Panikrepublik Deutschland: Hauptsache alles brennt

Panikrepublik Deutschland: Hauptsache alles brennt


China „überschwemmt“ uns, Autoexporte „brechen dramatisch ein“, der „Energie-Kollaps“ droht und nach Wahlen geht gleich die nächste Partei „unter“. So klingt ein ganz normaler Montag. Deutschlands Probleme sind real. Aber wir besitzen ein zusätzliches Talent: Wir reden sie so lange größer, bis Angst, Stillstand und Mutlosigkeit selbst zum Problem werden.

Panikrepublik Deutschland: Hauptsache alles brennt
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Montagmorgen in Deutschland. Noch bevor der zweite Kaffee durchgelaufen ist, ist politisch bereits jemand untergegangen und wirtschaftlich droht der nächste Kollaps.

NIUS startet um 6 Uhr mit dem „CDU-Untergang“ und kündigt gleich noch an: „Deutschland droht der Energie-Kollaps.“ Ein paar Stunden später legt BILD nach: „Während China den deutschen Markt überschwemmt: Auto-Export bricht dramatisch ein.“

Wer diesen Montag ausschließlich über Schlagzeilen erlebt, könnte vorsichtshalber schon einmal Kerzen kaufen, sein Auto verkaufen und Chinesisch lernen.

Nur sollte man vorher vielleicht die Zahlen lesen.

Der „dramatische Einbruch“ beim Autoexport bedeutet: Von Januar bis Juli wurden rund zwei Millionen Neuwagen aus Deutschland ausgeführt, vier Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Beim Wert ist der Rückgang mit 8,9 Prozent deutlicher. Das ist schlecht und für die deutsche Autoindustrie ein Warnsignal. Aber vier Prozent weniger Fahrzeuge sind noch kein industrieller Zusammenbruch.

Und die chinesische „Überschwemmung“?

13,8 Prozent der importierten Neuwagen kamen aus China. Aus Tschechien kamen 13,7 Prozent. China: rund 175.000 Fahrzeuge. Tschechien: rund 173.000.

Im selben BILD-Artikel heißt es trotzdem, China sei „mit großem Abstand“ führender Importeur. Der große Abstand beträgt also ungefähr 0,1 Prozentpunkte.

Das eigentlich Beunruhigende braucht überhaupt keine Übertreibung: Die Importe aus China sind innerhalb eines Jahres um 120,9 Prozent gestiegen. Deutsche Hersteller stehen unter gewaltigem Wettbewerbsdruck. Genau darüber müsste man reden.

Aber „China holt auf“ klingt eben nicht so schön bedrohlich wie „China überschwemmt Deutschland“.

Erst den Untergang ausrufen, dann wundern, dass keiner mehr an morgen glaubt

Beim Sprit dasselbe Spiel, nur mit einem sehr realen Kern. Kraftstoffe lagen im August 27,7 Prozent über dem Vorjahresniveau, Energie insgesamt war 10,5 Prozent teurer. Die Inflation erreichte 2,9 Prozent. Wer jeden Tag zur Arbeit fahren muss, braucht niemanden, der ihm erklärt, dass das weh tut.

Darüber muss berichtet werden. Hart, klar und ohne Beruhigungspillen.

Aber aus hohen Energiepreisen wird der „Energie-Kollaps“, aus vier Prozent weniger Autoexporten der „dramatische Einbruch“, aus einem Wahlverlust der „Untergang“.

Kollaps. Absturz. Schock. Beben. Desaster. Überschwemmung.

Deutschland scheint medial kaum noch normale Schwierigkeiten zu besitzen. Alles muss sofort mindestens lebensbedrohlich sein.

Und dann schaut man auf die Wirtschaft des Jahres 2026.

Das ifo Institut hat seine Wachstumsprognose Anfang September nicht gesenkt, sondern auf 1,4 Prozent angehoben. Die Forscher schreiben ausdrücklich: „Die Erholung der deutschen Wirtschaft setzt sich fort.“

Die Reallöhne lagen im zweiten Quartal 1,5 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Nominallöhne stiegen um 4,1 Prozent.

Das heißt nicht, dass Deutschland plötzlich wieder glänzend dasteht. Die Industrie hat Probleme. Unternehmen gehen insolvent. Energie ist teuer. Die Autoindustrie muss sich gegen neue Konkurrenz behaupten. Wachstum von 1,4 Prozent ist kein Wirtschaftswunder.

Aber es ist eben auch kein Kollaps.

Und genau darin liegt etwas sehr Deutsches: Wir können einen Fehler nicht einfach Fehler sein lassen. Wir machen daraus gern den Beweis, dass grundsätzlich alles nicht funktioniert.

Eine Firma scheitert? Dann war offenbar schon die Gründung vermessen.

Ein Großprojekt läuft aus dem Ruder? Dann „kann Deutschland es nicht mehr“.

Eine Reform funktioniert nicht sofort? Weg damit.

Ein Unternehmen versucht etwas Neues und verliert Geld? Hinterher wussten selbstverständlich alle, dass das niemals funktionieren konnte.

Dabei entsteht Fortschritt fast immer auf einem Friedhof gescheiterter Versuche.

Wer etwas baut, kann scheitern. Wer etwas gründet, kann pleitegehen. Wer forscht, kann jahrelang in die falsche Richtung laufen. Wer eine Reform versucht, kann sie korrigieren müssen.

Das Gegenteil davon heißt nicht Erfolg.

Das Gegenteil heißt: gar nichts mehr versuchen.

