Der ESC, die taz und das Problem Israel
Wenn Israel beim ESC verliert, ist es normal. Wenn Israel gewinnt oder fast gewinnt, beginnt die Suche nach Erklärungen, Verdacht und Sonderregeln. Genau daran zeigt sich, wie tief das Problem reicht.

Bildnachweis: Symbolbild / KI
Der Eurovision Song Contest war einmal der Ort, an dem Europa sich selbst als leicht, bunt und verbindend sehen wollte. Nicht immer geschmackssicher, nicht immer musikalisch überzeugend, aber getragen von der Idee, dass ein Lied für drei Minuten stärker sein kann als politische Gräben. In Wien ist davon nur noch ein Teil übrig geblieben. Der Wettbewerb war 2026 nicht nur eine Musikshow, sondern ein politischer Schauplatz, an dem sichtbar wurde, wie schwer sich Teile Europas mit Israel tun. Nicht nur mit einer bestimmten Regierung, nicht nur mit einem einzelnen Lied, nicht nur mit einer konkreten Entscheidung aus Jerusalem, sondern mit Israel als sichtbarem, erfolgreichem und nicht ausblendbarem Teil dieser Bühne.
Die taz behandelte diesen Abend unter der Frage, weshalb Israel in Wien trotz Boykott und Protesten so erfolgreich gewesen sei. Schon diese Fragestellung ist bemerkenswert. Sie setzt Israels Erfolg nicht zuerst als mögliches Ergebnis eines gelungenen Auftritts, einer starken Stimme und einer breiten Zuschauerunterstützung voraus, sondern macht ihn vor allem erklärungsbedürftig. Unerwartet viele Zuschauer hätten für Noam Bettan gestimmt, heißt es sinngemäß. Der Erfolg wird dabei mit dem Votingsystem, gezielter Werbung und dem Song „Michelle“ erklärt. Das ist nicht automatisch unzulässig, nicht einmal ungewöhnlich. Natürlich darf Journalismus fragen, wie ein Ergebnis zustande kommt. Doch der Akzent ist entscheidend: Nicht der Applaus steht im Mittelpunkt, sondern der Mechanismus, der diesen Applaus möglich gemacht haben soll.
Genau darin liegt der politische Kern dieser Debatte. Wenn Israel bei einem europäischen Wettbewerb schlecht abschneidet, wird das oft als Stimmungslage hingenommen. Wenn Israel aber viele Stimmen erhält, beginnt sehr schnell die Suche nach technischen, taktischen oder organisatorischen Erklärungen. Dann ist von Televoting, Mobilisierung, Kampagnen, Diasporaeffekten und Werbedruck die Rede. All das kann man untersuchen. Aber auffällig ist, wie schnell Zustimmung zu Israel in den Verdacht des Künstlichen gerät. Als wäre es kaum vorstellbar, dass viele Menschen in Europa einen israelischen Beitrag aus freien Stücken gut fanden. Als müsse Unterstützung für Israel zuerst politisch, strategisch oder technisch eingeordnet werden, bevor sie als echte Zuschauerentscheidung gelten darf.
Der Kontext war eindeutig. Der 70. Eurovision Song Contest in Wien stand unter massivem politischen Druck. Mehrere Länder boykottierten den Wettbewerb aus Protest gegen Israels Teilnahme, vor der Halle wurde demonstriert, Israels Auftritt wurde von Buhrufen begleitet. Trotzdem belegte Noam Bettan mit „Michelle“ den zweiten Platz hinter Bulgarien. Israel erhielt 343 Punkte, davon ein großer Teil aus dem Publikumsvoting. Die Jerusalem Post berichtete zudem, Israel habe im Publikumsvoting aus mehreren Ländern die Höchstwertung erhalten. Das ist keine Randnotiz. Es ist die eigentliche Nachricht: Trotz eines lautstarken kulturellen Ausgrenzungsversuchs entschieden sehr viele Zuschauer anders.
Die taz benennt diesen Erfolg, rahmt ihn aber so, dass er weniger als positives Signal erscheint, sondern vor allem als auffälliges Ergebnis eines Systems. Darin liegt keine platte Feindseligkeit. Gerade deshalb ist es journalistisch interessant. Der Text wirkt nicht wie ein offener Angriff auf Israel, sondern wie ein Beispiel für ein Deutungsmuster, das in vielen deutschen und europäischen Israeldebatten wiederkehrt. Wenn Israel Zustimmung erfährt, wird diese Zustimmung häufig nicht einfach als solche betrachtet. Sie wird seziert, relativiert, erklärt, eingeordnet und mit einem politischen Beigeschmack versehen.
