37 Prozent Zins reichen nicht: Ölpreis bedroht Erdogans Inflationsplan

37 Prozent Zins reichen nicht: Ölpreis bedroht Erdogans Inflationsplan


Die Inflation sinkt, doch Entwarnung sieht anders aus: Die Türkei hält den Leitzins bei enormen 37 Prozent. Der teure Ölimport könnte die mühsam erkaufte Stabilisierung der Lira und den Rückgang der Teuerung wieder gefährden.

37 Prozent Zins reichen nicht: Ölpreis bedroht Erdogans Inflationsplan
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Die türkische Zentralbank wagt weiterhin keine Lockerung ihrer extrem straffen Geldpolitik. Der Leitzins bleibt zum fünften Mal in Folge bei 37 Prozent. Für Übernachtkredite verlangt die Zentralbank weiterhin 40 Prozent, Einlagen werden mit 35,5 Prozent verzinst. Die Entscheidung zeigt, wie fragil die wirtschaftliche Stabilisierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan noch immer ist.

Auf den ersten Blick sprechen die Inflationsdaten inzwischen für Ankara. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes TÜIK sank die jährliche Teuerungsrate im August auf 31,51 Prozent, nach 31,75 Prozent im Juli. Im Monatsvergleich stiegen die Verbraucherpreise um 1,84 Prozent.

Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Inflationsraten früherer Jahre. Normal ist eine Preissteigerung von mehr als 30 Prozent jedoch noch lange nicht. Vor allem ein Faktor droht den bisherigen Erfolg wieder zu untergraben: Energie.

Die türkische Zentralbank nennt in ihrer eigenen Erklärung ausdrücklich die aufgrund geopolitischer Entwicklungen erhöhten Energiepreise als Aufwärtsrisiko für die Inflation. Damit erreicht der Krieg im Nahen Osten Ankara nicht nur außenpolitisch, sondern unmittelbar über Tankstellen, Produktionskosten und die türkische Lira.

Erdogans Türkei hängt am importierten Öl

Die Schwachstelle ist strukturell. Die Türkei besitzt zwar wachsende eigene Energiequellen und baut erneuerbare Energien massiv aus, bleibt aber bei ihrem Gesamtenergiebedarf stark vom Ausland abhängig. Die jüngsten verfügbaren Weltbank-Daten auf Basis von IEA-Angaben weisen für 2023 Nettoenergieimporte von rund 72 Prozent des Energieverbrauchs aus.

Das bedeutet: Steigt der Preis für Öl und Gas auf den internationalen Märkten, muss die Türkei mehr Dollar und Euro aufbringen. Genau daraus entsteht für Ankara ein unangenehmer Kreislauf.

Teurere Energie erhöht die Importrechnung. Eine höhere Nachfrage nach Fremdwährungen setzt die Lira unter Druck. Eine schwächere Lira verteuert wiederum importiertes Öl, Gas, Maschinen und Vorprodukte. Am Ende erreichen die Kosten Verkehr, Industrie, Landwirtschaft, Lebensmittel und Haushalte.

Schon im August war diese Entwicklung sichtbar. Laut dem zugrunde liegenden türkischen Bericht stiegen die Energiepreise binnen eines Monats um 5,46 Prozent, Kraftstoffe sogar um 11,23 Prozent. Diese Belastung setzte ein, bevor sich Rohöl infolge der Eskalation im Nahen Osten nochmals deutlich verteuerte.

Auch andere Zentralbanken reagieren inzwischen auf denselben Schock. Reuters berichtet, dass die hohen Öl- und Gaspreise infolge des Iran-Konflikts weltweit die Inflationssorgen verstärken und Notenbanken wieder zu einer härteren Linie zwingen.

Für die Türkei ist das Problem nur wesentlich größer als für viele europäische Staaten, weil Inflation, Währungsschwäche und Energieabhängigkeit gleichzeitig zusammenkommen.

Die Zentralbank steckt deshalb in einer Zwickmühle.

Senkt sie die Zinsen zu früh, kann Kapital abfließen und die Lira erneut stärker unter Druck geraten. Hält sie die Zinsen lange bei 37 Prozent, werden Kredite für Unternehmen und private Haushalte extrem teuer. Investitionen werden verschoben, Konsum nimmt ab und das Wirtschaftswachstum verliert an Tempo.