Dabei gibt es durchaus Menschen, die anfangen. Die KfW zählt für 2025 rund 690.000 Existenzgründungen, deutlich mehr als die 585.000 des Vorjahres. Gleichzeitig nennt sie Bürokratie ausdrücklich als Belastungsfaktor für Gründer.

Genau diese Leute müsste ein Land ermutigen: Macht. Baut. Probiert. Und wenn es schiefgeht, steht wieder auf.

Stattdessen kultivieren wir eine Atmosphäre, in der beinahe jeder Rückschlag als Beweis für endgültiges Versagen behandelt wird.

Das ist keine besonders anspruchsvolle Form von Kritik.

Das ist eine Anleitung zum Stillstand.

Wir klicken auf den Untergang und bekommen immer mehr davon

Warum Medien das machen, ist nicht besonders rätselhaft.

Weil es funktioniert.

Eine große Studie in Nature Human Behaviour untersuchte mehr als 105.000 Varianten von Überschriften mit über 370 Millionen Einblendungen. Bei einer durchschnittlich langen Überschrift erhöhte ein zusätzliches negatives Wort die Klickrate im Mittel um 2,3 Prozent. Die Untersuchung wurde auf der US-Plattform Upworthy durchgeführt und lässt sich nicht eins zu eins auf BILD oder NIUS übertragen. Sie zeigt aber sehr deutlich, warum Katastrophensprache im Netz so verführerisch ist.

Wir klicken den Untergang.

Also bekommen wir mehr Untergang.

Und irgendwann verschiebt sich die Wahrnehmung. Nicht weil die einzelnen Meldungen zwingend erfunden wären, sondern weil aus hundert realen Problemen eine einzige große Botschaft gebaut wird:

Dieses Land kann nichts mehr.

Genau da wird es gefährlich.

Denn wer überzeugt ist, dass ohnehin alles den Bach heruntergeht, investiert anders, konsumiert anders, gründet anders und schaut auch anders auf Politik.

Das lässt sich nicht einfach in Wahlergebnisse umrechnen. Es wäre unseriös zu behaupten, BILD oder NIUS hätten bestimmte Wahlerfolge verursacht. Dafür gibt es keinen Beleg.

Aber Deutschland erlebt gleichzeitig politische Verschiebungen, die enorm sind.

In Sachsen-Anhalt erreichte die AfD im September 43,8 Prozent der Zweitstimmen, nach 20,8 Prozent 2021. Die CDU fiel auf 17,2 Prozent.

In Berlin geschah am 20. September fast das Gegenstück: Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft und gewann 13,4 Prozentpunkte hinzu. Gleichzeitig stieg die AfD auf 16,3 Prozent. CDU und SPD verloren jeweils deutlich.

haOlam hat beim Ergebnis in Sachsen-Anhalt bereits darauf hingewiesen, dass ein solches Ergebnis nicht einfach dadurch erklärt werden kann, Millionen Wähler moralisch abzuschreiben. Vertrauen ist in gewaltigem Umfang verloren gegangen.

Vielleicht sollte deshalb auch die Medienbranche einmal über ihre eigene Rolle im Klima dieses Landes reden.

Nicht über Schuld an Wahlergebnissen. Die lässt sich nicht seriös konstruieren.

Sondern über etwas Grundsätzlicheres.

Was passiert mit einem Land, dem jeden Morgen erzählt wird, dass die Industrie zusammenbricht, die Energieversorgung kollabiert, China es überschwemmt, die Politik untergeht und die nächste Katastrophe schon hinter der nächsten Pushmeldung wartet?

Irgendwann glaubt man nicht mehr nur, dass die Regierung schlecht arbeitet.

Man glaubt, dass nichts mehr funktioniert.

Und genau das ist der Punkt, an dem berechtigte Kritik selbst zerstörerisch werden kann.

Deutschland braucht keine Gute-Laune-Presse. Wir brauchen Journalisten, die Missstände aufdecken, Regierungen nerven, Unternehmen auf die Finger schauen und schlechte Zahlen nicht verstecken.

Aber Kritik muss einen Sinn haben: etwas besser machen.

Nicht das Publikum so lange mit Untergang beschallen, bis es jede Hoffnung auf Verbesserung verliert.

Deutschland hat 2026 genügend Baustellen. Energie, Bürokratie, Infrastruktur, Autoindustrie, Digitalisierung, Schulen, Arbeitsmarkt. Man könnte die Ärmel hochkrempeln und anfangen.

Stattdessen verbringen wir erstaunlich viel Zeit damit, uns gegenseitig zu erklären, warum alles hoffnungslos ist.

Das ist vielleicht die gefährlichste deutsche Wirtschaftskrankheit überhaupt.

Nicht dass wir scheitern.

Sondern dass wir Scheitern behandeln, als dürfe danach nichts mehr kommen.

Andere fallen hin und versuchen es noch einmal. Wir gründen erst einmal einen Arbeitskreis, suchen einen Schuldigen, schreiben zwanzig Leitartikel über das Versagen und erklären anschließend, dass man so etwas künftig besser gar nicht mehr versucht.

Und irgendwann erfüllt sich die Prophezeiung.

Nicht weil Deutschland nichts könnte.

Sondern weil ein Land, das sich jeden Tag erzählt, dass es nichts mehr kann, irgendwann tatsächlich aufhört, etwas zu wagen.

Wenn wir schon dieselbe Sprache wie die Untergangsschlagzeilen verwenden wollen, dann vielleicht einmal richtig: Deutschlands größtes Problem ist nicht, dass alles zusammenbricht. Es ist die Lust, jeden Rückschlag so lange zum Zusammenbruch zu erklären, bis keiner mehr aufsteht.



Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 22. September 2026

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