Purim 2026: Warum Israelis den Tod Khameneis mit der Geschichte von Haman vergleichen
Während Israel gegen das iranische Regime kämpft, fällt der Beginn von Purim auf denselben Moment. Für viele Israelis ist das kein Zufall, sondern ein historischer Kreis, der sich schließt.

Am Samstagmorgen, kurz nach Beginn der israelisch amerikanischen Luftschläge gegen das iranische Regime, wandte sich Premierminister Benjamin Netanjahu an die Öffentlichkeit. Seine Worte waren nicht nur militärisch, sondern historisch aufgeladen. In wenigen Tagen, so erinnerte er, beginne Purim. Vor zweieinhalbtausend Jahren habe ein Machthaber im alten Persien versucht, das jüdische Volk zu vernichten. Damals sei dieser Plan gescheitert. Heute stehe Israel erneut einem Regime gegenüber, das offen von seiner Zerstörung spreche.
Diese Parallele ist kein rhetorischer Zufall. Purim ist das einzige jüdische Fest, dessen Geschichte ein eigenes Buch im biblischen Kanon besitzt, das Buch Esther. Es spielt im persischen Reich, in der Hauptstadt Schuschan. Die historische Einordnung verweist auf die Regierungszeit des Königs Xerxes I im fünften Jahrhundert vor der Zeitrechnung. Viele Juden lebten damals im Exil, nachdem Jerusalem und der Erste Tempel im Jahr 586 vor der Zeitrechnung zerstört worden waren.
Die Geschichte ist bekannt. Esther, eine jüdische Frau, wird Königin, ohne zunächst ihre Herkunft preiszugeben. Haman, ein hoher Beamter des Königs, fühlt sich durch Esthers Onkel Mordechai beleidigt und überzeugt den König, ein Edikt zur Vernichtung aller Juden im Reich zu erlassen. Durch Esthers Mut wird der Plan aufgedeckt. Der König erlaubt den Juden, sich zu verteidigen. Am Ende überleben sie, während Haman fällt.
Für viele Israelis erhält diese Erzählung in diesem Jahr eine besondere Bedeutung. Seit der Islamischen Revolution von 1979 hat das iranische Regime Israel wiederholt als illegitim bezeichnet und seine Vernichtung gefordert. Die aktuelle militärische Auseinandersetzung wird daher nicht nur als geopolitischer Konflikt wahrgenommen, sondern als Konfrontation mit einem Regime, das in seiner Rhetorik existenzielle Drohungen formuliert.
Als am Samstagabend der Tod von Ayatollah Ali Khamenei infolge eines israelischen Angriffs bestätigt wurde, griffen zahlreiche Politiker die historische Symbolik erneut auf. Oppositionsführer Avigdor Liberman zog einen direkten Vergleich zwischen Haman und Khamenei. Auch die Oberrabbiner Israels riefen in einem gemeinsamen Schreiben zu verstärktem Gebet und Fasten auf, in Anlehnung an die Fastenpraxis vor der Rettung im Buch Esther.
Der Zeitpunkt war zudem religiös besonders aufgeladen. Der Sabbat vor Purim wird als Schabbat Sachor bezeichnet, der Sabbat des Erinnerns. An diesem Tag wird ein Abschnitt aus dem fünften Buch Mose gelesen, der zur Erinnerung an Amalek aufruft, einen biblischen Erzfeind Israels. In der jüdischen Tradition steht Amalek symbolisch für jene Kräfte, die die Vernichtung des jüdischen Volkes anstreben. Im Buch Esther wird Haman als Nachkomme dieses Amalek beschrieben.
Diese Begriffe sind sensibel. Nach dem 7. Oktober 2023 wurden Verweise auf Amalek von Kritikern als Beleg für angebliche Vernichtungsabsichten Israels interpretiert. Netanjahu stellte mehrfach klar, dass sich solche Bezüge nicht gegen Zivilbevölkerungen richten, sondern die historische Erfahrung existenzieller Bedrohung beschreiben. Auch in Bezug auf den Iran betonte er ausdrücklich, dass Israel das iranische Volk nicht als Feind betrachte. Im Gegenteil, er rief die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes dazu auf, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
Diese Differenzierung ist entscheidend. Während das Buch Esther von einem jüdischen Volk ohne Staat und ohne Armee erzählt, das von der Gnade eines fremden Herrschers abhängt, steht heute ein souveräner Staat Israel mit eigener Verteidigungsfähigkeit im Mittelpunkt. Der historische Vergleich wird daher nicht als Aufruf zur Vergeltung verstanden, sondern als Ausdruck jüdischer Kontinuität und Selbstbehauptung.
In israelischen Städten wurden die Entwicklungen mit einer Mischung aus Erleichterung und symbolischer Freude aufgenommen. Bilder zeigten Menschen, die auf Straßen tanzten, während andere mit schwarzem Humor spielten und etwa von Oznei Khamenei sprachen, in Anlehnung an die traditionellen Purimgebäcke Oznei Haman. Gleichzeitig blieb der Ernst der Lage präsent. In einigen Gemeinden fielen Purim Feiern aus Sicherheitsgründen aus.
Purim ist ein Fest der Umkehrung. In der Megilla heißt es, dass sich das Schicksal wendete. Diejenigen, die vernichtet werden sollten, überlebten. Für viele Israelis liegt die Verbindung zur Gegenwart genau hier. Die Geschichte erzählt von einer existenziellen Bedrohung aus Persien. Heute kommt die militärische Bedrohung erneut aus Teheran. Der Unterschied ist, dass Israel nicht mehr wehrlos ist.
Diese historische Perspektive erklärt, warum der Tod Khameneis in vielen Kommentaren als moderner Purim Moment bezeichnet wurde. Nicht als religiöse Prophezeiung, sondern als Symbol. Die Feinde Israels sind nicht identisch mit den Feinden der Antike, doch die Erfahrung, existenziell bedroht zu sein, prägt das kollektive Gedächtnis.
Purim 2026 ist daher kein gewöhnliches Fest. Es ist ein Moment, in dem Geschichte, Religion und Gegenwart ineinandergreifen. Während Kinder sich verkleiden und in Synagogen die Megilla gelesen wird, führt Israel einen Krieg, den viele als Kampf um seine Existenz begreifen. Und in diesem Kontext erhält die alte Geschichte aus Persien eine neue, unerwartete Aktualität.
Autor: David Goldberg
Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 3. März 2026