Über 1.000 Raketen noch einsatzbereit: Israels Luftwaffe korrigiert die Realität im Iran-Krieg
Nach mehr als einem Monat Krieg zeigt sich ein deutlich anderes Bild als zunächst erwartet. Der Iran feuert weiter täglich Raketen und Israels Militär räumt ein, dass ein vollständiges Ende der Bedrohung unrealistisch bleibt.

Die Erkenntnis ist unbequem, aber entscheidend: Trotz massiver Angriffe bleibt das iranische Raketenarsenal gefährlich groß. Der Krieg tritt damit in eine Phase ein, in der Erwartungen und Realität auseinanderdriften.
Mehr als ein Monat nach Beginn der Operation „Schagat HaAri“ steht Israel vor einer nüchternen Lagebewertung. Während zu Beginn des Krieges innerhalb der Armee die Hoffnung bestand, die iranischen Raketenfähigkeiten rasch massiv zu schwächen, zeigt sich inzwischen ein anderes Bild. Iran feuert weiterhin regelmäßig ballistische Raketen auf Israel nicht in symbolischen Einzelfällen, sondern in einer Frequenz, die militärisch relevant bleibt.
Ein hochrangiger Offizier der israelischen Luftwaffe, verantwortlich für die Analyse der iranischen Raketen- und Drohnenprogramme, spricht offen aus, was viele inzwischen spüren: Iran verfügt weiterhin über mehr als tausend Raketen, die Israel erreichen können. Diese Zahl ist nicht nur eine statistische Größe, sondern beschreibt eine konkrete Bedrohung, die den Alltag im Land weiterhin prägt.
Die aktuelle Abschussrate liegt seit Wochen bei etwa zehn bis fünfzehn Raketen pro Tag. Das ist deutlich weniger als in den ursprünglichen Szenarien befürchtet wurde, aber weit entfernt von einem Zustand, in dem die Bedrohung verschwindet. Entscheidend ist: Diese Reduktion ist kein Zeichen dafür, dass Iran am Ende seiner Möglichkeiten ist, sondern Ergebnis intensiver israelischer Angriffe.
Wenn Teheran den Druck erhöht, kann es auch kurzfristig größere Salven abfeuern. So wurden an einzelnen Tagen gezielt mehr als zehn Raketen in kurzer Zeit gestartet. Das zeigt, dass die Fähigkeit zur Eskalation weiterhin vorhanden ist.
Unterirdische Raketenstädte als strategisches Problem
Ein zentraler Grund für die anhaltende Bedrohung liegt in der Struktur des iranischen Systems. Ein erheblicher Teil der Raketen wird in sogenannten unterirdischen Anlagen gelagert, tief in Gebirgen verborgen. Diese Anlagen bestehen aus weit verzweigten Tunnelsystemen, aus denen mobile Abschussfahrzeuge herausfahren, ihre Raketen starten und anschließend wieder verschwinden.
Diese Bauweise macht es extrem schwierig, die Infrastruktur dauerhaft auszuschalten. Israel kann in vielen Fällen die Ausgänge dieser Tunnel blockieren oder beschädigen. Doch die iranischen Kräfte sind in der Lage, solche Blockaden oft innerhalb kurzer Zeit wieder zu beseitigen. Es entsteht ein permanenter Zyklus aus Angriff, Reparatur und erneuter Nutzung.
Auch die Frage nach den Abschussvorrichtungen selbst ist komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. Zwar wurden zu Beginn des Krieges hohe Zahlen zerstörter Systeme genannt, doch neuere Einschätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der iranischen Abschusskapazitäten weiterhin einsatzfähig ist. Gleichzeitig betonen israelische Offiziere, dass nicht allein die Anzahl der Abschussgeräte entscheidend ist. Ein Raketenstart erfordert ein komplexes Zusammenspiel aus Logistik, Kommunikation und Vorbereitung.
