Frankreich hat ein Antisemitismusproblem – und es sitzt längst in den Rathäusern
Ein Bürgermeister spricht aus, was viele denken, aber niemand offen sagen sollte. Der Staat reagiert. Doch der Vorfall offenbart ein tiefer liegendes Versagen.

Bernard Bazinet, Bürgermeister der kleinen Gemeinde Augignac im Südwesten des Landes, wurde für einen Monat von seinem Amt suspendiert, nachdem er öffentlich erklärt hatte, Frankreich sei „zu jüdisch“, um Israel zu boykottieren. Ein Satz, der nicht zufällig erinnert sondern bewusst trifft.
Die Äußerung fiel Anfang Dezember unter einem Facebook-Beitrag der linksliberalen Zeitung Libération, der sich mit Boykottaufrufen gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest befasste. Bazinet kommentierte zustimmend zum Boykott und fügte hinzu: „Ja zum Boykott. Frankreich ist zu jüdisch, um zu boykottieren.“ Ein Satz, der Juden nicht als Bürger, sondern als politisches Hindernis markiert und damit exakt das antisemitische Denken reproduziert, das Europa so gut kennt.
Die Reaktion des französischen Staates folgte vergleichsweise schnell. Innenminister Laurent Nuñez ordnete die sofortige Suspendierung des Bürgermeisters an. Sie gilt bis zum Monatsende. Bazinet, so die Begründung, habe durch seine Worte die moralische Autorität verloren, ein öffentliches Amt auszuüben. Auch seine Partei, die Sozialisten, zog Konsequenzen und schloss ihn aus.
Doch der eigentliche Skandal liegt tiefer. Denn Bazinet versuchte, sich im Nachhinein herauszureden. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP erklärte er, er habe „nicht gewusst“, dass der Begriff antisemitisch sei. Er habe „foolish“, also töricht, reagiert, nachdem Frankreich Israels Teilnahme am Wettbewerb unterstützt habe. Als er den Kommentar löschen wollte, sei es bereits zu spät gewesen.
Diese Verteidigung überzeugt nicht. Wer in Frankreich von einem Land spricht, das „zu jüdisch“ sei, greift auf ein jahrhundertealtes antisemitisches Narrativ zurück. Juden werden darin nicht als Teil der Nation verstanden, sondern als Fremdkörper mit übermäßiger Macht, Loyalität oder Einfluss. Dass ein amtierender Bürgermeister dieses Bild bedient unabhängig von seiner angeblichen Absicht ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines politischen Klimas, das solche Gedanken wieder sagbar macht.
Der Kontext ist entscheidend. Seit Beginn des Gaza-Krieges haben antisemitische Vorfälle in Frankreich drastisch zugenommen. Jüdische Schulen stehen unter Polizeischutz, Synagogen werden beschmiert, Menschen auf offener Straße bedroht. Gleichzeitig verschiebt sich der öffentliche Diskurs. Antisemitische Aussagen werden zunehmend als „Israelkritik“ getarnt, alte Ressentiments in neue politische Sprache gekleidet.
Bazinet ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Ein Beispiel dafür, wie sich antisemitische Denkmuster vom radikalen Rand in die politische Mitte einschleichen. Dass er ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest einem kulturellen Ereignis solche Worte wählt, zeigt, wie niedrig die Hemmschwelle inzwischen liegt.
Die Suspendierung ist richtig. Aber sie reicht nicht aus. Der Fall wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viele ähnliche Aussagen bleiben ungesagt, ungeschrieben oder ungeahndet? Wie viele Mandatsträger denken ähnlich, formulieren es aber vorsichtiger?
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 3. Januar 2026