Iran verharmlost, Fakten verdrängt: Deutschlands gefährlicher Reflex


Viele in Deutschland reagieren auf den Iran nur dann aufmerksam, wenn Israel zuschlägt. Genau das verzerrt den Blick. Denn der Iran ist kein missverstandener Staat, sondern ein Regime, das auch in Deutschland längst als Sicherheitsproblem auftaucht.

Iran verharmlost, Fakten verdrängt: Deutschlands gefährlicher Reflex
Bildnachweis: Symbolbild / KI

Wer in Deutschland über den Iran spricht, spricht oft erstaunlich ungenau. Sobald IsraelIsrael: Der jüdische Staat im Herzen des Nahen OstensIsrael ist ein demokratischer Staat im Nahen Osten und der Nationalstaat des jüdischen Volkes. Er wurde am 14. Mai 1948 gegründet, seine Hauptstadt ist Jerusalem, die Knesset hat 120 Abgeordnete. Zum Unabhängigkeitstag 2026 hatte Israel rund 10,244 Millionen Einwohner.Mehr lesen militärisch handelt, verengt sich der Blick auf den sichtbaren Schlag. Plötzlich wird fast nur noch darüber diskutiert, dass Israel angegriffen habe. Der Staat, gegen den sich dieser Angriff richtet, rückt dagegen in eine merkwürdige Opferrolle. Aus der Islamischen Republik wird in dieser verkürzten Erzählung nicht das Regime der RevolutionsgardenIslamische Revolutionsgarden: Machtzentrum des iranischen RegimesDie Islamischen Revolutionsgarden sind eine mächtige militärische, politische und wirtschaftliche Organisation der Islamischen Republik Iran. Sie wurden nach der Revolution von 1979 gegründet, unterstehen dem Obersten Führer und steuern über die Quds-Einheit Irans regionales Terrornetzwerk.Mehr lesen, nicht der Förderer der HisbollahHisbollah: Irans Terrorarmee im LibanonDie Hisbollah ist eine schiitisch islamistische Organisation im Libanon. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren mit Unterstützung des Iran aufgebaut, verfügt über eine politische und militärische Struktur und wird von den USA, Israel und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.Mehr lesen, nicht der Verfolger von Oppositionellen, sondern ein Land, das man vor allem vor Israel in Schutz nehmen müsse. Genau dieser Reflex führt in die Irre.

Denn der Iran ist kein fernes Thema, das nur den Nahen Osten betrifft. Das Regime hat auch in Deutschland Spuren hinterlassen, und zwar nicht als kulturelle Randnotiz, sondern als Fall für Sicherheitsbehörden, Innenministerium und Generalbundesanwalt. Wer das ausblendet, weil er zuerst über Israel sprechen will, verwechselt politische Haltung mit Realitätsverweigerung.

Der deutlichste Fall war Hamburg. Am 24. Juli 2024 verbot das Bundesinnenministerium das Islamische Zentrum Hamburg und mehrere Teilorganisationen. Betroffen war auch die Imam Ali Moschee an der Außenalster, die viele als Blaue Moschee kennen. Das Verbot kam nicht aus einer Laune heraus, sondern nach jahrelanger Beobachtung. Der Vorwurf des Ministeriums war schwerwiegend: Das Zentrum habe eine islamistisch-extremistische, totalitäre Ideologie verbreitet, iranische Regimeinteressen vertreten und die Hisbollah unterstützt. Das ist keine Kleinigkeit und keine theoretische Debatte über Außenpolitik. Das ist ein Eingriff des deutschen Staates gegen eine Struktur, die nach Einschätzung der Behörden politisch für Teheran wirkte.

Gerade daran zeigt sich, wie oberflächlich viele Debatten verlaufen. Natürlich geht es nicht darum, Muslime unter Verdacht zu stellen. Natürlich ist Religionsfreiheit zu schützen. Aber Religionsfreiheit ist nicht dafür da, politische Einflussarbeit eines autoritären Regimes zu decken. Wer diesen Unterschied verwischt, hilft am Ende genau jenen Kräften, die Religion als Schutzschild für Machtpolitik nutzen.

Hinzu kommen konkrete Ermittlungen. Am 1. Juli 2025 teilte der Generalbundesanwalt mit, dass der dänische Staatsangehörige Ali S. in Aarhus festgenommen wurde. Ihm wird vorgeworfen, im Auftrag eines iranischen Geheimdienstes in Berlin Informationen über jüdische Orte und bestimmte jüdische Personen gesammelt zu haben. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft könnten diese Ausspähungen der Vorbereitung weiterer Operationen gedient haben, im schlimmsten Fall sogar Anschlägen gegen jüdische Ziele in Deutschland. Für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Doch schon der Inhalt dieses Vorwurfs zeigt, worum es geht: nicht um abstrakte Geopolitik, sondern um mögliche Bedrohungen auf deutschem Boden.