Cluster-Sprengköpfe und psychologische Wirkung
Ein weiteres Element, das im Verlauf des Krieges an Bedeutung gewonnen hat, ist der Einsatz von Streumunition. Iran hat erkannt, dass diese Waffen nicht nur physische Schäden verursachen, sondern auch eine erhebliche psychologische Wirkung entfalten.
Die eingesetzten Gefechtsköpfe sind dabei oft weniger zerstörerisch als klassische Sprengköpfe mit großer Ladung. Ihre Wirkung entspricht eher mehreren kleineren Explosionen, die sich über ein Gebiet verteilen. Sie können Wohnungen oder einzelne Räume treffen, verursachen aber selten großflächige Zerstörung wie schwere Sprengköpfe.
Dennoch ist ihre Wirkung nicht zu unterschätzen. Sie erhöhen die Unsicherheit in der Bevölkerung und zwingen zu einer breiteren Schutzstrategie. Gleichzeitig zeigt der Einsatz dieser Munition, dass Iran seine Taktik anpasst und gezielt nach Wirkungen sucht, die über den rein militärischen Schaden hinausgehen.
Produktion, Zerstörung und die nächste Phase
Ein entscheidender Punkt für die weitere Entwicklung ist die Frage nach der Produktion neuer Raketen. Aktuell gehen israelische Einschätzungen davon aus, dass Iran während der laufenden Kämpfe nur eingeschränkt neue Systeme herstellen kann. Die Produktion basiert teilweise auf vorhandenen Bauteilen und bestehenden Vorräten.
Israel hat seine Strategie deshalb angepasst. Während frühere Operationen gezielt einzelne Komponenten oder Anlagen ins Visier nahmen, richtet sich der aktuelle Fokus auf die gesamte industrielle Infrastruktur. Ziel ist es, die Fähigkeit zur langfristigen Wiederherstellung der Raketenproduktion zu beeinträchtigen.
Doch selbst wenn dies gelingt, bleibt eine zentrale Erkenntnis bestehen: Solange das bestehende Arsenal nicht vollständig zerstört wird, bleibt die Bedrohung bestehen. Und genau das gilt als unwahrscheinlich.
Ein vollständiger Stopp der Raketenangriffe wird nach Einschätzung der Luftwaffe enorme zusätzliche Ressourcen erfordern und selbst dann nicht garantiert sein. Faktoren wie Wetter, operative Bedingungen und die Flexibilität des iranischen Systems spielen eine entscheidende Rolle.
Eine unbequeme strategische Wahrheit
Die vielleicht wichtigste Aussage aus militärischer Sicht ist zugleich die klarste. Ein Offizier bringt es auf den Punkt: Wenn der Gegner nicht vollständig besiegt wird, ist eine weitere Runde des Konflikts nur eine Frage der Zeit.
Diese Einschätzung ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern beschreibt die Realität im Nahen Osten. Iran wird versuchen, seine Fähigkeiten wieder aufzubauen. Die Raketenprogramme sind für das Regime ein zentrales Instrument, um Macht zu projizieren und Druck auf die Region auszuüben.
Für Israel bedeutet das, dass dieser Krieg nicht nur militärisch geführt wird, sondern auch strategisch und langfristig gedacht werden muss. Es geht nicht allein darum, aktuelle Angriffe abzuwehren, sondern darum, zukünftige Bedrohungen zu begrenzen.
Die Zahlen sind dabei eindeutig. Über tausend Raketen sind weiterhin verfügbar. Täglich werden neue gestartet. Und selbst nach intensiven Angriffen bleibt ein erheblicher Teil der Infrastruktur intakt.
Das ist die Realität dieses Krieges. Und sie ist deutlich komplexer, als viele zu Beginn gehofft hatten.
Autor: Bernd Geiger
Bild Quelle: Von M-ATF, from military.ir and iranmilitaryforum.net - http://gallery.military.ir/albums/userpics/10187/New-Fateh-TEL.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21508000
Artikel veröffentlicht am: Montag, 6. April 2026