Genau diese Abkühlung ist jedoch bislang Teil der Strategie.

Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal 2026 nach offiziellen türkischen Daten nur noch um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zentralbank spricht ausdrücklich von schwacher Binnennachfrage und sieht darin einen wichtigen Grund dafür, dass die Inflation überhaupt weiter nach unten geht.

Mit anderen Worten: Ankara bekämpft die Inflation auch dadurch, dass Verbraucher und Unternehmen weniger ausgeben können.

Die Rechnung für Erdogans frühere Zinspolitik ist noch nicht bezahlt

Politisch bemerkenswert ist, wie weit sich die heutige Geldpolitik von Erdogans früherem Kurs entfernt hat.

Jahrelang vertrat der türkische Präsident entgegen der wirtschaftswissenschaftlichen Mehrheitsmeinung die Ansicht, hohe Zinsen verursachten Inflation. Die Zentralbank senkte zeitweise die Zinsen, obwohl die Preise bereits rasant stiegen. Das Ergebnis waren ein massiver Wertverlust der Lira, immer neue Inflationsschübe und schwindendes Vertrauen internationaler Investoren.

Nach den Wahlen 2023 änderte Ankara den Kurs. Mit Finanzminister Mehmet Şimşek und einer zunehmend orthodox handelnden Zentralbank wurden die Zinsen drastisch angehoben. Der Staat akzeptiert seitdem bewusst schwächere Nachfrage und hohe Finanzierungskosten, um Inflationserwartungen zu brechen und die Lira zu stabilisieren.

Dieser Kurs zeigt inzwischen Wirkung. Aber der Preis bleibt enorm.

Selbst 37 Prozent Leitzins reichen bisher nur für eine Inflation von mehr als 31 Prozent. Die Bevölkerung erlebt weiterhin starke Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Wohnen und Dienstleistungen. Unternehmer müssen Kredite zu Konditionen finanzieren, die in anderen großen Volkswirtschaften kaum vorstellbar wären.

Die Regierung hat ihre Erwartungen deshalb bereits zurückgeschraubt. Das neue mittelfristige Wirtschaftsprogramm für 2027 bis 2029 wurde Anfang September veröffentlicht. Ankara musste seine bisherige Planung erneut anpassen und den Weg zurück zu dauerhaft niedriger Inflation weiter nach hinten verschieben.

Die Zentralbank selbst hatte ihre Prognose für die Inflation Ende 2026 bereits von 26 auf 28 Prozent angehoben. Ihr Zwischenziel von 24 Prozent wirkt angesichts der aktuellen Energieentwicklung zunehmend ambitioniert.

Gleichzeitig bleibt der hohe Zins für die Lira unverzichtbar.

Investoren können in türkischen Staatsanleihen oder Einlagen hohe Renditen erzielen. Solange die Lira nicht schneller fällt als die Zinsgewinne steigen, bleibt die sogenannte Carry-Trade-Strategie attraktiv. Ausländisches Kapital hilft wiederum, die Währung und die Devisenreserven zu stabilisieren.

Aber dieses Gleichgewicht funktioniert nur, solange das Vertrauen hält.

Ein neuer starker Ölpreisschock, politische Eingriffe Erdogans in die Zentralbank oder eine beschleunigte Abwertung der Lira könnten Investoren schnell wieder vertreiben. Dann würde aus dem hohen Zins kein Schutz mehr, sondern nur noch eine zusätzliche Belastung der heimischen Wirtschaft.

Gerade deshalb ist die Entscheidung, den Leitzins bei 37 Prozent zu belassen, weniger ein Zeichen von Stärke als von Vorsicht.

Die türkische Wirtschaft hat sich von den schlimmsten Inflationsschüben entfernt. Sie ist ihnen aber noch nicht entkommen.

Und ausgerechnet die geopolitische Eskalation in jener Region, in der Erdogan selbst immer stärker als Machtfaktor auftreten will, könnte nun seinen wirtschaftlichen Kurs erneut erschweren.

Denn die türkische Zentralbank kann den Leitzins auf 37 Prozent halten.

Den Weltmarktpreis für Öl kann sie nicht kontrollieren.

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Autor: Redaktion

Artikel veröffentlicht am: Sonntag, 13. September 2026

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