Digitale Hetze gestoppt aber nicht erledigt: Antisemitische Karte in Barcelona offline genommen
Erst markiert, dann angeprangert, nun abgeschaltet. Die digitale Karte, die jüdische und israelische Einrichtungen in Katalonien öffentlich sichtbar machte, ist offline. Doch der Schaden reicht weiter als ein deaktivierter Link.

Nach massiver Kritik ist das umstrittene Online-Projekt „BarcelonaZ“ abgeschaltet worden. Die französische Plattform GoGoCarto bestätigte gegenüber dem jüdischen Magazin Enfoque Judío, dass die interaktive Karte nicht mehr erreichbar ist. Der frühere Link führt inzwischen lediglich auf die Startseite der Plattform. Das Projekt ist damit vorerst aus dem Netz verschwunden.
Die Abschaltung erfolgte nicht freiwillig aus Einsicht, sondern nach wachsendem öffentlichen und juristischen Druck. Jüdische Organisationen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Experten hatten das Projekt als offen antisemitisch kritisiert. In Spanien ging schließlich sogar eine formelle Anzeige wegen möglicher Hassdelikte bei der Staatsanwaltschaft ein. Der Vorwurf: gezielte Stigmatisierung und potenzielle Gefährdung jüdischen Lebens.
Denn „BarcelonaZ“ war weit mehr als eine politische Meinungsäußerung. Die Karte markierte gezielt jüdische Geschäfte, israelische Unternehmen, internationale Konzerne mit Israel-Bezug sowie jüdische Bildungs- und Kultureinrichtungen. Darunter auch eine jüdische Schule. Nutzer konnten filtern, Standorte lokalisieren und neue „zionistische“ Ziele melden. Kontrolle oder journalistische Standards existierten nicht.
Was hier entstand, war keine Debatte, sondern ein digitales Verzeichnis. Kein Text, sondern ein Werkzeug. Und genau darin lag die Gefahr. Wer Orte sichtbar macht, macht sie auffindbar. Wer markiert, lädt zur Ausgrenzung ein. In einem Europa, in dem jüdische Einrichtungen längst wieder Polizeischutz benötigen, ist das keine abstrakte Diskussion, sondern eine konkrete Sicherheitsfrage.
Besonders perfide war die ideologische Verschleierung. Die Betreiber, anonym und ohne Verantwortlichkeit, präsentierten sich als Zusammenschluss von Studierenden, Lehrern und Journalisten. In Wirklichkeit bediente das Projekt ein altbekanntes Muster: Unter dem Etikett „Anti-Zionismus“ wurden Juden kollektiv politisiert, wirtschaftlich gebrandmarkt und öffentlich herausgestellt. Eine Unterscheidung zwischen Staat Israel, jüdischen Gemeinden oder einzelnen Unternehmen fand bewusst nicht statt.
Dass die Karte nun offline ist, ist ein notwendiger Schritt. Aber kein ausreichender. Denn das Projekt wurde in linken und anti-israelischen Aktivistenkreisen offen beworben, geteilt und verteidigt. Universitäre Gruppen, sogenannte zivilgesellschaftliche Organisationen und politische Initiativen verbreiteten den Link mit dem erklärten Ziel, die „zionistische Wirtschaft“ bloßzustellen. Das zeigt: Die Idee hinter der Karte lebt weiter, auch wenn die technische Oberfläche verschwunden ist.
Der Fall wirft damit eine grundsätzliche Frage auf: Welche Verantwortung tragen digitale Plattformen, wenn ihre Werkzeuge für Ausgrenzung und Einschüchterung missbraucht werden? Karten sind nicht neutral. Sie strukturieren Wirklichkeit. Sie lenken Aufmerksamkeit. Und sie können missbraucht werden – besonders dann, wenn sie Minderheiten sichtbar und angreifbar machen.
Dass GoGoCarto reagiert hat, ist richtig. Dass es so weit kommen konnte, ist beunruhigend. Und dass solche Projekte in Teilen Europas überhaupt auf Zustimmung stoßen, ist ein politisches und gesellschaftliches Warnsignal.
Die Karte ist offline. Das antisemitische Denken, das sie hervorgebracht hat, ist es nicht.
Autor: Redaktion
Bild Quelle: Screenshot
Artikel veröffentlicht am: Freitag, 2. Januar 2026