„Sarajevo-Safari“ vor Europas Justiz: Ermittlungen zu bezahlten Schüssen auf Zivilisten
Neue Ermittlungen beleuchten einen kaum fassbaren Vorwurf aus dem Bosnienkrieg: Wohlhabende Europäer sollen bezahlt haben, um in Sarajevo auf Zivilisten zu schießen. Die Justiz mehrerer Länder prüft nun mögliche Beteiligung.

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Es gibt Geschichten aus Kriegen, die selbst Jahrzehnte später kaum auszuhalten sind. Der Verdacht um das sogenannte „Sarajevo-Safari“ gehört dazu. Während die bosnische Hauptstadt Sarajevo in den 1990er-Jahren belagert wurde, während Familien unter Beschuss Wasser holten, Kinder Wege zur Schule suchten und Menschen jeden offenen Straßenabschnitt fürchten mussten, sollen wohlhabende Ausländer aus Europa in die Umgebung der Stadt gebracht worden sein, um von Stellungen bosnisch-serbischer Kräfte aus auf Zivilisten zu schießen. Nicht als Soldaten. Nicht aus einer militärischen Lage heraus. Sondern angeblich gegen Geld, als grausame Form eines tödlichen Nervenkitzels.
Die Vorwürfe sind nicht neu, doch sie erhalten durch neue Recherchen, Bücher, Zeugenaussagen und Ermittlungen in mehreren europäischen Ländern neue Aufmerksamkeit. Bekannt wurde das Thema einer breiteren Öffentlichkeit unter anderem durch den Dokumentarfilm des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič aus dem Jahr 2022. Später trieb der italienische Journalist Ezio Gavazzeni eigene Nachforschungen voran, die in Mailand zu Ermittlungen gegen mutmaßliche Beteiligte führten. Nun werden weitere Details aus dem Buch „Pay and Shoot“ des kroatischen Journalisten Domagoj Margetić diskutiert.
Der Kern des Vorwurfs ist erschütternd. Reiche Männer aus verschiedenen europäischen Ländern sollen während des Bosnienkrieges nach Sarajevo gereist sein, um von Scharfschützenstellungen aus auf eingeschlossene Einwohner der Stadt zu feuern. In einigen Darstellungen ist von regelrechten Preislisten die Rede. Demnach sollen unterschiedliche Summen dafür verlangt worden sein, auf Männer, Frauen, junge Frauen oder sogar schwangere Frauen zu schießen. Solche Angaben sind juristisch sorgfältig zu prüfen. Doch allein, dass Behörden in mehreren Ländern diesen Spuren nachgehen, zeigt, wie ernst die Vorwürfe inzwischen genommen werden.
Sarajevo war zwischen 1992 und 1996 fast vier Jahre lang belagert. 1.425 Tage dauerte der Ausnahmezustand. Die Stadt wurde von den umliegenden Höhen aus beschossen. Rund 350.000 Menschen lebten unter Dauergefahr. Zentrale Straßen wurden zur Todeszone, weil Scharfschützen auf Passanten zielten. Der Begriff „Sniper Alley“ wurde zum Symbol einer Stadt, in der selbst der Weg zum Brot, zur Arbeit oder zur Wasserstelle tödlich enden konnte. Mehr als 11.500 Menschen wurden während der Belagerung getötet, darunter über 1.600 Kinder. Andere Angaben gehen von noch höheren Opferzahlen aus.
Vor diesem Hintergrund wiegt der Verdacht des „Sarajevo-Safari“ besonders schwer. Es geht nicht nur um Kriegsverbrechen im engeren Sinn. Es geht um die mögliche Beteiligung von Menschen, die nicht aus militärischer Not, nicht aus ideologischer Frontzugehörigkeit und nicht als reguläre Kämpfer handelten, sondern angeblich aus perverser Lust am Töten. Sollte sich dies bestätigen, wäre es eines der niederträchtigsten Kapitel europäischer Gewaltgeschichte nach 1945.
