U-Boot-Affäre erschüttert Israels Sicherheitsarchitektur
Eine staatliche Untersuchung legt offen, wie fahrlässig und unkoordiniert milliardenschwere Rüstungsentscheidungen getroffen wurden. Es geht nicht um Politik, sondern um Vertrauen, Verantwortung und die Frage, wer über Israels Sicherheit entscheiden darf.

Wenn ein Staat über Milliardenbeträge entscheidet, über Waffen, über strategische Fähigkeiten und über Systeme, die im Ernstfall über Leben und Existenz entscheiden, dann darf es keinen Raum für Improvisation geben. Genau das aber beschreibt die jüngste Untersuchung zur sogenannten U-Boot-Affäre in Israel.
Die eingesetzte staatliche Kommission kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Nicht einzelne Fehler, nicht ein unglücklicher Ablauf, sondern strukturelle Mängel prägen demnach das gesamte Beschaffungsverfahren. Prozesse, die eigentlich klar geregelt sein müssten, verliefen ungeordnet. Zuständigkeiten verschwammen. Fachliche Bewertungen wurden teilweise nicht eingeholt oder nicht ausreichend berücksichtigt.
Im Kern geht es um Entscheidungen im Umfang von mehreren Milliarden Schekel. Entscheidungen, die die Marine, die strategische Abschreckung und damit einen zentralen Teil der nationalen Sicherheitsdoktrin betreffen.
Israel betreibt derzeit fünf U-Boote deutscher Bauart. Ein sechstes befindet sich noch in der Auslieferung. Darüber hinaus wurde 2022 ein weiterer Großauftrag vereinbart. Drei neue U-Boote der Klasse Dakar sollen künftig die Flotte erweitern. Entwickelt werden sie in Deutschland, bei ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel.
Diese Boote gelten als technologisch hochkomplex, langfristig einsatzfähig und strategisch sensibel. Nach Einschätzung internationaler Fachleute könnten sie theoretisch auch für nichtkonventionelle Bewaffnung ausgelegt sein, was ihre Bedeutung weit über klassische Marineeinsätze hinaushebt.
Gerade deshalb wiegt der Befund der Kommission schwer.
Denn untersucht wurde nicht nur die Frage, wie Israel eigene Rüstungsgüter beschafft, sondern auch, wie das Land mit Entscheidungen verbündeter Staaten umgeht. Besonders kritisch bewertete die Kommission den Umgang mit dem Verkauf deutscher U-Boote an Ägypten.
Ein Thema, das sicherheitspolitisch hochsensibel ist.
Ägypten ist zwar Vertragspartner Israels, bleibt jedoch militärisch ein regionaler Machtfaktor mit eigenen Interessen. Dass ein enger Verbündeter wie Deutschland vergleichbare Systeme an einen Nachbarstaat liefert, hätte eine umfassende sicherheitspolitische Bewertung erfordert.
Genau diese habe es jedoch nicht gegeben.
Die Kommission spricht von einem chaotischen Vorgehen, von fehlender Führung und mangelnder Abstimmung. In einer Formulierung, die in offiziellen Berichten selten ist, wird sogar davon gesprochen, dass durch dieses Verhalten die Sicherheit des Staates gefährdet worden sei.
Das ist keine rhetorische Zuspitzung. Es ist ein amtliches Urteil.
Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht erneut Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ihm wird vorgeworfen, dem Verkauf der deutschen U-Boote an Ägypten zugestimmt zu haben, ohne Rücksprache mit der militärischen Führung oder den zuständigen Sicherheitsgremien zu halten.
Netanjahu selbst wies die Kritik in der Vergangenheit zurück. Er erklärte, es gebe sicherheitsrelevante Informationen, die nur einem sehr kleinen Kreis bekannt seien. Entscheidungen dieser Tragweite könnten daher nicht immer transparent oder breit abgestimmt erfolgen.
Diese Erklärung ist rechtlich nicht widerlegt. Politisch aber wirft sie Fragen auf.
Denn Sicherheit in Israel basiert traditionell nicht auf Einzelentscheidungen, sondern auf institutionellem Ausgleich. Armee, Geheimdienste, Verteidigungsministerium und politische Führung agieren normalerweise in enger Abstimmung. Gerade diese Balance gilt als Lehre aus früheren Fehlern der Staatsgeschichte.
Wenn diese Mechanismen ausgesetzt werden, entsteht ein Risiko. Nicht nur operativ, sondern auch gesellschaftlich.
Parallel zur Untersuchung der Kommission läuft in Tel Aviv ein Gerichtsverfahren. Mehrere Personen stehen unter Anklage, ihnen wird vorgeworfen, im Zusammenhang mit den Geschäften Bestechungsgelder angenommen zu haben. Unter den Angeklagten befinden sich Vertraute des Ministerpräsidenten, jedoch nicht Netanjahu selbst.
Die Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Die Unschuldsvermutung gilt.
Doch unabhängig von strafrechtlichen Bewertungen zeigt sich bereits jetzt ein tieferer Schaden.
Vertrauen.
Vertrauen darauf, dass Entscheidungen über Israels existenzielle Verteidigungsfähigkeit nach klaren Regeln getroffen werden. Vertrauen darauf, dass persönliche Netzwerke keine Rolle spielen. Vertrauen darauf, dass Sicherheitspolitik nicht im kleinen Kreis, sondern auf Basis professioneller Expertise gestaltet wird.
Die Untersuchungskommission zieht daraus klare Konsequenzen. Sie empfiehlt verbindliche Verfahren, die sicherstellen sollen, dass künftig alle relevanten Fachstellen angehört werden müssen, bevor Entscheidungen über Rüstungsgüter getroffen werden. Keine Abkürzungen. Keine informellen Wege. Keine Alleingänge.
Das ist mehr als Bürokratie.
Es ist der Versuch, aus einem gefährlichen Kontrollverlust zu lernen.
In Zeiten wachsender Bedrohungen, eines weiterhin aggressiven Iran und regionaler Instabilität ist militärische Stärke für Israel unverzichtbar. Doch Stärke entsteht nicht allein durch moderne Waffen. Sie entsteht durch klare Verantwortung, saubere Prozesse und eine Führung, die Vertrauen schafft.
Die U-Boote bleiben ein zentraler Pfeiler der nationalen Sicherheit. Daran besteht kein Zweifel.
Doch die Affäre zeigt, dass selbst das stärkste System gefährdet wird, wenn Transparenz, Struktur und institutionelle Kontrolle vernachlässigt werden.
Nicht jede sicherheitspolitische Entscheidung muss öffentlich sein. Aber jede muss verantwortbar sein.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Marco Kuntzsch - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=171444878
Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 8. Februar 2026