„Fishing for Jews“: Wie antisemitischer Hass in London zur TikTok-Unterhaltung wurde
Junge Männer ziehen mit Angelruten und Geldscheinen durch orthodox-jüdische Viertel Londons, filmen ihre Opfer und laden die Szenen millionenfach ins Netz hoch. Was auf TikTok als angeblicher „Prank“ verbreitet wird, ist in Wahrheit offener Antisemitismus – öffentlich inszeniert, bewusst provozierend und auf maximale Demütigung ausgelegt.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Die britische Polizei spricht inzwischen selbst von gezielten antisemitischen Hassverbrechen. Der aktuelle Fall sorgt deshalb weit über Großbritannien hinaus für Entsetzen. Denn die Täter verstecken ihren Hass nicht mehr hinter Codes oder Andeutungen. Sie präsentieren ihn offen vor der Kamera – als Unterhaltung.
In mehreren Videos laufen junge Männer durch orthodox geprägte jüdische Wohnviertel in London. An Angelruten befestigen sie Geldscheine, um damit „Juden zu angeln“. Andere werfen Münzen oder Geldscheine auf den Boden und filmen jüdische Passanten in der Hoffnung, die Aufnahmen könnten antisemitische Klischees bedienen und viral gehen.
Die Symbolik dahinter ist eindeutig. Seit Jahrhunderten gehören Behauptungen über angebliche „Geldgier“ von Juden zu den ältesten antisemitischen Hetzmotiven Europas. Genau diese Bilder werden nun von Influencern und Social-Media-Akteuren modern verpackt und über TikTok, Instagram oder YouTube millionenfach verbreitet.
Besonders erschreckend ist dabei die völlige Enthemmung. Die Täter reisen gezielt in jüdische Viertel, suchen orthodoxe Juden als Opfer aus und filmen ihre Aktionen bewusst für Reichweite und Aufmerksamkeit. Es geht nicht um Satire. Nicht um Kritik. Sondern um öffentliche Erniedrigung.
Die Londoner Polizei reagierte ungewöhnlich schnell. Zwei Männer wurden innerhalb kurzer Zeit festgenommen und verurteilt. Die Behörden erklärten ausdrücklich, die Aktionen seien gezielte antisemitische Angriffe gewesen, die darauf abzielten, Hass über soziale Medien zu verbreiten.
Doch der eigentliche Skandal reicht tiefer als einzelne Täter. Denn solche Inhalte entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie funktionieren nur, weil antisemitische Bilder im digitalen Raum längst wieder normalisiert werden.
Genau das zeigt sich seit dem 7. Oktober immer deutlicher. Juden werden auf offener Straße angegriffen, bedroht oder beleidigt. In sozialen Netzwerken verbreiten sich antisemitische Verschwörungserzählungen in rasanter Geschwindigkeit. Und viele Täter fühlen sich inzwischen offensichtlich sicher genug, ihren Hass nicht einmal mehr zu verstecken.
Besonders perfide wirkt dabei die Mischung aus Ironie, Meme-Kultur und öffentlicher Demütigung. Viele dieser Influencer versuchen später zu behaupten, alles sei nur ein „Witz“ gewesen. Doch genau das macht modernen Antisemitismus oft so gefährlich: Er tarnt sich als Unterhaltung.
Die Videos erinnern fatal daran, wie Ausgrenzung gesellschaftlich beginnt. Nicht sofort mit Gewalt. Sondern mit Spott, Entmenschlichung und öffentlicher Erniedrigung. Menschen sollen lächerlich gemacht werden, bis ihre Würde nicht mehr zählt.
Hinzu kommt die enorme Reichweite solcher Inhalte. Einige der beteiligten Influencer erreichten laut britischen Medien mit ihren Videos über hundert Millionen Aufrufe. Antisemitismus wird dadurch nicht nur verbreitet, sondern algorithmisch belohnt.
Für viele Juden in London ist die Entwicklung längst zu einer realen Sicherheitsfrage geworden. Orthodoxe Juden sind wegen ihrer Kleidung besonders sichtbar und werden deshalb häufig gezielt ausgesucht. Viele Familien berichten inzwischen offen über Angst im Alltag.
Besonders bitter ist dabei, dass Großbritannien jahrzehntelang als vergleichsweise stabiles und sicheres Umfeld für jüdisches Leben galt. Doch die Stimmung hat sich spürbar verändert. Jüdische Organisationen warnen seit Monaten vor einer massiven Zunahme antisemitischer Vorfälle.
Der Fall zeigt außerdem, wie stark soziale Medien die Grenzen zwischen digitalem Hass und realer Einschüchterung auflösen. Früher blieben antisemitische Parolen oft in extremistischen Randgruppen. Heute werden sie als virale Unterhaltung verpackt und millionenfach konsumiert.
Genau deshalb reicht es nicht, solche Vorfälle als „dumme Jugendstreiche“ abzutun. Wer gezielt Juden erniedrigt, antisemitische Klischees reproduziert und Menschen öffentlich vorführt, betreibt keine Comedy – sondern Hasspropaganda.
Autor: Redaktion
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 13. Mai 2026