Nach den neuen Darstellungen sollen die mutmaßlichen Teilnehmer über verschiedene Routen in die Region gebracht worden sein. Genannt werden unter anderem Wege über Kroatien, über Orte wie Zadar, Split oder Knin, das zeitweise unter serbischer Kontrolle stand. Auch von Treffen in Hotels nahe Zagreb ist die Rede. Einige frühere politische und nachrichtendienstliche Akteure sollen später Hinweise auf solche Strukturen bestätigt oder zumindest entsprechende Informationen erwähnt haben. Gleichzeitig bleibt vieles schwer nachprüfbar, weil der Krieg lange zurückliegt, Dokumente fehlen, Zeugen gestorben sind und Beteiligte ein starkes Interesse daran hätten, zu schweigen.
Besonders belastend sind Berichte über angebliche Dokumente eines bosnischen Geheimdienstoffiziers, der die Vorgänge untersucht haben soll und 1996 getötet wurde. Auch hier gilt: Solche Hinweise müssen von Ermittlern geprüft werden. Doch die vielen Bruchstücke ergeben inzwischen ein Bild, das europäische Justizbehörden nicht mehr ignorieren können.
In Österreich läuft nach Angaben der dortigen Behörden seit April 2026 eine Untersuchung gegen einen österreichischen Staatsbürger und eine weitere Person. Die frühere österreichische Justizministerin Alma Zadić hatte zuvor parlamentarische Fragen gestellt und die Vorwürfe als mögliche schwerste Kriegsverbrechen bezeichnet. Auch in Belgien soll die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen haben. In Italien laufen bereits Untersuchungen in Mailand. Dort werden mögliche Beteiligte geprüft, darunter auch ältere Beschuldigte, die Jahrzehnte nach den Ereignissen ins Visier der Justiz geraten sind.
Für Europa ist dieser Fall unbequem. Denn er zwingt den Kontinent, nicht nur über Täter auf dem Balkan zu sprechen, sondern über mögliche Mittäter aus wohlhabenden westlichen Gesellschaften. Wenn Bürger aus Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Österreich, Belgien, der Schweiz, Russland oder anderen Ländern tatsächlich an solchen Reisen teilgenommen haben sollten, dann wäre das keine ferne Grausamkeit aus einem fremden Krieg. Dann hätte sich Europas Wohlstandswelt direkt mit einem der dunkelsten Kapitel des Bosnienkrieges verbunden.
Gerade deshalb muss die Aufarbeitung nüchtern und rechtsstaatlich sein. Nicht jede Behauptung ist bereits bewiesen. Nicht jede genannte Nationalität bedeutet, dass konkrete Personen identifiziert oder verurteilt sind. Die Unschuldsvermutung gilt auch bei schwersten Vorwürfen. Aber Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht Schweigen. Sie bedeutet, dass Hinweise geprüft, Akten geöffnet, Zeugen gehört und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sich die Vorwürfe erhärten.
Die Opfer von Sarajevo haben ein Recht darauf. Jahrzehnte nach der Belagerung leben viele Familien noch immer mit Verlust, Trauma und unbeantworteten Fragen. Wer damals im Fadenkreuz stand, war kein Symbol, keine Statistik und kein Ziel in einem zynischen Spiel. Es waren Menschen, die versuchten zu überleben. Mütter, Kinder, ältere Männer, junge Frauen, Nachbarn, Kollegen, Schüler. Dass jemand Geld bezahlt haben könnte, um auf sie zu schießen, ist ein Gedanke, der die Grenze des Vorstellbaren berührt.
Der Fall erinnert daran, dass Kriegsverbrechen nicht verjähren dürfen, weder juristisch noch moralisch. Sarajevo war kein Randereignis europäischer Geschichte. Es war eine belagerte Hauptstadt mitten in Europa, während die Welt zusah, verhandelte, zögerte und oft zu spät handelte. Wenn nun herauskommt, dass einzelne Wohlhabende die Hölle dieser Stadt sogar noch als private Jagd missbraucht haben könnten, dann ist das nicht nur ein bosnisches Thema. Es ist ein europäisches.
Die Ermittlungen werden zeigen müssen, was sich beweisen lässt. Doch schon jetzt steht fest: Die Geschichte von Sarajevo ist noch nicht abgeschlossen. Hinter den bekannten Bildern von Einschlägen, brennenden Häusern und Menschen, die geduckt über Straßen rannten, könnten weitere Abgründe liegen. Europa schuldet den Opfern, diese Abgründe nicht aus Bequemlichkeit zuzudecken.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Samstag, 30. Mai 2026