Ignorieren, ablenken, töten: Iran beginnt mit Standgerichten und Todesurteilen gegen Demonstranten
Das Regime in Teheran folgt einem altbekannten Muster. Erst wird geschwiegen, dann wird der Blick nach außen gelenkt, am Ende wird mit tödlicher Gewalt zugeschlagen. Die aktuellen Proteste zeigen, wie kaltblütig und berechnend die Islamische Republik ihr eigenes Überleben sichert.

Der Ablauf ist so vorhersehbar wie grausam. Als Ende Dezember in immer mehr Städten Menschen auf die Straße gingen, versuchte das Regime zunächst, die Proteste schlicht auszusitzen. Keine großen Reaktionen, keine Zugeständnisse, kaum öffentliche Statements. Die Hoffnung war offensichtlich, dass sich Wut und Verzweiflung nach einigen Tagen erschöpfen würden. Dieses Kalkül ging nicht auf.
Als klar wurde, dass die Demonstrationen nicht abebbten, wechselte Teheran zur nächsten Phase. Die Aufmerksamkeit sollte umgelenkt werden. Treffen mit regionalen Akteuren, diplomatische Aktivitäten im Libanon, Gespräche mit Oman, warnende Botschaften an Europa. Das Regime versuchte, Normalität zu inszenieren und außenpolitische Routine zu demonstrieren, während im Inneren die Kontrolle bröckelte. Doch auch diese Ablenkung reichte nicht.
Nun ist die dritte Phase erreicht. Sie ist die brutalste und zugleich die vertrauteste. Töten. Gezielt, systematisch, abgeschirmt von der Außenwelt. Tausende Menschen sollen in wenigen Tagen ums Leben gekommen sein. Sicherheitskräfte schießen auf Demonstranten, Krankenhäuser werden überwacht, Verletzte verhaftet. Das Internet ist weitgehend abgeschaltet, damit Bilder, Zahlen und Zeugenaussagen das Land nicht verlassen. Die Dunkelheit ist Teil der Strategie.
Dieses Vorgehen ist kein Ausnahmezustand, sondern Routine. Die Islamische Republik hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bewiesen, dass sie Proteste nicht durch Reformen beantwortet, sondern durch Zeitgewinn und Gewalt. Das Regime weiß, dass es nicht die Herzen der Bevölkerung kontrolliert. Es weiß, dass große Teile der Gesellschaft es ablehnen. Besonders in den Randregionen, bei ethnischen und religiösen Minderheiten, ist der Rückhalt gering. Gerade deshalb setzt man dort besonders früh und besonders hart auf Repression.
Hinzu kommt eine neue Schwäche. Der zwölf Tage dauernde Krieg im Sommer 2025 hat Spuren hinterlassen. Militärische Fähigkeiten wurden beschädigt, Teile des Raketenprogramms und der nuklearen Infrastruktur getroffen. Nach außen gibt sich Teheran unbeeindruckt, doch intern ist das Bewusstsein für Verwundbarkeit gewachsen. Diese Unsicherheit verstärkt den Reflex zur Gewalt. Ein Regime, das sich bedroht fühlt, reagiert nicht moderat, sondern rücksichtslos.
Gleichzeitig testet Teheran die Entschlossenheit Washingtons. Präsident Donald Trump hat die Proteste öffentlich unterstützt und das Regime vor weiterer Gewalt gewarnt. In Teheran nimmt man diese Worte bislang nicht ernst. Die Führung geht offenbar davon aus, dass die Vereinigten Staaten ohne eindeutige Bilder und ohne unbestreitbare Beweise nicht eingreifen werden. Solange das Töten im Schatten geschieht, glaubt man sich sicher.
Diese Rechnung ist bisher aufgegangen. Die Proteste werden niedergeschlagen, während international diskutiert, gezögert und abgewogen wird. Doch das Spiel ist riskant. Teheran setzt darauf, dass der Aufstand beendet ist, bevor externer Druck entsteht. Dass die Zahl der Toten dann bereits so hoch ist, dass Widerstand kaum noch möglich ist.
Standgerichte und Todesurteile als nächste Eskalationsstufe
Nun geht das Regime noch einen Schritt weiter. Zur physischen Gewalt auf den Straßen tritt die juristische Vernichtung. Nach Informationen aus oppositionellen Netzwerken, Menschenrechtskreisen und diplomatischen Kanälen sollen bereits heute die ersten der mehr als 10.000 festgenommenen Demonstranten vor sogenannte Schnellgerichte gestellt werden. Mehrere Quellen gehen davon aus, dass noch am selben Tag Todesurteile verhängt und erste Hinrichtungen vollstreckt werden.
Dabei handelt es sich nicht um reguläre Gerichtsverfahren, sondern um Standgerichte unter direkter Kontrolle der Revolutionsgarden und der regimehörigen Justiz. Angeklagte sollen ohne unabhängige Verteidigung, ohne transparente Beweisaufnahme und vielfach auf Grundlage erzwungener Geständnisse verurteilt werden. Die Verfahren dauern Berichten zufolge nur Minuten. Familien erfahren weder Haftorte noch Urteilszeitpunkte. Diese systematische Ungewissheit ist Teil der Abschreckungsstrategie.
Ziel ist klar: politischer Widerstand soll nicht nur gebrochen, sondern ausgelöscht werden. Die Todesstrafe wird gezielt als Instrument gegen Opposition eingesetzt. Internationale Menschenrechtsorganisationen warnen seit Tagen vor genau diesem Szenario. Die vollständige Abschaltung des Internets, die Abriegelung ganzer Städte und die Präsenz von Sicherheitskräften in Krankenhäusern schaffen die Bedingungen, unter denen Hinrichtungen im Verborgenen stattfinden können.
Parallel dazu versucht das Regime, jede Einmischung von außen präventiv zu delegitimieren. Gespräche mit europäischen Außenministern, Appelle an die Golfstaaten, Warnungen vor regionaler Instabilität. Der iranische Außenminister betont unermüdlich, es handele sich um innere Angelegenheiten. Die Botschaft ist klar: Wer eingreift, gefährdet den gesamten Nahen Osten.
Dabei wird gezielt Angst geschürt. Ein geschwächtes Iran, so das Narrativ, würde Chaos auslösen, Flüchtlingsbewegungen in Gang setzen und Nachbarstaaten destabilisieren. Länder wie die Türkei, Pakistan, Katar oder Saudi-Arabien reagieren darauf nervös. Sie fürchten weniger um die iranische Bevölkerung als um ihre eigene Stabilität. Diese Zurückhaltung kommt Teheran gelegen.
Über allem steht Ali Khamenei. Der Oberste Führer hat in früheren Krisen bewiesen, dass er bereit ist, hohe Opferzahlen in Kauf zu nehmen, um die Macht zu sichern. Für das Regime ist nicht entscheidend, wie viele sterben, sondern ob die Herrschaft überlebt. Moralische Kategorien spielen dabei keine Rolle.
Diese Woche ist deshalb entscheidend. Proteste, internationale Signale, wirtschaftlicher Druck und militärische Drohungen treffen gleichzeitig aufeinander. Das Regime versucht, den Sturm auszusitzen. Mit bekannten Methoden. Mit kalkulierter Grausamkeit. Und mit der Hoffnung, dass die Welt wieder einmal wegschaut.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: By Khamenei.ir, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=141074394
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 14. Januar 2026