Im Mai 2026 wurde ein weiterer Fall bekannt. Zwei Männer sollen nach dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft im iranischen Auftrag Anschlagspläne verfolgt haben. Genannt wurden ein jüdischer Ort in Berlin sowie prominente Personen mit jüdischem oder deutsch-israelischem Bezug, darunter Josef Schuster und Volker Beck. Auch hier gilt die Unschuldsvermutung. Aber kein seriöser Mensch kann solche Vorgänge noch als Randnotiz behandeln. Wenn jüdische Einrichtungen und bekannte Repräsentanten in Deutschland ins Visier geraten, dann ist das keine bloße Verlängerung eines nahöstlichen Konflikts, sondern eine deutsche Sicherheitsfrage.

Dasselbe Bild zeichnen die Sicherheitsbehörden seit Jahren. Der Verfassungsschutz warnt vor iranischen Nachrichtendiensten, die in Deutschland gegen Oppositionelle, Regimekritiker, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten sowie jüdische und israelische Ziele arbeiten. In einer Antwort der Bundesregierung vom März 2026 heißt es ausdrücklich, dass die Ausspähung und Verfolgung pro-jüdischer und pro-israelischer Ziele weiterhin im Vordergrund iranischer Aktivitäten steht. Deutlicher muss ein Staat kaum werden.

Trotzdem läuft die öffentliche Debatte oft in die falsche Richtung. Statt den Charakter des Regimes ernst zu nehmen, wird so gesprochen, als sei der Iran vor allem deshalb problematisch, weil Israel ihn bekämpft. Das verdreht die Reihenfolge. Der Iran ist nicht bedrohlich, weil Israel ihn als Bedrohung bezeichnet. Er ist bedrohlich, weil er seit Jahren genau so handelt: nach innen repressiv, nach außen aggressiv, regional über Stellvertreter, international mit Geheimdiensten, PropagandaDesinformation: Gezielte Täuschung der ÖffentlichkeitDesinformation bezeichnet bewusst verbreitete falsche oder irreführende Informationen. Ziel ist häufig, Menschen zu täuschen, Vertrauen zu zerstören, Konflikte zu verschärfen oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.Mehr lesen und Einschüchterung.

Besonders unerquicklich ist dabei ein zweiter Irrtum, der sich hartnäckig hält: Viele bringen die Hisbollah in Debatten fast automatisch mit der palästinensischen Sache in Verbindung, als sei sie eine Art weiterer Arm eines allgemeinen Konflikts. Das ist falsch. Die Hisbollah ist keine palästinensische Organisation. Sie ist eine schiitisch-islamistische Terrororganisation im Libanon und ein zentraler Verbündeter Teherans. Wer sie sprachlich in eine diffuse Solidaritätserzählung einbettet, verschleiert ihren eigentlichen Charakter und damit auch den Charakter des iranischen Einflusses in der Region.

Man muss keine israelische Regierungspolitik unkritisch übernehmen, um diese Fakten anzuerkennen. Aber wer jedes Mal beim israelischen Handeln stehen bleibt und den iranischen Machtapparat nur noch als Reaktion darauf betrachtet, urteilt nicht vollständig. Er blendet den entscheidenden Teil aus. Genau das geschieht in Deutschland viel zu oft. Teheran erscheint dann als Gegenpol zu Israel, nicht als Regime mit eigener Ideologie, eigener Gewaltgeschichte und eigener Reichweite bis nach Europa.

Hinzu kommt ein moralischer Fehler, der selten benannt wird. Wer das Regime verharmlost, weil er vor allem Israel verurteilen will, übergeht auch die Opfer im Iran selbst. Frauen, Studenten, Künstler, Journalisten, Oppositionelle und religiöse Minderheiten wissen sehr genau, was dieser Staat ist. Für sie ist Teheran keine missverstandene Macht, sondern ein Unterdrückungsapparat. Wer das in deutschen Debatten vergisst, macht aus den Unterdrückern eine Projektionsfläche für westliche Israelkritik.

Deutschland sollte sich diesen Luxus der Blindheit nicht leisten. Das Verbot in Hamburg, die Festnahme 2025, die bekannt gewordene Anklage 2026 und die Warnungen der Sicherheitsbehörden zeigen ein klares Muster. Der Iran wirkt nicht nur in seiner Nachbarschaft. Er versucht, Gegner zu überwachen, Strukturen zu nutzen und jüdische sowie pro-israelische Ziele in den Blick zu nehmen. Wer all das kleinredet, weil Israel militärisch gehandelt hat, setzt die politische Reihenfolge falsch und verharmlost die eigentliche Gefahr.

Der entscheidende Punkt ist schlicht: Der Iran ist nicht deshalb problematisch, weil Israel ihn bekämpft. Israel bekämpft ihn, weil er problematisch ist. Wer das nicht sehen will, wird über jede neue Eskalation reden, aber nie über ihre Ursache. Genau diese Haltung macht die deutsche Debatte so unerquicklich. Sie wirkt moralisch, ist aber in Wahrheit nur bequem.



Autor: Samuel Benning

Artikel veröffentlicht am: Dienstag, 9. Juni 2026

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