Das ist ein merkwürdiger Umgang mit demokratischer Beteiligung. Beim ESC stimmen Menschen für Beiträge. Sie geben Punkte, weil ihnen ein Lied gefällt, weil sie einen Auftritt stark finden, weil sie ein Land unterstützen wollen oder weil sie ein Zeichen setzen möchten. Genau das ist der Sinn eines Publikumsvotings. Doch sobald Israel von diesem System profitiert, wird das System selbst verdächtig. Dann wird nicht zuerst gefragt, weshalb es in Europa offenbar viele gibt, die sich der antiisraelischen Stimmung nicht anschließen. Dann wird gefragt, weshalb diese Stimmen so wirksam werden konnten.
Besonders problematisch ist der unausgesprochene Maßstab. Antiisraelische Mobilisierung gilt in vielen Kulturdebatten als legitimer Protest. Proisraelische Mobilisierung wird sehr schnell als Kampagne gelesen. Wer Israel ausladen will, beruft sich auf Moral. Wer für Israel stimmt, gerät in die Nähe einer organisierten Dynamik. Das ist kein neutraler Blick, sondern eine politische Gewichtung. Es macht einen Unterschied, ob man Einflussnahme, Werbung und Mobilisierung bei allen Teilnehmern untersucht oder ob ausgerechnet bei Israel der Eindruck entsteht, Zustimmung sei erklärungsbedürftiger als Ablehnung.
Natürlich gab es Diskussionen um Werbung und Aufrufe zur Stimmabgabe. Berichte verwiesen darauf, dass die Europäische Rundfunkunion den israelischen Sender Kan wegen bestimmter Votingaufrufe verwarnte. Auch das darf erwähnt werden. Aber daraus folgt nicht, dass Israels Erfolg künstlich oder unredlich war. Der ESC lebt seit Jahrzehnten von Fanmobilisierung, nationalen Sympathien, Diasporaeffekten, emotionalen Abstimmungen und politischen Signalen. Länder rufen zur Unterstützung ihrer Kandidaten auf, Künstler werben für sich, Fans organisieren sich, soziale Medien verstärken Stimmungen. Nur bei Israel kippt diese Normalität besonders schnell in eine moralische Verdachtsgeschichte.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht das Voting. Das eigentliche Problem ist die europäische Schwierigkeit, Israel als normales Land in einem internationalen Kulturwettbewerb auszuhalten. Israel soll teilnehmen dürfen, solange es nicht zu sichtbar wird. Israel soll singen dürfen, solange es nicht zu viele Punkte bekommt. Israel soll auf der Bühne stehen dürfen, solange der politische Protest die Erzählung behält. Aber sobald Zuschauer Israel nach oben wählen, verändert sich der Ton. Dann wirkt die Teilnahme plötzlich nicht mehr wie gelebte Vielfalt, sondern wie eine Zumutung für jene, die Vielfalt nur dann ertragen, wenn Israel darin klein bleibt.
Dabei war Noam Bettans Erfolg auch musikalisch erklärbar. Selbst kritische Beobachter mussten einräumen, dass „Michelle“ ein starker Beitrag war. Der Auftritt war professionell, emotional zugänglich und für den Wettbewerb geeignet. Wer daraus vor allem eine Geschichte über Abstimmungslogik macht, nimmt dem Künstler etwas weg. Er reduziert seine Leistung auf den politischen Schatten, der über Israel gelegt wird. Genau das geschieht israelischen Künstlern immer wieder. Sie treten nicht einfach als Sänger, Schauspieler, Tänzer oder Musiker auf, sondern werden sofort zu Stellvertretern eines Konflikts gemacht, den andere ihnen auf die Bühne ziehen.
Noch deutlicher wird es beim Boykott. Fünf Länder blieben dem Wettbewerb laut AP aus Protest gegen Israels Teilnahme fern. Das ist kein nebensächliches Detail. Es ist ein kulturpolitischer Vorgang von erheblicher Tragweite. Denn hier verweigerten sich Staaten oder Sender nicht einem bestimmten israelischen Beitrag, sondern der Teilnahme Israels als solcher. Wer das nur als Protestkulisse behandelt, verharmlost den Kern. Der Ausschluss Israels wird im europäischen Kulturbetrieb zunehmend als moralisch akzeptable Forderung behandelt. Genau dagegen stimmten viele Zuschauer, bewusst oder unbewusst, mit ihren Punkten an.
