächlich möglich sind.
Lieberman warnt vor einem neuen Iran-Krieg
Eine besonders weitreichende Warnung kommt von Avigdor Lieberman. Nach einem Bericht von N12 rechnet er damit, dass es Anfang November, nach den amerikanischen Zwischenwahlen vom 3. November, zu einem erneuten militärischen Angriff auf Iran kommen könnte.
Lieberman befürchtet, Netanjahu und US-Präsident Donald Trump könnten eine militärische Auseinandersetzung nutzen, um während der israelischen Koalitionsverhandlungen auf die Bildung einer Einheitsregierung hinzuwirken.
Diese Behauptung ist bislang nicht durch öffentlich überprüfbare Informationen über eine entsprechende militärische Entscheidung gedeckt. Sie beschreibt Liebermans Einschätzung und seine Sorge vor einer politischen Instrumentalisierung eines möglichen Konflikts.
Dass die iranische Bedrohung für Israel eine zentrale sicherheitspolitische Bedeutung hat, ist davon unabhängig. Ein konkreter Angriffsplan lässt sich aus den Aussagen jedoch nicht ableiten.
Die Behauptung verdeutlicht zugleich, wie stark der Konflikt mit Iran inzwischen auch die innenpolitische Debatte prägt.
Für Israel steht damit eine Wahl bevor, bei der mehrere Entwicklungen zusammenkommen: Unsicherheit über die tatsächliche Wahlbeteiligung, eine Vielzahl kleiner Parteien, schwierige Koalitionsbedingungen und die fortbestehende militärische Bedrohung durch Iran.
Selbst eine erhebliche Verschiebung der Mandate bedeutet nicht zwangsläufig einen Regierungswechsel.
Am 27. Oktober entscheiden die Wähler über die Zusammensetzung der Knesset. Wer anschließend eine Regierung bilden kann, wird erst durch die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse und die Koalitionsverhandlungen bestimmt.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 24. Oktober 2026