Man muss Israel nicht kritiklos gegenüberstehen, um diese Schieflage zu erkennen. Man muss auch die israelische Politik nicht in jedem Punkt verteidigen, um festzustellen, dass der kulturelle Umgang mit Israel längst eine eigene Dynamik entwickelt hat. Bei kaum einem anderen demokratischen Staat wird so schnell gefragt, ob seine Künstler überhaupt auftreten dürfen. Bei kaum einem anderen Teilnehmer wird Zustimmung so reflexhaft unter Verdacht gestellt. Bei kaum einem anderen Land wird der Erfolg so häufig vom Künstler weg und hin zu politischen Nebenerklärungen geschoben.
Der taz-Text sagt damit auch etwas über einen bestimmten deutschen Israelblick aus. Er beschreibt ein Ergebnis, das nicht in das erwartete Bild passt. Die Proteste waren laut, die Boykotte sichtbar, die Stimmung in Teilen des Kulturbetriebs eindeutig. Und dennoch stimmten viele Menschen für Israel. Diese Realität müsste eigentlich Anlass sein, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen. Vielleicht ist Europa nicht so einheitlich antiisraelisch, wie manche Aktivisten glauben. Vielleicht gibt es eine stille Öffentlichkeit, die den moralischen Druck gegen Israel satt hat. Vielleicht haben viele Menschen begriffen, dass ein jüdischer Staat nicht aus europäischen Bühnenräumen gedrängt werden darf, nur weil lautstarke Gruppen ihn dort nicht sehen wollen.
Stattdessen entsteht in Teilen der Berichterstattung der Eindruck, Israels Erfolg müsse eingefangen werden, bevor er politisch zu viel Bedeutung erhält. Genau das ist der blinde Fleck. Nicht Israel hat den ESC beschädigt. Beschädigt wird der Wettbewerb durch jene, die aus einem Lied eine Ausschlussfrage machen. Beschädigt wird er durch jene, die Toleranz predigen und bei Israel Sonderregeln verlangen. Beschädigt wird er durch ein Milieu, das kulturelle Vielfalt feiert, aber an der sichtbaren Präsenz Israels scheitert.
Der zweite Platz für Noam Bettan ist deshalb mehr als ein gutes ESC-Ergebnis. Er ist ein Signal gegen die Erzählung, Israel sei in Europa nur noch geduldet, aber nicht mehr gewollt. Er zeigt, dass Buhrufe nicht die ganze Öffentlichkeit sind. Er zeigt, dass Boykotte nicht automatisch Mehrheiten schaffen. Er zeigt, dass Zuschauer manchmal klarer urteilen als jene, die ihnen anschließend erklären wollen, weshalb ihr Urteil verdächtig sei.
Die taz, der ESC und Israels Erfolg gehören deshalb in dieser Debatte zusammen. Nicht weil die taz allein für Europas Israeldebatte steht. Sondern weil ihr Text ein Muster sichtbar macht, das weit über diesen Wettbewerb hinausreicht. Israel wird nicht einfach bewertet. Israel wird anders bewertet. Sein Erfolg braucht eine Sondererklärung, seine Gegner erscheinen häufig im Ton moralischer Dringlichkeit, seine Unterstützer bekommen schnell den Beigeschmack gezielter Mobilisierung. Genau diese doppelte Buchführung macht den Umgang mit Israel so vergiftet.
Am Ende bleibt eine einfache Tatsache: Israel wurde angefeindet und trotzdem gewählt. Israel wurde boykottiert und trotzdem getragen. Israel wurde politisch bekämpft und trotzdem musikalisch belohnt. Wer darin nur ein Problem des Votingsystems sieht, hat nicht den ESC verstanden. Und schon gar nicht das Problem, das Europa mit Israel hat.
Der taz-Artikel ist hier zu finden: https://taz.de/Trotz-Boykott-und-Protesten-beim-ESC/!6179954/
Autor: Samuel Benning
Artikel veröffentlicht am: Mittwoch, 20. Mai 2026